Der Sternhimmel im April

Eine Eistüte im Zenit

Von Harald Marx

01. April 2008 Wie schon im Vormonat steigt die Mittagshöhe der Sonne im April nochmals um mehr als zehn Grad auf zuletzt 55 Grad. Dadurch weitet sich die Länge des lichten Tages um eine Stunde 44 Minuten auf 14 Stunden 40 Minuten am Monatsletzten aus. Da seit Sonntag die Sommerzeit gilt, müssen wir unsere Beobachtungszeiten ebenfalls um eine Stunde verschieben, damit die Änderung des Himmelsausschnitts der Sternkarte im Jahresverlauf konstant bleibt.

In diesem ersten vollen Monat des Sommerhalbjahrs gehen die an hellen Sternen reichen Sternbilder des Winters langsam in der westlichen und südwestlichen Himmelsregion unter. Teile der vorangehenden Bilder Stier und Orion sind schon verschwunden. Bis auf Rigel im Orion, der unmittelbar über der Horizontlinie zu finden ist, sind aber alle hellen Sterne der Wintersternbilder wie Capella im Fuhrmann, Aldebaran im Stier, Beteigeuze im Orion, Sirius im Großen Hund, Prokyon im Kleinen Hund sowie Kastor und Pollux in den Zwillingen noch zu erkennen. Den auffälligen Helligkeitsschwerpunkt am Himmel - wie noch in den vergangenen drei Monaten - bilden diese Sterne aber nun nicht mehr.

Papierdrache oder Eistüte

Im zenitnahen Gebiet erkennt man die wohlbekannten Konturen des Großen Wagens. Dem Schwung seiner Deichselsterne nach unten folgend, trifft man auf einen hellen gelbroten Stern, Arkturus im Bootes. Das Sternbild Bootes ist recht markant, es hat die Form eines Papierdrachens. Die Amerikaner sehen in seinen Konturen eine Eistüte.

Der Blick an den Südhimmel zeigt das Doppeltrapez des Löwen. Der Löwe passiert gerade die Südlinie und wird als das typische Frühlingssternbild angesehen. Regulus, der Löwenhauptstern, steht fast exakt auf der Ekliptik, der scheinbaren Sonnenbahn, in deren Nähe auch Mond und Planeten ihre Bahnen ziehen. So kann es nicht verwundern, wenn wir jetzt in geringem Abstand östlich von Regulus ein weiteres, etwa doppelt so helles Gestirn vorfinden, nämlich den Planeten Saturn. Südöstlich vom Löwen treffen wir auf die Jungfrau, die wie der Löwe ein Mitglied des Tierkreises ist, also von der Ekliptik durchquert wird.

Viele schwache Sternenbilder

Unterhalb von Krebs, Löwe und Jungfrau zieht sich eine Kette von schwachen Sternen am Horizont entlang, die Konstellation Wasserschlange oder Hydra. Ihr Hauptstern Alphard, ein Stern zweiter Größe, das Herz der Wasserschlange, ragt in dieser an hellen Sternen armen Region heraus. Der arabische Name Alphard deutet dies an: Er bedeutet „der Einzelstehende“. Zwischen der Wasserschlange und den Sternen der Jungfrau sind zwei weitere schwache Sternbildchen zu finden, Becher und Rabe. Während der Becher am Großstadthimmel kaum aufzufinden ist, kann der Rabe dank hellerer Sterne und seiner markanten Vierecksform leicht ausgemacht werden. In der sternarmen Gegend zwischen Großem Wagen, Bootes und Jungfrau sind zwei weitere lichtschwache Sternbildchen nur schwer zu entdecken, die Jagdhunde und das Haar der Berenike, oft nach dem lateinischen Namen für Haar „Coma“ genannt.

Im nördlichen Teil des Sternbilds liegt der Nordpol unserer Milchstraße. Wenn wir in diese Richtung blicken, schauen wir senkrecht aus der Milchstraßenscheibe heraus. Da das Milchstraßensystem ein stark abgeplattetes, diskusförmiges Gebilde ist, nimmt die Sternhäufigkeit senkrecht zur Milchstraßenebene rasch ab. Außerdem fehlen die das Sternenlicht absorbierenden Staubwolken, welche eng an die Milchstraßenebene gebunden sind, so dass in dieser Gegend der Blick auf die Umgebung freigegeben wird. Daher sind in den Sternbildern Löwe, Großer Wagen, Jagdhunde, Haar der Berenike und Jungfrau eine große Anzahl von Nebelflecken zu finden, ferne Geschwistersysteme unserer Milchstraße. Sie werden in Anlehnung an das griechische Wort für Milch „Galaxien“ genannt.

Mehrere hunderttausend Mitgliedsgalaxien

Häufig treten Galaxien nicht einzeln, sondern in durch die Gravitation zusammengehaltenen Gruppen, sogenannten Galaxienhaufen, auf. Auch unsere Milchstraße gehört zu einem Galaxienhaufen, der „Lokalen Gruppe“. Diese hierarchische Gliederung setzt sich in den Supergalaxienhaufen fort, denen wiederum eine Vielzahl von Galaxienhaufen angehören. Einige der näheren Supergalaxienhaufen sind der Coma-, der Perseus- und der Herkules-Superhaufen.

Vor etwa zwanzig Jahren wurde entdeckt, dass sich einige Galaxienhaufen mit teilweise großer Geschwindigkeit in Richtung des Sternbilds Zentaur bewegen. Auch unser Milchstraßensystem nimmt mit mehr als 600 Kilometern in der Sekunde an dieser Bewegung teil. Als ziehende Masse wird ein „Großer Attraktor“ genannter Supergalaxienhaufen im Sternbild Zentaur vermutet, der mehrere hunderttausend Mitgliedsgalaxien aufweist, über ungefähr 50 Billiarden Sonnenmassen verfügt und etwa 300 Millionen Lichtjahre von uns entfernt ist.

Ein Himmelsobjekt für Frühaufsteher

Doch zurück zum heimatlichen Sternhimmel. Von den Herbststernbildern sind nur noch die Zirkumpolarbilder Kepheus und Kassiopeia im Norden sowie der Perseus im Nordwesten übriggeblieben. Im Nordosten haben sich der Herkules und die Nördliche Krone vollständig vom Horizont gelöst. Weiter nördlich, ebenfalls in unmittelbarer Horizontnähe, kündigen die beiden nördlichsten Ecksterne des großen Sommerdreiecks, Wega und Deneb, den Sommer an.

Die Planeten Mars und Saturn dominieren auch im April den Abendhimmel, wobei der Mars etwas lichtschwächer als der Ringplanet erscheint. Der Rote Planet Mars bewegt sich ostwärts durchs Tierkreisbild Zwillinge. Am 12. des Monats stattet ihm der Mond einen Besuch ab. Saturn steht im Löwen nahezu still. Am Abend des 15. April zieht der Mond südlich an dem ringgeschmückten Planeten vorbei. In den letzten drei Apriltagen kann der Merkur in den frühen Abendstunden tief am nordwestlichen Horizont aufgesucht werden. Der Jupiter bleibt im April ein Himmelsobjekt für Frühaufsteher. Zwar erfolgen seine Aufgänge am Monatsende fast zwei Stunden früher als an dessen Anfang, dennoch muss man sich auch am Monatsletzten bis 2.15 Uhr gedulden, um den Riesenplaneten, der sich im Augenblick im Schützen aufhält, sichten zu können.

Sonne: 1. April Sonnenaufgang 7.01 Uhr, Sonnenuntergang 19.57 Uhr; 30. April Sonnenaufgang 6.03 Uhr, Sonnenuntergang 20.43 Uhr.

Mond: 6. April, 5.55 Uhr: Neumond; 12. April, 20.32 Uhr: Erstes Viertel; 20. April, 12.25 Uhr: Vollmond; 28. April, 16.12 Uhr: Letztes Viertel.



Text: F.A.Z., 31.03.2008, Nr. 75 / Seite 10
Bildmaterial: dpa

 
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