Deep Impact

Interdependence Day

Von Ulf von Rauchhaupt

Komet Tempel 1 Sekunden nach dem Aufprall

Komet Tempel 1 Sekunden nach dem Aufprall

11. Juli 2005 Es hörte sich ziemlich gemein an. Und irgendwie typisch. Am vergangenen Montag, am amerikanischen Unabhängigkeitstag, schoß eine Nasa-Sonde mit dem hollywoodesken Namen "Deep Impact" eine Lenkwaffe aus Schwermetall in den festen Kern des Kometen Tempel-1. Jaja, mag da mancher denken, weiße Männer, die als Kinder zuviel "Raumschiff Enterprise" geguckt haben, bauen sich eine Weltraumkanone, um was zu beweisen, und sei es ihre Unabhängigkeit von der Weltmeinung. Vielleicht wollten sie damit auch von den Kalamitäten ablenken, in die ihre Regierung mit ihren aktuellen Cowboyspielen geraten ist? Oder bilden sie sich am Ende ein, daß man, enstprechend gerüstet, selbst einen die Erde bedrohenden Kometen nicht fürchten muß?

Nun wußte natürlich auch die Nasa, daß die Aufprallenergie des kühlschrankgroßen Projektils gerade mal einer Explosion von 4,8 Tonnen gewöhnlichem Sprengstoff entsprechen würde - viel zuwenig, um einen Kometenkern zu sprengen, der halb so groß ist wie Manhattan. Dennoch muß der Aufprall ein ordentliches Loch in den unschuldigen Schweifstern gerissen haben. Jedenfalls weiden sich die Forscher seitdem an einer hellen Trümmerwolke aus feinem Staub und an Meßdaten, die zeigten, das da allerhand Chemikalien in den interplanetaren Raum spritzten, darunter auch Alkohol und Blausäure.

Gefährliche Keime freigesetzt?

Das klingt gefährlich, ist aber für die Forscher nicht überraschend. Sie wissen schon länger, daß Kometeneis neben Wasser und Kohlendioxyd noch allerhand andere Verbindungen enthält. Aber müßte man dann nicht Chandra Wickramasinghe von der Universität von Cardiff glauben? Der nervt seine Fachkollegen seit Jahren mit der Theorie, auf die Erde regneten ständig extraterrestrische Mikroben ein. In Bild machte sich der aus Sri Lanka stammende Astronom denn auch prompt Sorgen, ob die Ballerei nicht gefährliche Keime freigesetzt habe.

Nun werden die Ideen des Herrn Wickramasinghe von den meisten Forschern als fast so abwegig beurteilt wie die Astrologie. Das hält ein Blatt wie Bild natürlich nicht davon ab, die Störungen zu erwägen, die ein so unsensibler Umgang mit dem Himmelskörper in unser aller Sternenschicksal anrichtet. "Meine Horoskope stimmen nicht mehr", wird eine russische Astrologin namens Marina Bai zitiert. "Für alle Menschen hat dieses Manöver die kosmische Harmonie zerstört." Weshalb die Dame die Nasa nun auf 255 Millionen Dollar Schadensersatz verklagen will.

Immerhin, auch andere Medien fragen, ob die Amerikaner so etwas denn überhaupt dürfen. Was Nationen im All erlaubt ist und was nicht, das regelt der Weltraumvertrag von 1967, den auch die Vereinigten Staaten ratifiziert haben. Danach darf man explizit alles tun, was der friedlichen Forschung dient und nicht die Interessen anderer Vertragspartner berührt - oder jemanden in Gefahr bringt.

Eine Frage der Erziehung

Oberflächlich betrachtet, scheint die Frage nun die, ob der Beschuß mit einem 370-Kilo-Projektil noch als friedliche Forschung gelten kann - immerhin hat das Verfahren artilleristische Züge, und einige Forscher vermuteten vor dem Ereignis, daß der Komet dabei auch hätte zerbrechen können. Näher betrachtet, macht es allerdings keinen rechten Unterschied, ob Deep Impact einen Kometen zerstört oder der Mars-Rover einen Stein anfräst. Kometen gibt es wie Sand am Meer oder Felsen auf dem Mars - und in beiden Fällen geht etwas im Namen der Wissenschaft kaputt.

Das gibt auch Stephan Hobe zu, Professor für Weltraumrecht an der Universität Köln. Trotzdem möchte Hobe die Frage, ob Deep Impact zum Geist des Weltraumvertrages paßt, wenigstens stellen. "Das ist auch ein erzieherisches Problem", meint Hobe. "Sonst plant man als nächstes einen noch größeren Knall in näherer Umgebung der Erde."

Nun befand sich Tempel-1, als ihn die amerikanische Kupferkugel traf, fast so weit von der Erde entfern wie die Sonne, deren Eruptionen deutlich energiereicher sind als eine 4,8-Tonnen-Explosion. Und Chemikalien aus Kometen können uns auf der Erde erst recht egal sein. "Das Deep-Impact-Experiment ist weltraumrechtlich nicht zu verurteilen", sagt denn auch Hobes Kollege Kai-Uwe Schrogel vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. "Allerdings", gibt er zu bedenken, "hat sich das Weltraumrecht seit 1967 weiterentwickelt."

Gefahr für die Erde abwenden

Offensichtlich ist es das wachsende Bewußtsein um die Fragilität einer einst als grenzenlos robust angenommenen irdischen Umwelt, das jetzt auch das Denken der Weltraumjuristen beeinflußt. Ihnen geht es dabei weniger um die Harmonie des Universums als um den Ausschluß auch indirekter Gefährdungen von Menschen, und zwar auch solcher, die entstehen, wenn man allzu klare Grenzen zwischen den Termini "gefährlich" und "völlig unproblematisch" zieht.

Doch ebenso wie zunächst zweckfreies Forschen gänzlich verborgene Gefahren bergen kann, so können die dabei gewonnenen Kenntnisse auch umgekehrt zur Reduzierung von Gefährdungen beitragen. So ist durchaus vorstellbar, daß die Menschheit einmal vor der Frage steht, ob man einen auf die Erde zurasenden Kometen sprengen sollte oder ob die Trümmer dann nicht noch mehr Schaden anrichten. Dazu wären Kenntnisse über den inneren Aufbau solcher Brocken von Nutzen.

Die Erlangung genau dieser Kenntnisse waren das eigentliche Ziel des Feuerwerks vom vergangenen Montag, das auch das alte Europa mit Begeisterung und den besten verfügbaren Instrumenten verfolgte. Und natürlich sind Europas Wissenschaftler keineswegs zarter besaitet als ihre amerikanischen Kollegen, nur weil ihre eigene Kometensonde "Rosetta" im Jahr 2014 ihr Ziel eher minimalinvasiv anpieksen wird.

Europäer diesmal in der zweiten Reihe

Allerdings saßen die Europäer diesmal in der zweiten Reihe. Den Kometen hatte die Nasa nämlich tatsächlich so ausgewählt, daß das Spektakel auf den Unabhängigkeitstag fiel. Zudem sollte das Abfangmanöver mit den größten amerikanischen Teleskopen, nämlich denen auf Hawaii, optimal zu sehen sein. Die europäischen Superfernrohre in Chile lagen zu weit östlich und bekamen die durch den Einschlag aufgewirbelte Wolke aus Staub und Gas erst Stunden nach dem Crash vor die Linse.

Andererseits dürften die europäischen Messungen die der amerikanischen Wissenschaftler am Ende ergänzen. In der Auswertungsphase, die gerade erst begonnen hat, sind die Forscher auch in diesem Weltraumkommando international aufeinander angewiesen. Unabhängigkeitstag hin oder her.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.07.2005, Nr. 27 / Seite 60
Bildmaterial: Esa, Eso, HST, NASA/JPL-Caltech/UMD

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