25. April 2008 Nephentes Mensae. Wer sich mit Homers Odyssee auskennt, verbindet mit dieser Bezeichnung jenen Zaubertrank, der die schöne Helena all' ihre Sorgen vergessen ließ. Planetenforscher gaben einer Region am Übergang zwischen Hoch- und nördlichem Tiefland auf dem Roten Planeten ebenfalls diesen Namen. Vielleicht drücken sie damit auch ihre Hoffnung aus, dass in dieser Gegend einmal der Zaubertrank des Lebens geflossen ist: Wasser. Neu präsentierte Aufnahmen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit der hoch auflösenden Stereokamera auf dem Esa-Satelliten Mars Express, der seit Weihnachten 2003 den äußeren Nachbarplaneten der Erde umkreist, zeigen nun ein Tal in der Region Nepenthes Mensae, dass in früheren Zeiten von fließendem Wasser geformt worden sein könnte.
Das nur etwa 30 Kilometer lange und bis zu 1000 Meter tiefe Tal liegt nach Angaben des DLR in einem durch steile Geländekanten und zahlreiche Tafelberge gekennzeichneten Gebiet in Nepenthes Mensae - bei drei Grad nördlicher Breite und hunderteinundzwanzig Grad östlicher Länge auf dem Mars-Globus. Für besonders auffällig hält das internationale Wissenschaftsteam um den Berliner Planetenforscher Gerhard Neukum die Struktur im südlichen Teil der im Januar entstandenen Aufnahme (links in Bild 1), die an Flussdeltas auf der Erde erinnere (Bild 2). Offensichtlich sei entlang der Talrinne (Bild 3), die an dieser Stelle in Nepenthes Mensae mündet, Material abgetragen und am Ende des Tals fächerartig abgelagert worden. Der den Fächer begrenzende Berghang ist etwa 300 Meter hoch. In der Region, in der die Grabenstruktur ihren Ausgang nimmt und in der das Tal etwas breiter ist, sind - neben ausgedehnten Dünenfeldern - ebenfalls Erosionsformen und Ablagerungen zu erkennen, die - so die Vermutung der Forscher - aus dem verästelten, kurzen Oberlauf des Talsystems hierher getragen wurden.
Erosionsprozesse wie auf der Erde?
Im zentralen Teil der Nepenthes-Tiefebene sind zahlreiche Hügel, Restberge und tafelbergartige Erhebungen (lateinisch: Mensae; siehe Bild 4) zu erkennen. Dabei handelt es sich nach Angaben des DLR um Reste des im Westen und Südwesten angrenzenden Hochlandes, die den Kräften der Verwitterung offensichtlich länger widerstehen konnten und nicht oder nicht vollständig von der Erosion abgetragen wurden. Durch Erosionsprozesse sei ein Großteil des ursprünglich vorhandenen Materials entfernt worden, zurück seien die noch heute vorhandenen Erhebungen geblieben.
Aus der Struktur am Ende des auf den aktuellen Aufnahmen erkennbaren Tals, das aus dem Hochland in das Nepenthes Mensae-Gebiet mündet, erkennen die Wissenschaftler Ablagerungsformen, die jenen in irdischen Flussdeltas ähnlich. Dies lässt vermuten, dass sie auf vergleichbare Weise entstanden sind. Delta-Ablagerungen entstehen auf der Erde, wenn Wasser Sedimente transportiert und bei nachlassender Strömungsgeschwindigkeit wieder ablagert - beispielsweise, wenn sich der Flusslauf verbreitert und dadurch das Wasser mit geringerer Geschwindigkeit fließt und die Energie zum Mitführen der Sedimentfracht nicht mehr ausreicht, berichtet die DLR. Da die genaue Struktur des Delta-Querschnitts nicht erkennbar sei, sei eine genauere Zuordnung der Entstehung eines Delta-Typs nicht möglich.
Bei genauerer Betrachtung lassen sich jedoch zwei Phasen der Ablagerung unterscheiden, was auch auf zwei Flutungsperioden schließen lässt. Eine Phase bildete einen Fächer mit einer deutlichen, durch einen relativ steilen Abhang begrenzten Geländekante im Auslauf, die darauf hindeuten könnte, dass die Mündung in ein stehendes Gewässer oder Eis erfolgte. Während einer anderen Phase entstand eine kegelförmige Struktur, die sich bis weit in das tiefer liegende Gebiet erstreckt.
Text: @dho/FAZ.NET
Bildmaterial: Esa/DLR/FU Berlin (G. Neukum), Nasa, Nasa/JPL/Mola; FU Berlin
