29. Juli 2005 Den klassischen Vorstellungen der Astronomen zufolge sollte es sich bei den Monden der großen, sonnenfernen Planeten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun im wesentlichen um tote Welten handeln, in deren Innern jegliche Aktivitäten weitgehend erloschen sind. Die Raumsonden, die in diese Regionen vorstießen, fanden dagegen erhebliche Abweichungen von der Regel, die zum Teil bis heute Rätsel aufgeben.
Auch der Saturnmond Enceladus paßt nicht in das einfache Schema. Fotos von der Südpolarregion des Trabanten, die die amerikanische Raumsonde Cassini vor zwei Wochen aus der Nähe aufgenommen hat, liefern jetzt mysteriöse Hinweise auf Aktivitäten in der astronomisch jüngsten Vergangenheit.
Geologische Aktivitäten auf dem Enceladus
Die größte Überraschung bei der Erforschung des Sonnensystems war für die Astronomen die Erkenntnis gewesen, daß der Jupitermond Io den heftigsten auch heute noch aktiven Vulkanismus aufweist.
Als Unikum stellte sich auch der Jupitermond Europa heraus. Es fanden sich Hinweise, daß sich unter seiner Eisschicht ein großer Ozean verbirgt, dessen Wasser trotz der großen Distanz zur Sonne nicht gefroren ist. Ob sich auf dem Saturnmond Titan bis in unsere Zeit Seen aus Methan gehalten haben, ist noch unklar. Auf dem Enceladus schließlich entdeckten die Forscher eine Reihe von Strukturen, die nur durch geologische Aktivitäten entstanden sein können.
Das größte Reflexionsvermögen im Sonnensystem
Der Mond Enceladus, der einen Durchmesser von etwa 500 Kilometern hat, ist im Jahr 1789 von dem deutschstämmigen Astronomen Friedrich Wilhelm Herschel entdeckt worden. Ursprünglich ein Militärmusiker, hat sich dieser in England dem Teleskopbau und den Beobachtungen zugewendet.
Der nach einem Titanen aus der griechischen Mythologie benannte Trabant zeichnet sich durch die höchste Albedo - also das größte Reflexionsvermögen - aller Körper im Sonnensystem aus. Seine Oberfläche wird von frischem Eis dominiert.
Große Ebenen, Bergkämme und Bruchkanten
Insbesondere die von der Raumsonde Cassini während mehrerer Vorbeiflüge aufgenommenen Bilder ließen erkennen, daß Enceladus ein äußerst vielfältiges Erscheinungsbild aufweist. Während die meisten großen Saturnmonde im wesentlichen von Einschlagkratern vernarbt sind, lassen sich auf Enceladus fünf ganz unterschiedliche Oberflächentypen erkennen.
In großen Regionen finden sich nur wenige Krater, und viele von diesen sind Cassini zufolge geglättet, haben also ihre scharfen Ränder verloren. Zum Teil scheinen sie mit zähflüssigem Material gefüllt worden zu sein. Viele der Krater werden von Verwerfungen durchschnitten, die demnach später entstanden sind. Daneben weist der Mond große Ebenen sowie Bergkämme und gerade Bruchkanten auf. All dies spricht dafür, daß die jetzige Oberfläche in jüngerer Zeit - vielleicht in den vergangenen hundert Millionen Jahren - geformt wurde.
Hausgroße Blöcke aus Eis
Die neuen Bilder von Cassini zeigen in der Südpolarregion des Mondes eine Welt, in der die Aktivitäten noch weiter in die Gegenwart hinein gewirkt haben dürften. Viel verbreiteter als in andern Regionen sind dort offenbar Brüche im Eis, von denen etliche ausgesprochen klein und trotzdem noch nicht verschwunden sind, also verhältnismäßig jung sein dürften.
Die Region ist im Gegensatz zum Rest des Mondes von keiner Schicht aus feinkörnigen Frostpartikeln bedeckt. Auch Krater fehlen. Statt dessen findet man hausgroße Blöcke aus Eis (mit Durchmessern von zehn bis hundert Metern), für die es bislang keine Erklärung gibt.
Jugendliche Landschaften
An der Grenze zwischen der jungen südpolaren Region und der älteren Umgebung scheinen sich systematisch parallel verlaufende Bergrücken und Täler gebildet zu haben. Die Forscher hoffen, aus ihrer Orientierung Rückschlüsse darauf gewinnen zu können, wie sich das Rotationsverhalten des Himmelskörpers im Laufe der Jahrmillionen entwickelt hat und woher die Energie für die jüngeren Aktivitäten stammen könnte. Die Hitze vom Zerfall radioaktiven Materials in seinem Innern ist jedenfalls längst verschwunden.
Die Hinweise auf jugendliche Landschaften sind auch für jene Wissenschaftler von Interesse, die den feinen, diffusen E-Ring des Saturns erforschen. Dessen Material kann sich nur etwa tausend Jahre lang in dem Ring halten, es muß also eine Quelle für regelmäßigen Nachschub geben. Wegen seiner Bahn ist Enceladus schon lange verdächtigt worden, diese Quelle zu sein. Die Hinweise auf jüngere Aktivitäten passen in dieses Bild.
Text: F.A.Z., 29.07.2005, Nr. 174 / Seite 34
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material der Nasa, FAZ.NET, Nasa, Nasa