06. März 2008 Der Start des Weltraumtransporters ATV an diesem Sonntag ist nach Expertenmeinung ein wichtiger Schritt für Europa hin zu vollautomatischen Missionen zum Mars oder Mond. Das Neue ist, dass ATV völlig autonom ohne manuelle Hilfe an eine Raumstation andocken kann, sagt der Leiter des ATV-Flugbetriebs in Darmstadt, Kris Capelle. Eine menschliche Unterstützung wäre zwar auf der ersten Reise des unbemannten Esa-Frachtschiffs Jules Verne zur 400 Kilometer von der Erde entfernten Internationalen Raumstation (ISS) möglich gewesen. Nicht aber bei künftigen Zielen im All: Deshalb haben wir diese Möglichkeit bei ATV bewusst ausgeschlossen. ATV ist die Abkürzung für Automated Transport Vehicle.
Wenn der zehn Meter lange Transporter vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana startet, wird er zunächst nicht unbewacht zur ISS steuern. Beim Jungfernflug beobachten wir ATV ständig, um sicher zu sein, dass er genau das macht, was er soll, sagt Capelle. Alle Systeme und Instrumente an Bord des nach dem französischen Mit-Erfinder des Science-fiction-Genres benannten Gefährts würden mehrmals vor dem Rendezvous mit der ISS getestet. Wenn etwas schief geht, müsste ATV das selbst merken und abhauen. Danach hätten die Wissenschaftler auf der Erde zwei Tage Zeit, das Problem zu beheben. Und wenn alles gut geht, habe ich überhaupt nichts zu tun. Capelle ist als einer von vier Leitern des Flugbetriebs für die letzten 3,5 Flugkilometer und das Andocken an die ISS verantwortlich. Bei diesem Endanflug messen Laserstrahlen den Abstand zur Raumstation.
Rekordlast für die Ariane 5
Das größte Risiko birgt nach Capelles Worten die Ariane-5-Trägerrakete. Denn sie hatte noch nie eine derart schwere Last zu stemmen: Jules Verne wiegt beim Abflug inklusive Ladung rund 20 Tonnen. Es besteht die Gefahr, dass Ariane zündet, aber nicht abhebt. Bei 600 Tonnen Treibstoff an Bord der Ariane würden Rakete und ATV zerstört. Im weiteren Flugverlauf sieht Capelle hingegen wenig Gefahren: Es fielen auch schon mal mehrere Systeme auf einmal aus. Aber das sollte nicht passieren.
Jules Verne wird die ISS mit mehreren Tonnen Wasser, Nahrung, Treibstoff, Gasen und Kleidung versorgen. Zu den Aufgaben zählt auch das Anheben der ISS, die täglich um etwa zehn Meter, teils sogar bis zu 200 Meter, absinkt. Mit dem Müll der Station fliegt die Raumfähre im August Richtung Erde und verglüht. Einige Antriebsdüsen aus hartem Metall verglühen nicht. Sie stürzen in den Pazifik und versinken dort, sagte Capelle.
Insgesamt fünf ATVs will die Esa in den kommenden Jahren zur ISS schicken. Ihre Bedeutung nimmt nach 2010 zu, wenn der Space Shuttle der Nasa aus dem Verkehr gezogen wird. Dann könnte der automatische Raumtransporter, der bisher 1,3 Milliarden Euro kostete, Europa neben
Ruhm auch Geld einbringen. Capelle: Ich weiß, dass die Amerikaner schon Interesse an ATV haben.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AFP
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, Esa