19. August 2005 Der nächste Flug einer amerikanischen Raumfähre kann frühestens im März 2006 stattfinden. In aller Ruhe wolle die Weltraumbehörde Nasa zunächst die zahlreichen Probleme mit der Schaumstoffisolierung des Treibstofftanks lösen, bevor sie erneut das Risiko eingehe, Astronauten in den erdnahen Weltraum zu schicken, begründete der neue, für die bemannte Raumfahrt zuständige Nasa-Direktor William Gerstenmaier am Donnerstag die erhebliche Verzögerung im Shuttle-Flugplan.
Obwohl die Ingenieure der Behörde nach dem Verlust der "Columbia" im Februar 2003 erhebliche Anstrengungen unternommen hatten, die Isolierung zu verbessern, waren beim jüngsten Start der Fähre "Discovery" wiederum mehrere große Stücke Schaumstoff vom Tank abgerissen. Die Entscheidung der Nasa, mit weiteren Flügen bis zum Frühjahr zu warten, zeigt nicht nur, daß die Isolierung des Tanks ein weitaus größeres technisches Problem ist als bisher angenommen. Sie stellt auch den weiteren Ausbau der Internationalen Raumstation (ISS), wenn nicht sogar das Shuttle-Programm selbst in Frage.
Tanks verglühen
Der Außentank besteht aus Aluminium und enthält jene beiden Treibstoffkomponenten, die in den drei Haupttriebwerken der Raumfähre verbrennen. Er faßt etwa 540.000 Liter flüssigen Sauerstoff und knapp 1,5 Millionen Liter flüssigen Wasserstoff. Die in Michoud im Bundesstaat Louisiana gebauten Tanks werden im Gegensatz zur Raumfähre und zu den beiden Zusatzraketen nicht wiederverwendet. Sie verglühen nach dem jeweiligen Start in der Erdatmosphäre, die dabei übrigbleibenden Bruchstücke fallen in den Ozean. Der Tank muß isoliert sein, denn die beiden Treibstoffkomponenten werden darin in flüssiger Form transportiert. Ohne die Isolierung - sie hat eine mit Styropor vergleichbare Konsistenz und gibt dem Tank die rostbraune Farbe - würde der Treibstoff verdampfen. Außerdem schlüge sich die subtropische Luftfeuchtigkeit am Cape Canerveral an der Außenwand des Tanks als dicke Eisschicht nieder. Das Eis kann beim Start in Brocken abfallen und dabei Löcher in den Hitzeschutzschild der Raumfähren schlagen.
Bis zum letzten Start der "Columbia" im Januar 2003 galt diese Vereisung als die größte vom Tank ausgehende Gefahr für die Raumfähren. Bei jedem Start rissen zwar auch immer wieder Stücke der Schaumstoffisolierung ab. Unter der falschen Annahme, daß diese Stücke leichten Schaumstoffs keine Schäden an den angeblich widerstandsfähigen Hitzekacheln anrichten können, ignorierten die Nasa-Ingenieure das Problem. Der Verlust der "Columbia" zeigte aber, wie gefährlich die Schaumstofffragmente wirklich sind. So gestand Nasa-Chef Michael Griffin jetzt ein, man sei hundertdreizehnmal geflogen, ohne grundsätzlich über die Isolierung nachzudenken. Deshalb wurde beim jüngsten Flug der "Discovery" das Abpellen des Schaumstoffs zum erstenmal überhaupt gründlich untersucht. Obwohl es, so Gerstenmaier, noch mindestens zwei Wochen dauern werde, bis alle beim Start gesammelten Meßdaten, Videoaufnahmen und Fotos ausgewertet seien, stehe schon jetzt fest, daß das Problem der Festigkeit und des Zusammenhaltens der Isolierung - wenn überhaupt - nicht so einfach in den Griff zu bekommen ist.
Experimenteller Testflug
Im März 2006 wird auch nicht, wie ursprünglich geplant, die Fähre "Atlantis" zur Raumstation fliegen. Statt dessen wird die von der Leistung her etwas schwächere "Discovery" für diesen Flug eingesetzt. Mit ihr sollen Nachschub und Ersatzteile zur ISS gebracht werden. An Bord wird sich der deutsche Astronaut Thomas Reiter befinden. Der Flug gilt als "experimenteller Testflug". Erst wenn sich nach der Landung der "Discovery" herausstellt, daß beim Start weder Schaumstoff noch Eisbrocken die Hitzeisolierung gefährdet haben, könnte die "Atlantis" mit neuem Baumaterial für die Raumstation starten - ein neuer großer Träger steht dabei auf der Ladeliste. Mit dem Start der "Atlantis" ist frühestens im Mai 2006 zu rechnen.
Gemäß der politischen Vorgabe, daß die Shuttle-Flotte spätestens im Jahre 2010 stillgelegt werden soll, hätte die Nasa dann noch maximal viereinhalb Jahre Zeit, ihren Verpflichtungen als Transportunternehmen für den Bau der Raumstation nachzukommen. Die ISS ist im Moment erst zur Hälfte komplett. Es fehlen vor allem die beiden Laboratoriumseinheiten aus Europa und Japan sowie eine universelle Andockstation. Bisher sind Raumfähren insgesamt sechzehnmal zur Raumstation geflogen. Um den Außenposten im Orbit fertigzustellen sind nach den offiziellen Plänen der Nasa noch mindestens 23 weitere Shuttle-Flüge notwendig. Bezogen auf die vier Jahre zwischen Mai 2006 und 2010 entspräche das etwa sechs Flügen pro Jahr - ein sehr anspruchsvolles Programm. Denn die Sicherheitsanforderungen sind in den vergangenen Jahren wesentlich strenger geworden. Selbst vor zehn Jahren schaffte die Nasa nur selten mehr als sechs Flüge pro Jahr.
Das Rentenalter der Shuttles heraufsetzen?
Was bleibt also? Die Nasa kann entweder das Rentenalter der Shuttles heraufsetzen. Doch schon jetzt sind die Raumfähren veraltet, und mit jedem Flug erhöht sich das Risiko eines schweren Unfalls. Oder man ändert die Pläne für die Raumstation und baut sie nicht vollständig aus. Nur was bleibt dann auf dem Erdboden zurück? Vielleicht das europäische und das japanische Modul - oder werden die Amerikaner auf einige ihrer Komponenten verzichten? Außerdem müssen sich die Nasa-Manager mit der Frage befassen, was passiert, wenn sich im nächsten Jahr herausstellt, daß es immer noch Probleme mit der Schaumstoffisolierung gibt. Das würde zweifellos zu weiteren Verzögerungen und damit zu weiteren Engpässen führen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Rußland sich seine Transportleistungen zur ISS von 2006 an teuer bezahlen lassen will, wie am Freitag bekannt wurde.
Angesichts dieser vielen Unsicherheiten muß man sich fragen, warum die Nasa überhaupt noch daran festhält, mit den alternden Raumfähren zu fliegen. Michael Griffin sagte am Donnerstag, eine seiner wichtigsten Aufgaben sei es, die drei verbliebenen Shuttles ordnungsgemäß und rasch für den Ruhestand vorzubereiten. Warum aber wagt der Nasa-Chef nicht einen grundsätzlichen Befreiungsschlag? Er könnte die Raumfähren schon jetzt ins Museum stellen und alle Kräfte der Nasa auf den Bau eines neuen, modernen und vor allem sicheren Gefährts setzen, mit dem Astronauten ins All fliegen können. Die Kreativität der Ingenieure sowie die ohnehin beschränkten finanziellen Ressourcen der Nasa würden dann wenigstens für etwas Sinnvolles eingesetzt. Statt dessen hält Griffin an der Flickschusterei fest und behindert damit den möglichen Fortschritt in der bemannten Raumfahrt.
Text: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 9
Bildmaterial: dpa/dpaweb