Der Sternhimmel im Mai

Jagdhunde an der Leine

Von Harald Marx

01. Mai 2008 Im Mai dehnt sich die Länge des Tages nochmals um eine Stunde und 21 Minuten aus. Die Höhe der Sonne zur Mittagszeit nimmt im Verlauf des Monats um knapp sieben Grad zu und erreicht gegen Monatsende mit 62 Grad nahezu ihren Maximalwert von dreiundsechzigeinhalb Grad bei der Sommersonnenwende. Da die Maiabende für uns Bewohner der nördlichen gemäßigten Zone spätere Sonnenuntergänge bringen, müssen wir die Beobachtung des Sternhimmels ebenfalls, vor allem im letzten Maidrittel, auf die Nacht verschieben. Gegen Ende des Monats kann erst nach 22.30 Uhr mit dem Aufsuchen der Sternbilder begonnen werden.

Von den Wintersternbildern sind tief am westlichen Horizont nur noch wenige Sterne übriggeblieben. Zwar stehen Kleiner Hund, Zwillinge, Fuhrmann und der Perseus noch vollständig über der Horizontlinie, jedoch können sich lediglich deren hellste Sterne gegen die Helligkeit des Dämmerungshimmels und den Horizontdunst durchsetzen. Sicher zu erkennen sind Capella, Kastor und Pollux sowie Prokyon, die Hauptsterne der Sternbilder Fuhrmann, Zwillinge und Kleiner Hund.

Die für das Frühjahr typischen Konstellationen Löwe, Jungfrau und Bootes beherrschen das südliche Himmelsareal. Ihre Hauptsterne Regulus, Spika und Arkturus bilden das Frühlingsdreieck, das Wahrzeichen dieser Jahreszeit. Es ist vergleichbar mit dem Sommerdreieck Wega, Deneb und Atair, das mit den zugehörigen Bildern Leier, Schwan und Adler den sommerlichen Nachthimmel dominiert. Allerdings ist der Löwe nun schon etwas nach Südwesten gerückt.

Mars lässt Umrisse des Krebs erkennen

Zwischen Zwillingen und Löwe liegt das kleine, nur aus schwächeren Sternen bestehende Tierkreisbild Krebs, dessen Konturen nicht leicht auszumachen sind. Im Mai durchquert der Planet Mars dieses Bild, so dass es mit seiner Hilfe gelingen kann, seine Umrisse zu erfassen. Der Krebs beherbergt mit der Praesepe (M44) einen hellen offenen Sternhaufen, der bei guten Sichtbedingungen sogar mit bloßen Augen als Nebelflecken gesehen werden kann. Diesen Sternhaufen passiert der Mars am 22. und 23. Mai.

Unterhalb von Krebs, Löwe und Jungfrau zieht sich die lang gestreckte Sternenreihe der Wasserschlange am Horizont entlang. Hydra, die weibliche Wasserschlange, ist die ausgedehnteste Konstellation. Sie ist jedoch nicht die einzige Wasserschlange des Sternhimmels. In der Nähe des südlichen Himmelspols und damit für uns immer unsichtbar gibt es Hydrus, die männliche Wasserschlange. Das Sternbild Hydrus ist, im Gegensatz zur aus der Antike überlieferten Hydra, modernen Ursprungs. Es war erstmals in dem 1603 erschienenen Sternatlas „Uranometria“ des Johannes Bayer zu sehen.

Haar der Berenike mit bloßem Auge erkennbar

Der Große Wagen beginnt nun den zenitnahen Himmelsraum zu verlassen. Während sein Wagenkasten schon etwas nach Westen abgedriftet ist, halten sich seine Deichselsterne noch in der Nähe des Scheitelpunkts des Himmels auf. Zwischen ihnen, dem Bootes, dem Löwen und der Jungfrau finden wir zwei schwache Sternbildchen, die Jagdhunde und das Haar der Berenike. Das erste Bild ist eine neuzeitliche Schöpfung, das zweite stammt aus der Antike. Die Jagdhunde wurden vom Astronomen Johannes Hevelius eingeführt. In seinem Atlas „Firmamentum Sobiescianum“ wurde das Hundepaar Asterion und Chara abgebildet, welches der Bootes an der Leine führt.

Das südlich der Jagdhunde befindliche Haar der Berenike stammt dagegen aus dem Altertum und ist das erste Sternbild, dessen genaues Entstehungsdatum wir kennen. Im Jahr 247 vor Christus wurde es zu Ehren der Gemahlin des ägyptischen Königs Ptolemäus Euergetes durch dessen Hofastronomen Konos geschaffen. Dieses Bild, das nur aus äußerst lichtschwachen Sternen besteht, enthält aber mit Melotte 111 (Mel 111) einen interessanten offenen Sternhaufen, der schon mit bloßen Augen, besser aber mit Fernglas beobachtet werden kann. Die nur knapp 300 Lichtjahre von uns entfernte Ansammlung besteht aus mehr als 50 Sternen, die sich auf ein Himmelsareal von etwa vier Grad Durchmesser locker verteilen.

Extrem schmale Mondsichel am 6. Mai

Nur wenig östlich dieses Objekts liegt der Nordpol unserer Milchstraße. In den Gegenden um die Milchstraßenpole ist es möglich, ungestört durch den interstellaren Staub in die Tiefen des Alls zu blicken. Dort findet sich eine große Anzahl von fernen Galaxien, von denen die hellsten unter guten Sichtbedingungen schon mit einem lichtstarken Fernglas als kleine Nebelfleckchen erkennbar sind. In dieser Himmelsregion liegt „das Reich der Nebel“ („The Realm of the Nebulae“), wie es der berühmte amerikanische Astronom Edwin Hubble ausgedrückt hat.

Im Osten sind bereits Teile von Schlangenträger und Schlange über den Horizont getreten. Über diesen beiden Bildern haben sich Herkules und der Sternenbogen der Nördlichen Krone nun in eine halbhohe Position geschoben, während Leier und Schwan im Nordosten noch recht horizontnah verbleiben. Der nur selten sichtbare Merkur kann bis zur Monatsmitte in der Abenddämmerung tief am Nordwesthorizont aufgesucht werden. In den frühen Abendstunden des 6. Mai hält sich die extrem schmale zunehmende Mondsichel in etwa zwei Grad Abstand westlich vom Merkur auf.

Der Gigant der Planeten verschiebt seine Aufgänge

Der Mars bewegt sich ostwärts durchs Tierkreisbild Krebs. Am Monatsanfang steht er ungefähr in einer Linie mit den Zwillingshauptsternen Kastor und Pollux. Der rote Planet verfrüht seine Untergänge um mehr als eine Stunde im Monatsverlauf und geht gegen Ende des Monats schon kurz nach ein Uhr unter. Der ringgeschmückte Saturn befindet sich weiterhin in geringem Abstand östlich des wesentlich lichtschwächeren Löwenhauptsterns Regulus. Am Abend des 12. Mai steht der zunehmende Halbmond in Saturnnähe. Die Untergänge von Saturn verlagern sich im Verlauf des Monats um zwei Stunden Richtung Mitternacht und erfolgen gegen Ende des Monats schon um zwei Uhr.

Jupiter, der Gigant unter den Planeten unseres Sonnensystems, verschiebt seine Aufgänge von zwei Uhr auf die Zeit um Mitternacht. Er bleibt ein Objekt der zweiten Nachthälfte. Am Morgen des 24. Mai hält sich der abnehmende Mond in Jupiternähe auf. Die Venus sowie Uranus und Neptun stehen, wie im Vormonat, sonnennah und fallen daher als Beobachtungsobjekte aus.

Sonne: 1. Mai Sonnenaufgang: 6.01 Uhr, Sonnenuntergang: 20.44 Uhr; 31. Mai Sonnenaufgang: 5.22 Uhr, Sonnenuntergang: 21.26 Uhr.

Mond: 5. Mai, 14.18 Uhr: Neumond; 12. Mai, 5.47 Uhr: erstes Viertel; 20. Mai, 4.11 Uhr: Vollmond; 28. Mai, 4.57 Uhr: letztes Viertel.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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