Raumfahrt

Fünf Herren aus dem All

Von Rainer Hein

22. Juni 2007 Thomas Reiter hat in Darmstadt nicht so viele Sitze gefüllt wie Ende Mai in Neu-Isenburg, wo die mehr als 1000 Personen fassende Hugenottenhalle für seinen Besuch gerade ausreichte. Aber auch im Satellitenkontrollzentrum (Esoc) der Europäischen Weltraumagentur (Esa) waren die Reihen im großen Saal gut besetzt.

Denn der gebürtige Frankfurter, der in Neu-Isenburg aufwuchs und dort Abitur machte, ist derzeit nicht nur Deutschlands prominentester Astronaut, er hat auch vier seiner Kollegen nach Südhessen mitgebracht, mit denen er seine Tage auf der Internationalen Raumstation ISS verbrachte.

Geballte astronautische Erfahrung

Eine derart geballte astronautische Erfahrung hat sogar ein Kontrollzentrum wie das der Esa, das seit nunmehr vierzig Jahren Satelliten in den Weltraum begleitet, bislang nicht erlebt. „Noch nie hatten wir fünf Astronauten aus drei Staaten zugleich zu Gast“, gab Esoc-Leiter Gaele Winters zu, der die „astronautische Erfahrung“ dieser Crew sogar genau bezifferte: Reiter, Pawel Winogradow und Michail Tjurin aus Russland sowie Jeffrey Williams und Michael Lopez-Alegria von der Nasa kommen nach seiner Rechnung zusammen auf viereinhalb Jahre im All, zwanzig Weltraumspaziergänge und fast 10.000 Stunden im Flugzeug.

Dass die fünf Herren überhaupt einmal ein Bein auf die Erde setzen und dann auch noch in Darmstadt, ist einer Rundreise zu verdanken, die die Esa organisiert. Die große „Space Show“ mit authentischer Besetzung hat vergangene Woche in Paris begonnen und führt in diesen Tagen durch mehrere deutsche Großstädte. In multimedialen Präsentationen berichtet die ISS-Mannschaft über ihre Forschungsarbeiten auf der Raumstation und das tägliche Leben in 400 Kilometer Höhe. Reiter verbrachte 171 Tage in der Station. Während dieser Zeit wurden Winogradow und Williams, die der Expedition 13 angehörten und schon vor ihm „oben“ waren, gegen Lopez-Alegria und Tjurin ausgetauscht.

Reiter, der als erster Europäer Mitglied einer Langzeitcrew auf der ISS war, kehrte am 22. Dezember 2006 mit dem Spaceshuttle auf die Erde zurück. Die Bilder des von dem Weltraumaufenthalt sichtlich gezeichneten Neunundvierzigjährigen bei seiner Landung in Florida waren während der großformatigen Projektion ebenso zu sehen wie Aufzeichnungen von wissenschaftlichen Experimenten und den Außenbordeinsätzen während der sogenannten Astrolab-Expedition.

Musterbeispiel für ein globales Miteinander

Mit ihrer Space-Show-Tour will die Esa für ihre Arbeit werben und die Erfahrungen mit der bemannten Raumfahrt einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. Hessens Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) betonte diesen Aspekt besonders: Die ISS-Mission habe die Faszination, die von der Raumfahrt ausgehe, verstärkt und bewusst gemacht, wie wichtig Forschung im Weltraum sei. Für Winters kam ein weiterer Aspekt hinzu: Die fünf Astronauten hätten durch ihre erfolgreiche Kooperation unter schwierigen Bedingungen ein Beispiel dafür gegeben, was auch „hier unten auf der Erde möglich sein sollte“, sagte der Esoc-Direktor. Sie seien damit ein Musterbeispiel für ein neues globales Miteinander.

In einer Diskussionsrunde gegen Ende der Veranstaltung ließen die fünf Herren aus dem All erkennen, dass die Visionen in Europa, Amerika und Russland weit über die ISS hinausreichen. Die russischen Kollegen berichteten von dem Projekt „Mars 500“, an dem in naher Zukunft sechs Astronauten teilnehmen werden, die 500 Tage in spezieller Isolation verbringen sollen, um die Wirkungen eines möglichen Langzeitflugs zum Mars zu testen. Auch für den amerikanischen Präsidenten Bush ist die Reise eines bemannten Raumschiffs dorthin nach den Worten von Williams ein Vorhaben, von dem er hoffe, dass er es noch erleben könne.

Reiter antwortete auf die Frage, ob er sich einen solchen zweieinhalb Jahre dauernden Flug vorstellen könne, mit der Bemerkung: Motivation und Faszination eines solchen Projekts ließen einen vieles ertragen. Auch die Esa will weiter nach den Sternen greifen. Bob Chesson, Hauptabteilungsleiter für den bemannten Flugbetrieb, sprach von der Absicht, um das Jahr 2014 zumindest unbemannt auf dem Mars zu landen, um dort nach Leben zu forschen.

Start der „Jules Verne“

Zu den nächsten Großvorhaben der Europäer zählen der Start und die Inbetriebnahme des Columbus-Labors, ein zylindrisches Modul von fast sieben Meter Länge und viereinhalb Meter Durchmesser, das mit vielseitig nutzbaren Forschungsanlagen eingerichtet ist und Europas wichtigster Beitrag zur ISS darstellt. Für Columbus sollen 2008 die Astronauten Hans Schlegel und Leopold Eyharts zum Einsatz kommen.

Außerdem startet im nächsten Jahr mit „Jules Verne“ das mit 20 Tonnen komplexeste Raumschiff, das die Esa bislang gebaut hat. Die Hauptkontrollzentren für Columbus und Jules Verne befinden sich nicht in Darmstadt, sondern in Oberpfaffenhofen und Toulouse. Allerdings sind Ingenieurteams aus Darmstadt dort mit dabei. Winters sprach deshalb von einem neuen Modell: Künftig werde es nicht mehr allein „made in Esoc“ heißen, sondern „made by Esoc“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke

 
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