03. August 2005 In der Astronomie haben sich immer wieder auch Amateure nützlich gemacht - durch die erfolgreiche Suche nach Kometen und Kleinplaneten oder die Beobachtung von Doppelsternen. Seit einiger Zeit können sie sich sogar am Schreibtisch bewähren. Vor allem Amateure waren es, die auf den Fotos des europäisch-amerikanischen Sonnenobservatoriums Soho (Solar and Heliospheric Observatory), die sämtlich im Internet zur Verfügung gestellt werden, vorher unbekannte Kometen aufgespürt haben.
Seit Tagen warten die Kometenjäger - und nicht nur sie allein - darauf, daß die Entdeckung des tausendsten Schweifsterns mit Soho offiziell bekanntgegeben wird. Insgesamt sind im Sonnensystem etwa doppelt so viele Kometen (mit bekannten Bahndaten) erfaßt worden. Soho allein ist also für die Hälfte verantwortlich. Es spricht manches dafür, daß das tausendste Objekt bereits gefunden wurde. Aber die Fachleute wollen erst sicher sein, daß sie nicht von einem bereits bekannten Kometen genarrt werden.
Nicht als Kometenjäger geplant
Als das Sonnenobservatorium, an dem von deutscher Seite das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung und die Universität Kiel beteiligt sind, am 2. Dezember 1995 in den Weltraum gebracht wurde, ahnte noch niemand, daß es sich in der Kometenjagd besonders auszeichnen würde. In erster Linie sollte es etwa zweieinhalb Jahre lang unser Zentralgestirn samt dessen Einfluß auf die Umgebung untersuchen. Unter anderem hat Soho dafür einen Koronographen mit dem Namen Lasco (Large Angle and Spectrometric Coronograph) an Bord, mit dem man die Sonnenscheibe abdecken kann. Dadurch läßt sich die Sonnenatmosphäre, die sonst überstrahlt würde, gut untersuchen.
Daß auch Kometen, die der Sonne besonders nahe kommen, in das Blickfeld von Lasco gelangen müssen, war wohl bekannt. Man hatte dem aber keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Denn ihre Zahl wurde für gering gehalten. Von den Sungrazern, die in höchstens 800.000 Kilometer Distanz an der Sonne vorbeifliegen, waren bis dahin erst sechzehn entdeckt worden. Einige Forscher glauben, daß 1668 das erste dieser Objekte beobachtet worden war. Anderen Astronomen zufolge führte erst der Große Komet von 1680, von dem Edmond Halley spekulierte, er hätte aufgrund seiner Helligkeit schon bei einer Begegnung im Jahr 1106 am Himmel zu sehen gewesen sein müssen, den Reigen an.
Insbesondere der in Kiel tätige Astronom Heinrich Carl Friedrich Kreutz beschäftigte sich im 19. Jahrhundert mit dieser besonderen Kometengruppe. Er stellte die auch heute noch als zutreffend geltende Vermutung auf, es handele sich um Fragmente eines viel größeren Kometen, der vor einigen Jahrhunderten zerplatzte. (Unter seinem Namen wurden die bekannten Sungrazer zur Kreutz-Gruppe zusammengefaßt.) Brian Marsden, der in Amerika heutzutage Kometenbahnen berechnet, ist noch einen Schritt weiter in die Details gegangen. Seiner Ansicht nach sind es Überreste eines Kometen, der im Jahr 372 v. Chr. beobachtet wurde. Nach einer großen Annäherung an die Sonne ist er in zwei Teile zerbrochen. Bei einer Wiederkehr um das Jahr 1100 n. Chr. hat sich der Auflösungsprozeß dann fortgesetzt. Aufgrund der Soho-Beobachtungen wird die Gesamtzahl der Trümmer auf bis zu 20000 geschätzt.
Sungrazer keine kleine Gruppe
Daß es sich bei den Sungrazern um keine kleine Kometengruppe handelt, wie man vorher vermutet hatte, wurde nach dem Start von Soho rasch klar. Mit dem Sonnenobservatorium, und dabei vor allem mit Lasco, sind fast alle Kometen zu sehen, die bis auf zwanzig Millionen Kilometer an die Sonne herankommen. (Der sonnennächste Planet, Merkur, umkreist sie in etwa 58 Millionen Kilometer Abstand.) Pro Monat wurden anfangs etwa 15 entdeckt, von denen allerdings nur ungefähr zehn Prozent die Annäherung an die rund 5500 Grad heiße Sonne überdauerten. Der Rest ist entweder verdampft oder in diesen Himmelskörper gestürzt.
Mittlerweile haben die Astronomen anhand der Bahnen der Objekte herausgefunden, daß die Kreutz-Gruppe zwar die größte Untergruppe der in die Nähe der Sonne gelangenden Kometen ist, aber nicht die einzige. Es gibt mindestens vier weitere, die nach den "Beobachtern" benannt wurden, die ihre spezielle Zusammengehörigkeit als erste bemerkten. Je eine der Gruppen trägt den Namen Meyer beziehungsweise Marsden, Kracht heißen sogar zwei. Rainer Kracht hat sich nicht nur dadurch einen Namen gemacht. Als Lehrer für Mathematik, Physik und Informatik an der Kooperativen Gesamtschule Elmshorn hat er im August 2002 auch den fünfhundertsten Soho-Kometen entdeckt, seinen 63., seit er ein Jahr vorher mit der Suche begann.
Text: F.A.Z., 03.08.2005
Bildmaterial: Nasa
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