Raumfahrt

Auf Heimatsuche im All

Von Alfons Kaiser

18. Januar 2007 Auf der Internationalen Raumstation haben alle Bewohner einen Migrationshintergrund. Vielleicht suchen sie auch deshalb in 400 Kilometern Höhe durch die Teleobjektive ihrer Kameras am liebsten nach ihrer Heimat. Thomas Reiter, der am Donnerstag im Kölner Zentrum der European Space Agency (Esa) seine erste Pressekonferenz nach Rückkehr von der Raumstation gab, zeigte in einer Dia-Show die norddeutsche Küste samt ostfriesischen Inseln - er wohnt mit seiner Familie in Rastede im Ammerland.

Außerdem hat er schöne Aufnahmen von Neu-Isenburg gemacht und sie sogar dem Bürgermeister zugeschickt - denn in dem Frankfurter Vorort ist er aufgewachsen. Sein fast sechs Monate dauernder Ausflug ins All war insofern auch eine Suche nach der vorübergehend verlorenen Heimat.

Schwierig den roten Sandsteinfelsen zu treffen

So einfach, sagt Reiter und lacht, sei es gar nicht gewesen, Neu-Isenburg zu finden. Bei der Orientierung hat ihm ein weiterer Ort des Transitorischen geholfen: der Frankfurter Flughafen. Insofern unterscheidet sich Neu-Isenburg offenbar grundlegend vom Ayers Rock im Herzen Australiens.

Den roten Sandsteinfelsen zu treffen war nämlich nach Aussage Reiters ungleich schwieriger und nur mit Hilfe der vorher eingegebenen Koordinaten möglich: „Three, two, one“, hätten die Kollegen gezählt, dann habe man einfach draufgehalten - und am Ende festgestellt, dass man trotz einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern in der Stunde den gigantischen Brocken wirklich auf Fotos gebannt hatte.

Am Tag des Halbfinalspiels ins All

Die Anekdoten aus dem All sollen vor allem bei Kindern und Jugendlichen Begeisterung wecken. Reiter erzählt, wie er selbst als Elfjähriger bei Nachbarn in Neu-Isenburg, die damals schon einen Farbfernseher besaßen, die erste Mondlandung verfolgte, sich für das Thema begeisterte und schließlich zwei Mal ins All aufstieg. Reiters Erzählungen dienen aber natürlich auch der Selbstdarstellung der deutschen Raumfahrt - schließlich zahlen die Deutschen den größten Beitrag für das europäische Raumfahrtprogramm.

Reiter, der am Dienstag - statt wie gewohnt leger - im grauen Anzug mit Krawatte auftrat, erzählte denn auch begeistert davon, mit wie vielen Unwägbarkeiten das Leben in der Umlaufbahn versehen ist. Überraschungsmomente durchzogen die gesamte Mission „Astrolab“, die nach Verzögerungen erst am 4. Juli startete - am Tag des Halbfinalspiels der Fußball-Weltmeisterschaft, das Deutschland gegen Italien verlor, obwohl Reiter mit seinem kleinen Deutschland-Fähnchen zwischen all den amerikanischen Bannern wieder einmal Heimatgefühle gezeigt hatte.

„Das Gefühl, der Körper ist tonnenschwer

Auch hoch oben ging nicht alles reibungslos vonstatten: Die Astronauten hatten Schwierigkeiten mit einer klemmenden Luke beim Außenbordeinsatz und mit einem verklemmten Teil beim Ausfahren eines Sonnensegels. Im All herrschen eben andere Gesetze, und keiner kann das besser beurteilen als der 48 Jahre alte Luft- und Raumfahrttechniker, Luftwaffenoffizier und Raumfahrer, der vor elf Jahren 179 Tage auf der russischen Raumstation Mir, nun 171 Tage auf der Internationalen Raumstation verbrachte - und dadurch zum am weitesten gereisten europäischen Astronauten wurde.

Nach der Rückkehr in der „Discovery“ am 22. Dezember bekam Reiter die körperlichen Folgen des Langzeitaufenthaltes zu spüren: „Die Stunden nach der Landung sind kein Vergnügen: Man fühlt sich wirklich nicht gut.“ Wer nur kurz im All sei, habe danach allenfalls mit Gleichgewichtsproblemen zu kämpfen. Er aber brauchte trotz intensiven Sportprogramms auf der Station einen Tag, um wieder den aufrechten Gang zu erlernen: „Wenn man zuerst aufsteht, hat man das Gefühl, der Körper ist tonnenschwer.“

Anders als nach der Mir-Expedition, als er mit Rückenschmerzen heimkam, hatte er dieses Mal sonst keine Beschwerden. Der Körper, sagt er, scheine sich auch an solche Belastungen zu gewöhnen. Schon bald werde er wieder so fit sein wie vor dem Flug.

„Die Nase noch nicht voll“

Solche Beschwernisse würden ihn jedenfalls kaum von einem weiteren Ausflug ins All abhalten. Eher schon die lange Schlange wartender Esa-Astronauten - und die Familie. Reiter hatte sein zweijähriges Missionstraining in Moskau und Houston zu absolvieren. In Zukunft werde man wegen der japanischen Beteiligung auch noch nach Japan müssen.

Er habe jedenfalls „bei weitem die Nase noch nicht voll“. Dieses Jahr werde zum Jahr der europäischen Raumfahrt werden, da im Sommer das ATV-Versorgungsraumschiff zur Raumstation gebracht wird und im Herbst das europäische „Columbus“-Labor folgt, das von dem deutschen Astronauten Hans Schlegel an der Station in Betrieb genommen werden soll.

Reiter hat mit dem deutschen „Columbus“-Zentrum in Oberpfaffenhofen schon vieles vorbereitet. Und natürlich hat er Oberpfaffenhofen schon von oben fotografiert. Ammersee und Starnberger See dienten ihm als Orientierungshilfe.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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