Sternenhimmel im Juli

Der Adler fliegt durch die Milchstraße

Von Harald Marx

01. Juli 2005 Nachdem die Sonne im Vormonat den nördlichsten Punkt ihrer Bahn erreicht hatte, befindet sie sich jetzt wieder im Abstieg Richtung Winterpunkt. Davon ist allerdings in der ersten Julihälfte noch kaum etwas zu bemerken. Erst nach der Monatsmitte beschleunigt sich die südwärts gerichtete Bewegung unseres Tagesgestirns deutlich.

Insgesamt sinkt die Mittagshöhe der Sonne bis zum Monatsende um mehr als fünf Grad gegenüber ihrer Höchststellung zur Sommersonnenwende ab, was einen Verlust an Tageslänge von gut einer Stunde im Verlauf des Monats bedeutet. Dabei verspäten sich die Sonnenaufgänge von 5.20 Uhr am Monatsersten auf 5.53 Uhr am letzten Julitag, während die Untergangszeiten unseres Tagesgestirns sich im selben Zeitraum von 21.38 Uhr auf 21.10 Uhr verschieben.

Großes Sommerdreieck in der Spätvorstellung

Wie in den beiden Vormonaten setzt die Abenddämmerung erst spät ein. Mitte Juli ist es erst gegen 22.30 Uhr so dunkel, daß genügend Sterne am Firmament aufgeleuchtet sind, um die Umrisse der Sternbilder erfassen zu können. Die östliche Himmelshälfte zeigt nun klar sommerliche Charakterzüge. Dort steht das große Sommerdreieck Wega, Deneb und Atair in beachtlicher Höhe. Auch die Sternbilder, denen diese drei Sterne als Hauptsterne dienen, sind durchaus einprägsam. Das kleinste Bild ist dabei die Leier, ein Sternrhombus, der dicht neben der Wega zu finden ist. Viel auffälliger ist die Kreuzform des Schwans. Seiner Form wegen wird dieser auch als "Kreuz des Nordens" bezeichnet. Wie der Schwan scheint auch der Adler mit ausgebreiteten Schwingen die Milchstraße zu durchfliegen. Der arabische Name seines Hauptsterns "Atair" oder "Altair" bedeutet nichts anderes als "Fliegender Adler".

Tief am Horizont von West nach Ost zieht sich im Juli die Ekliptik, die scheinbare Sonnenbahn, entlang. Es sind die Gebiete, durch welche unser Tagesgestirn im Herbst und Winter wandert. Mitte September wechselt die Sonne vom Löwen in die Jungfrau, bewegt sich in den darauffolgenden Monaten durch Waage und Skorpion und erreicht am 21. Dezember ihren tiefsten Ekliptikpunkt im Schützen. Als erstes Frühlingssternbild steht der Löwe kurz vor seinem Untergang. Die in seinem westlichsten Teil stehende Venus ist wegen ihrer großen Horizontnähe nicht besonders auffällig. Das dem Löwen folgende Tierkreisbild Jungfrau befindet sich noch in deutlich größerer Höhe und wird durch Jupiter, der noch durchaus ein Blickfang am Himmelszelt ist, aufgewertet.

Einschlag auf einem Kometen

Auch aus einem anderen Grund verdient dieses Sternbild im Juli unsere Aufmerksamkeit. In knapp vier Grad Abstand vom Hauptstern Skipa planen die Amerikaner an ihrem Unabhängigkeitstag ein spektakuläres Himmelsfeuerwerk zu veranstalten. Dort befindet sich zu diesem Zeitpunkt der Komet 9P/Tempel 1, mit welchem ein von der Raumsonde "Deep Impact" ausgeschleuderter 372 Kilogramm schwerer Kupferkern mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 37.000 Kilometer pro Stunde zusammenstoßen soll. Es wird erwartet, daß die kinetische Energie dieses Einschlags ausreichen wird, um einen Krater von 200 Meter Durchmesser und 50 Meter Tiefe auf dem etwa 14 Kilometer großen, kartoffelförmigen Kometenkern zu erzeugen und damit genügend Materie aus dem "schmutzigen Schneeball", wie die Schweifsterne auch genannt werden, herauszuschlagen. Die chemische Zusammensetzung dieses Materials soll dann von der in 500 Kilometer Entfernung vorbeifliegenden Muttersonde und auch von der Erde aus analysiert werden. Nach optimistischen Voraussagen könnte sich die Helligkeit des Kometen für wenige Tage auf das Fünfzigfache steigern. Dann wäre der im Augenblick nur in größeren Teleskopen sichtbare Schweifstern auch mit Hilfe eines Fernglases als kleines Nebelfleckchen sichtbar.

So spektakulär der Einschlag sein wird, so unscheinbar verläuft dieses Schauspiel für uns Erdbewohner, die wir 133 Millionen Kilometer vom eigentlichen Ort des Geschehens entfernt sind. Trotzdem lohnt es, am Abend des 4. Juli oder an den folgenden Abenden Ausschau nach dem Tempel 1 zu halten. Der Komet wurde am 3. April 1867 von dem Astronomen Ernst Wilhelm Leberecht Tempel entdeckt. Seine Umlaufzeit um die Sonne ist mit fünfeinhalb Jahren recht kurz. Seine elliptische Bahn liegt außerhalb der Erdbahn, wobei sein sonnennächster Bahnpunkt, das Perihel, etwa 230 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist. In seiner Sonnenferne, dem Aphel, trennen ihn sogar mehr als 700 Millionen Kilometer vom Zentralgestirn unseres Sonnensystems. Das Himmelsareal von der Südlinie bis zum Bootes im Südwesten wird durch die wenig strukturierten Konstellationen des Herkules, Schlange und Schlangenträger sowie den Sternenbogen der Nördlichen Krone eingenommen.

Nur Jupiter gut zu beobachten

Die Venus kann die Rolle als Abendstern im Juli nicht weiter ausbauen. Da sie immer weiter in südlichere Gefilde der Ekliptik absinkt, vergrößert sich ihre Sichtbarkeitsdauer von etwa einer Stunde nicht. Sie kann in der frühen Abenddämmerung am Westhorizont aufgefunden werden. Der Merkur, welcher sich in geringem Abstand südlich der Venus aufhält, kann, da erheblich lichtschwächer als diese, mit bloßem Auge nicht mehr erspäht werden. Mit Hilfe eines Fernglases sollte es aber gelingen, den sonnennahen Wandelstern aufzuspüren.

Nachdem der Ringplanet Saturn, der am 23. Juli in Konjunktion mit der Sonne steht, in den Strahlen der Sonne verschwunden ist, verbleibt lediglich Jupiter als einziger freisichtiger Planet am Nachthimmel der ersten Nachthälfte. Seine Untergänge verlagern sich nach der Monatsmitte auf die Zeit vor Mitternacht. Am 13. Juli hält sich der Mond in der Nähe des Riesenplaneten auf. Die beiden teleskopischen Wandelsterne Uranus und Neptun stehen erst in der zweiten Nachthälfte hoch genug, um mit Erfolg aufgespürt werden zu können. Auch der Mars bleibt ein Planet der Morgenstunden. Er kann seine Aufgänge im Juli aber deutlich vorverlegen. Am Monatsersten tritt der rote Planet gegen 1.30 Uhr über die Horizontlinie im Osten, während sein Aufgang am Monatsende bereits um Mitternacht erfolgt. Nach dem Untergang von Jupiter ist der Mars das hellste Gestirn am Firmament. Am 28. Juli finden wir den abnehmenden Halbmond in Marsnähe.

Die Mondphasen: 6. Juli, 14.02 Uhr: Neumond; 14. Juli, 17.20 Uhr: Erstes Viertel; 21. Juli, 13.00 Uhr: Vollmond; 28. Juli, 5.19 Uhr: Letztes Viertel.



Text: F.A.Z., 30.06.2005
Bildmaterial: dpa

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