Raumfahrt

Moral für Marsfahrer

Phoenix auf dem Mars - in einer Computergrafik

Phoenix auf dem Mars - in einer Computergrafik

27. Juli 2009 Christoper McKay arbeitet seit 1982 als Planetenwissenschaftler und Astrobiologe am Ames Research Center der Nasa südlich von San Francisco. Er war unter anderem an Projekten wie der europäischen Sonde „Huygens“ zum Saturnmond Titan und der jüngsten Marslandesonde „Phoenix“ beteiligt.

Dr. McKay, die Nasa will zurück zum Mond. Sie befassen sich mit möglichem Leben auf anderen Himmelskörpern, da interessiert Sie der Mond wohl eher nicht . . .

Phoenix' Schürfungen im Marsboden

Phoenix' Schürfungen im Marsboden

Doch, und zwar als Station auf dem Weg zum Mars. Um eine permanente Marsbasis einzurichten, müssen wir erst mal auf dem Mond üben. Wissenschaftlich reizt er mich nicht. Natürlich gibt es dort noch jede Menge zu erforschen - wenn man sich für Steine interessiert.

Aber warum denn der Umweg über den Mond? Warum nicht gleich direkt zum Mars?

Ich fürchte, wenn wir direkt zum Mars fliegen, dann wird das wieder so wie seinerzeit bei Apollo: Wir würden hinkommen, ein paar Gesteinsproben einsammeln und wieder nach Hause fliegen. Es gäbe kein nachhaltiges Konzept. Allerdings werfen dauerhafte Aufenthalte von Menschen auf anderen Himmelskörpern ganz andere Probleme auf als Kurztrips: bei den Lebenserhaltungssystemen, der Nahrungs- und Energieversorgung. Es ist ja auch ein Unterschied, ob Sie nur zu Besuch nach Kalifornien kommen oder ob Sie hierherziehen und bleiben. Um darum aber muss es beim Mars gehen: nicht ums Hinkommen, sondern ums Bleiben.

Wie lange soll der Mensch denn auf dem Mars bleiben?

Hundert Jahre. Dauerhaft besetzte Antarktis-Stationen unterhalten die Vereinigten Staaten jetzt seit 50 Jahren, kürzlich haben wir eine neue eröffnet, die 30 Jahre lang in Betrieb bleiben soll. Macht 80 Jahre amerikanische Präsenz in der Antarktis. In diesen Zeiträumen sollten wir auch bei einem Marsprogramm denken.

Aber in der Antarktis ging es auch erst mal ums Hinkommen . . .

Klar, aber beim Mond, würde ich sagen, da muss es jetzt darum gehen, eine Basis einzurichten, um dort zu bleiben. Wenn wir das tun, dann können wir auch schon beim ersten bemannten Flug zum Mars eine dauerhaft bewohnte Basis einrichten. Das bloße Hinkommen haben schon die unbemannten Sonden besorgt. Sie sind dort unsere Shackletons, Scotts und Amundsens.

Nun hatten wir ja bereits eine ganze Reihe solcher Kundschafter. Haben die denn schon gezeigt, dass der Mars auch für Wissenschaftler interessant ist, die sich nicht nur für Steine interessieren?

Eisspuren im Marsboden: Die Fotos des Phoenix Mars Lander gingen im Juni 2008 um die Welt.

Eisspuren im Marsboden: Die Fotos des Phoenix Mars Lander gingen im Juni 2008 um die Welt.

Als ich 1976 zu studieren begann, waren gerade die beiden "Viking"-Sonden gelandet. Es waren die ersten erfolgreichen Landungen auf dem Mars, und sie hatten Experimente an Bord, um den Marsboden auf Lebensspuren zu testen. "Viking" fand aber nichts . . .

. . . noch nicht einmal die organischen Verbindungen, die in der Natur ohne das Zutun von Leben entstehen und etwa in Meteoriten vorkommen. Die zumindest hatte man eigentlich erwartet. Immerhin gibt es auf dem Mars Wasser und Kohlendioxid.

Christopher McKay, Planetenwisenschaftler der Space Science Division der NASA Ames

Christopher McKay, Planetenwisenschaftler der Space Science Division der NASA Ames

Genau das war seltsam. Mir kam der Mars damals vor wie eine Wohnung, in der alle Lichter brennen, aber niemand zu Hause zu sein scheint. Da war ein Planet mit den Grundvoraussetzungen für Leben, aber ohne jeden Hinweis auf Leben. Das fand ich sehr merkwürdig.

Nach "Viking" passierte in der Marsforschung lange Zeit nichts. Für Sie muss das frustrierend gewesen sein.

Keineswegs. Das war die Zeit, in der ich mich für den Mars auf der Erde zu interessieren begann: die extremen Landschaften unseres Planeten und das Leben, das es dort gibt. Ich nahm an Expeditionen in die Antarktis teil, in die Sahara, die Wüste Gobi und die Atacama. Aber klar, mit der Marsforschung selber, ging es erst richtig weiter, als wieder Sonden starteten.

Die vorläufig letzte dieser Sonden war im vergangenen Jahr "Phoenix". Vor drei Wochen erschien nun die Publikation der Ergebnisse, an der auch Sie beteiligt waren. Sind Sie mit der Mission zufrieden?

Mit "Phoenix" bin ich durchaus zufrieden. Etwas enttäuscht bin ich vom Mars: Auch dieses Mal gab es kein organisches Material. Das ist ein Problem, ein großes Problem. Aber das wichtigste und überraschendste Ergebnis von "Phoenix" war die Entdeckung eines hohen Anteils von Perchlorat im Marsboden um die Landestelle. Das ist ein sehr sauerstoffreiches Salz, das organisches Material bei Erhitzen leicht zerstört. Das könnte erklären, warum die erwarteten organischen Verbindungen im Marsboden fehlen. Denn bei der Untersuchung wurden die Bodenproben erhitzt. Vielleicht ist das organische Material in Wahrheit ja da und wurde während der Analysen, bei denen es an Bord von "Viking" oder "Phoenix" nachgewiesen werden sollte, durch das Perchlorat zersetzt.

Dann hätte der Mensch zerstört, was er eigentlich finden wollte. Nun halten Sie und viele andere Forscher es nach wie vor für möglich, dass der Mars mikrobiologisch nicht völlig tot ist. Könnte die Marsforschung diese Fauna unabsichtlich ausrotten?

Hier gibt es ein ethisches Problem: Was sollen wir tun, wenn sich herausstellt, dass es Leben auf dem Mars gibt, das von dem auf der Erde verschieden ist? Hier gab es bisher zwei Meinungen. Die einen sagen: Nehmt Proben von den Marsmikroben, legt sie in den Kühlschrank, und macht weiter. Die anderen dagegen sagen: Lasst sie bloß in Ruhe, stellt den Mars unter Quarantäne, und bleibt weg. Ich glaube, das Zweite ist genauso unverantwortlich wie das Erste. Denn wenn es Leben auf dem Mars gibt, dann geht es ihm offenbar nicht gut, sonst wäre es dort überall.

Na und? Wenn es die Natur dort eben so gewollt hat?

Das ist für mich, als wenn man auf der Straße einen Mann sieht, der mit einem Herzanfall zusammenbricht, und dann sagt: Da darf ich nicht eingreifen, so ist eben die Natur, wenn ich ihm helfe, komme ich der Natur in die Quere. Klar, würde ich sagen, aber tu's trotzdem! Genauso sehe ich das mit möglichem Leben auf dem Mars: Wir sollten es fördern! Wenn es dieses Leben gibt, müsste eine Ethik der Marsforschung meiner Ansicht nach zwei Maximen umfassen. Erstens: Wir sollten den Mars nicht mit irdischem Leben kontaminieren. Zweitens: Wir sollten das Marsleben aktiv dabei unterstützen, zu einer globalen Biosphäre zu werden.

Durch eine Veränderung des Planeten, also Terraforming?

Genau. Allerdings ist "Terraforming" ein unglückliches Wort. Ich bevorzuge "Ökosynthese". Wenn es auf dem Mars Mikroorganismen gibt, kann es nicht darum gehen, ihn in dem Sinne erdähnlicher zu machen, dass er für irdisches Leben gemütlicher wird. Denn Marsmikroben hätten einen eigenen moralischen Status.

Wie bitte?

Ja, das leuchtet vielleicht nicht gleich ein. Denn auf der Erde haben Mikroorganismen keinen moralischen Status. Wir töten sie zu Tausenden, jedes Mal, wenn wir uns die Zähne putzen. Aber Eisbären oder Orang-Utans gestehen wir moralischen Status zu. Nun ist es der Kern der ganzen Tierrechtsdebatte, dass der moralische Status von Tieren schwankt. Beim Menschen ist das nicht so: Ob jemand ein Genie oder einen Idioten umbringt - in beiden Fällen ist es Mord. Wenn aber jemand eine Hummel erschlägt, gilt das als geschmacklos, tötet er einen Orang-Utan, wird das als ein viel schlimmeres Vergehen angesehen. Es gibt bei Tieren also eine Abstufung des moralischen Status, und die Bakterien stehen da ganz unten. Mein Argument wäre nun: Marsbakterien müssen ganz oben stehen, weil es sich um einen anderen Typ von Leben handelt. Das ist keineswegs akademisch. Es hat Auswirkungen auf unsere Marsmissionen.

Aber ist es da nicht schon zu spät? Die Nasa hat ihre Marssonden vor dem Start sterilisiert, aber die Russen haben das mit ihren Geräten in den siebziger Jahren sicher nicht getan.

Auch die Nasa sterilisiert nicht mehr. Die beiden 2004 gelandeten Rover wurden nicht sterilisiert und dürften jeweils etwa 100 000 Bakterien auf dem Mars eingeschleppt haben. Aber bisher haben wir nichts getan, was unumkehrbar wäre. Und wir sollten bei unseren Marsmissionen alles tun, damit Kontaminationen biologisch reversibel bleiben. Sterilität hat keinen Sinn. Das ist viel zu teuer und tatsächlich zu spät. Realistischer ist es, die Missionen so zu planen, dass wir, wenn wir dort auf Leben stoßen, unseren Dreck wieder einsammeln oder dekontaminieren können.

Aber wenn eine bemannte Expedition zum Mars aufbricht - noch dazu, um eine dauerhafte Präsenz des Menschen dort zu beginnen, wie Sie es propagieren -, dann haben wir doch noch ein viel größeres Kontaminationsproblem?

Es ist größer, aber es bleibt beherrschbar, wenn die Mission auf biologische Reversibilität angelegt ist. Schwierig würde es, wenn Astronauten oder auch Roboter unter die Marsoberfläche vorstoßen. Die Oberfläche ist ständig in sterilisierende UV-Strahlung getaucht. Wenn man aber nach Wasser bohrt und dabei irdische Bakterien in wasserführende Bodenschichten gelangen, dann wäre das unumkehrbar.

Trotzdem stellt sich bei Ihrer Marsforschungsethik verschärft die Frage, warum man überhaupt Menschen auf den Mars schicken sollte.

Um zu sehen, wie der Mensch - oder allgemein Leben von der Erde - dort existieren kann. Wenn der Mars eigenes Leben trägt, sollten wir es fördern, wenn er keines trägt, sollten wir welches von der Erde dort ansiedeln. Der Mars wird belebt sein, so oder so. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, ob es dort schon heute Leben gibt oder nicht.

Gibt es denn Forschungsarbeiten, für die Roboter nicht reichen, sondern die nur Menschen auf dem Mars durchführen könnten?

Die Menschen sollen nicht deswegen auf den Mars, um dort zu forschen! Natürlich können sie forschen, wenn sie wollen. Aber der Grund, warum wir Wissenschaft betreiben, ist nicht die Wissenschaft an sich. Menschen sind nicht dazu da, um zu forschen, sondern die Forschung ist für den Menschen da. Bemannte Vorstöße, egal wohin, dürfen nicht nach ihrer Forschungsleistung bewertet werden. Menschen sind keine Werkzeuge der Wissenschaft. Das würde ja die Wissenschaft über den Menschen stellen. Umgekehrt: Wissenschaft ist ein Werkzeug, um unseren Sinn und unsere Wertschätzung für das Universum zu heben - ähnlich wie die Kunst. Beides ist kein Selbstzweck. Seltsamerweise findet man ausgerechnet hier in der Nasa ständig die gegenteilige Ansicht. Kürzlich war ich auf einer Sitzung, auf welcher der vormalige Wissenschaftschef der Nasa aufstand und meinte, man müsse sich fragen, ob denn Menschen das beste Mittel seien, um den Mars zu erforschen. Was für eine dämliche Frage! Die wirkliche Frage lautet doch: Ist die Wissenschaft das beste Mittel, um den Mars in unsere menschliche Erfahrung zu integrieren? Im Moment ist die Antwort: ja. Aber das muss nicht so bleiben. Wissenschaft könnte nur das erste Mittel sein. Es könnte einmal noch andere Wege geben, um den Mars in unsere kollektive menschliche Erfahrung zu integrieren. Und einer wäre eben der, dort hinzufliegen.

Die Fragen stellte Ulf von Rauchhaupt.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, ddp, Mes research Center , NASA

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