Sonnensystem

Ein Planet - oder doch nicht?

Von Günter Paul

Mit dem Zeitraffer aufgenommen: Der neuentdeckte Planet 2003 UB313

Mit dem Zeitraffer aufgenommen: Der neuentdeckte Planet 2003 UB313

01. August 2005 Von seinen Entdeckern wird er als zehnter Planet des Sonnensystems bezeichnet - der Himmelskörper, den amerikanische Astronomen weit jenseits der Bahnen von Neptun und Pluto aufgespürt haben. Das Objekt befindet sich zur Zeit dreimal soweit von der Sonne entfernt wie Pluto und hat, wie bereits kurz berichtet, einen etwa anderthalbmal so großen Durchmesser. Es ist damit der größte sich um die Sonne bewegende Himmelskörper, der seit der Entdeckung des Planeten Neptun und dessen Mondes Triton im Jahr 1846 aufgefunden worden ist.

„Zehnter Planet“ oder „2003 UB313“

Ob sich die Bezeichnung „zehnter Planet“ durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Denn eigentlich entstammt er wie Pluto dem Kuiper-Gürtel, dessen Mitglieder Kleinplaneten sind. Als sich im Jahr 1930 Pluto in die Gruppe der Planeten einreihte, wußte man das noch nicht. Sonst hätte man ihn nicht den Planeten zugeordnet. Mike Brown vom California Institute of Technology, der den „zehnten Planeten“ zusammen mit Chad Trujillo vom Gemini-Observatorium und David Rabinowitz von der Yale University entdeckt hat, argumentiert jetzt, Pluto solle trotz neuerer Erkenntnisse weiter als Planet geführt werden, weil er in der menschlichen Kultur als solcher anerkannt sei. Daraus leitet er für das neue, größere Objekt dieselbe Position ab.

Das zunächst unscheinbare Objekt mit der Katalognummer 2003 UB313 ist schon am 31. Oktober 2003 mit dem Samuel Oschin-Teleskop, einem 1,2-Meter-Schmidt-Teleskop auf dem Mount Palomar in Kalifornien, fotografiert worden. Dieses Instrument wird für automatisch ablaufende Beobachtungen benutzt. Weil der Himmelskörper weit von der Erde entfernt ist, fiel er zunächst nicht auf. Erst am 8. Januar dieses Jahres bemerkten ihn die drei Entdecker, als sie neuere Bilder mit alten verglichen, anhand der Bewegung.

In 560 Jahren umkreist er einmal die Sonne

Den Berechnungen der Astronomen zufolge bewegt sich das Objekt auf einer elliptischen Bahn um die Sonne, auf der es bis auf 38 Astronomische Einheiten an unser Zentralgestirn herankommt und sich bis zu 97 Astronomische Einheiten von ihm entfernt. (Eine Astronomische Einheit, 150 Millionen Kilometer, entspricht dem mittleren Abstand der Erde von der Sonne.) Seine Umlaufzeit beträgt 560 Jahre. Zum Vergleich: Pluto bewegt sich - in einer Entfernung zwischen dreißig und fünfzig Astronomischen Einheiten - einmal in 250 Jahren um die Sonne. Der von derselben Forschergruppe im vergangenen Jahr aufgespürte Kleinplanet Sedna ist die meiste Zeit seiner Existenz um ein Vielfaches weiter von der Sonne entfernt.

Die Größe des neuen Objekts läßt sich derzeit nur anhand seiner scheinbaren Helligkeit abschätzen. Würde seine Oberfläche das gesamte auftreffende Sonnenlicht reflektieren, betrüge sein Durchmesser bereits 2.200 Kilometer. Andererseits hat das Spitzer-Infrarotobservatorium das Objekt, dessen Temperatur sich aus der Distanz zur Sonne ergibt, nicht aufgefunden, so daß der Durchmesser nicht größer als 3.350 Kilometer sein kann.

Ähnlichkeiten mit dem Planeten Pluto

Mit dem Acht-Meter-Gemini-Observatorium in Hawaii hat Trujillo Ende Januar herausgefunden, daß 2003 UB313 spektroskopisch stark dem Planeten Pluto ähnelt. Beide Himmelskörper sind offenbar mit einer Schicht aus gefrorenem Methan bedeckt. Eine solche Schicht ist sonst nur bei dem Neptunmond Triton beobachtet worden. Auf den regulären Objekten des Kuiper-Gürtels wurde Methan bislang noch nicht nachgewiesen.

Die drei Entdecker haben der Internationalen Astronomischen Union bereits einen Namen für den Himmelskörper vorgeschlagen, den sie allerdings noch vertraulich behandeln. Weil die Internetseite Browns den Zusatz „Planetlila“ enthält, gab es Spekulationen, das Objekt solle nach dessen erst drei Wochen alter Tochter Lilah benannt werden, aber Brown hat das mittlerweile dementiert.

Parallel Entdeckung des Kleinplaneten 2003 EL61

Den Ausschlag dafür, mit 2003 UB313 jetzt an die Öffentlichkeit zu treten, hat möglicherweise die Erklärung einer spanischen Forschergruppe gegeben, die am vergangenen Donnerstag die Entdeckung eines andern Objekts im Sonnensystem bekanntgegeben hat. Sie hatte mit dem Telescopio Sierra Nevada in Granada herausgefunden, daß es sich bei dem Kleinplaneten 2003 EL61 um ein Mitglied des Kuiper-Gürtels handelt, das etwa 32 Prozent der Masse und siebzig Prozent der Größe von Pluto, also einen Durchmesser von rund 1.500 Kilometern hat. Es ist damit größer als der Plutomond Charon und das Kuiper-Objekt Quaoar - je 1.250 Kilometer Durchmesser - und wahrscheinlich auch größer als Sedna.

Das amerikanische Forschertrio hatte den Himmelskörper ebenfalls beobachtet, wollte mit der Veröffentlichung aber noch bis zu einer unabhängigen Beobachtung mit dem Spitzer-Observatorium warten. Das Objekt weist in seinem Spektrum wie der Plutomond Charon Hinweise auf gefrorenes Wasser auf. Bei Beobachtungen mit einem der Zehn-Meter-Keck-Teleskope in Hawaii wurde sogar ein Mond dieses Kleinplaneten aufgespürt, der nur etwa ein Prozent von dessen Masse hat und ihn einmal in 49 Tagen auf einer langgestreckten Bahn umrundet.

Text: F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 32
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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