Sonnensystem

Pluto - Planet der Herzen

Von Günter Paul

Cherylee und Al Tombaugh wollen Pluto als Planeten zurück

Cherylee und Al Tombaugh wollen Pluto als Planeten zurück

07. September 2006 Als die Internationale Astronomische Union in Prag vor zwei Wochen erstmals eine offizielle Definition des Begriffs „Planet“ beschloß, war schon abzusehen, daß erhitzte Gemüter die Folge sein würden.

Nicht nur, weil der Mehrheit der Astronomen viel zuwenig Zeit dafür gelassen worden war, über ein so schwieriges Thema zu diskutieren, so daß Unzulänglichkeiten in der Definition unvermeidbar waren - tatsächlich haben Fachastronomen bereits eine Petition eingereicht.

Die Entscheidung ist gefallen: Pluto verliert Planetenstatus

Die Entscheidung ist gefallen: Pluto verliert Planetenstatus

Sondern auch, weil der Planet Pluto, der nun kein Planet mehr sein soll, seit seiner Entdeckung im Jahr 1930 die Herzen vieler Menschen für sich gewonnen hat. Daran ist nicht zuletzt sein von Walt Disney geschaffener Namensvetter schuld, der sympathisch-tolpatschige Hund, der - nach dem neuen Planeten benannt - noch im selben Jahr seinen ersten Auftritt hatte.

Ein amerikanischer Held

Am vergangenen Freitag veranstalteten Pluto-Fans vor der New Mexico State University in Las Cruces eine Demonstration, unter ihnen Al Tombaugh und seine Ehefrau Cherylee. Al Tombaugh ist der Sohn von Clyde Tombaugh, der Hilfskraft am Lowell-Observatorium war, als er den Pluto als erster bemerkte. Später wurde er Professor für Astronomie an der New Mexico State University.

In den Vereinigten Staaten sind bei Diskussionen personenbezogene Argumente oft leichter zur Hand als in Europa. So kann es kaum überraschen, daß dort ein emeritierter Professor darauf hinweist, Tombaugh habe, erst 24 Jahre alt und in niedriger Position, etwas geschafft, was der ganzen Schar der Astronomen in aller Welt mit viel modernerer Technik erst wieder mehr als sechzig Jahre später gelang: im Sonnensystem ein Objekt dieser Größe zu entdecken. Daher sei Tombaugh ein amerikanischer Held, und schon deshalb müsse Pluto ein vollwertiger Planet bleiben.

Man müsse Europa jetzt eliminieren

Derselbe Emeritus fügt hinzu, Planeten zu definieren sei genauso „sinnvoll“ wie Kontinente zu definieren. Wobei insbesondere die Einführung der neuen Gattung „Zwergplanet“ auf größtes Mißfallen stößt. Man brauche nur auf eine Landkarte zu schauen, um zu wissen, ob Asien und Europa Kontinente seien.

Nach der Prager Logik müsse man jetzt Europa eliminieren. Was nicht heißen soll, Europa sei von der Erde verschwunden: In Deutschland bringen einige Lehrer ihren Schülern fatalerweise schon bei, Pluto befinde sich nicht mehr im Sonnensystem.

Es war logisch, Pluto zu opfern

Das Größenargument allein ist sowieso kein gutes Argument. Viel schwerer wiegt, daß Pluto eigentlich nur ein Ausreißer des Kuiper-Gürtels ist. Als in der Neujahrsnacht 1801 Ceres entdeckt wurde, erhob man auch dieses Objekt zunächst zu einem Planeten.

Erst rund 50 Jahre später wurde es zu einem Kleinplaneten herabgestuft, weil es - wie man erkannte - zusammen mit vielen anderen Objekten in einem Gürtel die Sonne umkreist. Es war daher logisch, jetzt auch Pluto als Planeten zu opfern. In einem Planetenmodell des American Museum of Natural History ist er gar nicht erst berücksichtigt worden.

„In Herzen immer ein Planet

Derweil wird dem Plutomodell, das zusammen mit den Modellen der übrigen Planeten maßstabsgerecht über 600 Meter die National Mall in Washington ziert, besondere Ehre erwiesen. Besucher legen Kondolenzkarten und Blumen für den Planeten nieder, der nun keiner mehr sein soll.

Auf einer Karte steht „wir vermissen dich“, signiert von den „anderen acht Planeten“. Auf einer anderen, von kindlicher Hand geschriebenen Karte heißt es: „In meinem Herzen wird Pluto immer ein Planet sein.“

Text: F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 36
Bildmaterial: AP, dpa

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