Im Gespräch: Timo Glock

„Formel 1? Ich dachte: Was ist das für ein Spinner!"

25. April 2008 Ein Formel-1-Fahrer braucht alles Mögliche. Fleiß, Talent, Glück, Mut - aber damit alles wirken kann, braucht er vor allem eines: Fitness. Michael Schumacher hat oft an der Sportklinik Bad Nauheim trainiert, und sein Arzt dort war Dr. Johannes Peil. "Schumacher", sagt Peil, "hat noch in seiner letzten Saison sechs, sieben Stunden am Tag an seiner Fitness gearbeitet. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum er nicht weitergemacht hat. Man wird irgendwann müde, sich so zu quälen."

Timo Glock sitzt daneben und lächelt. Er zählt sich in Peils Klinik seit einem halben Jahr "zum Inventar" - und sich zu quälen, damit hat der 26 Jahre alte Hesse nicht das geringste Problem. Ende des vergangenen Jahres, nachdem er einen Vertrag bei Toyota unterschrieben hatte, bezog er ein Zimmer in der Bad Nauheimer Klinik und trainierte zwei Monate lang Tag für Tag.

Peil rühmt "seine außerordentliche Konsequenz, seine extreme Konzentration, seine völlige Fokussierung auf den Erfolg". Glock nippt an der Apfelschorle, er ist ein bescheidener Mann, und doch macht ihn das Lob seines Arztes und Fitnesstrainers nicht verlegen. Was Peil sagt, ist nicht übertrieben, es ist die Beschreibung seines Charakters. Ohne bedingungslose Konsequenz, Konzentration und Erfolgsstreben wäre aus dem Gerüstbauer, der in einem winzigen Dorf im Odenwald aufgewachsen ist, niemals ein Formel-1-Fahrer geworden.

Herr Glock, Sie waren kaum vom Formel-1-Rennen aus Bahrein zurück im Odenwald, da drehten Sie schon wieder Runden auf der Kart-Bahn. Sind Sie nicht mal froh, ein paar Tage keine Motoren zu hören?

"Nein. Es gibt viele Leute, die sagen: Du kommst aus dem Flugzeug und steigst in dein Kart, das ist doch nicht normal, du musst doch irgendwann mal die Schnauze voll haben. Aber für mich ist Motorsport, ist Kartfahren Entspannung. Daheim hat mein ehemaliger Mechaniker mein Kart bei sich stehen, der wohnt zehn Minuten weg, und er hat es immer fahrbereit. Mit ihm habe ich mich getroffen nach Bahrein, und dann sind wir rüber zur Bahn und ins Kart gestiegen."

Und dann drehen Sie eine Stunde Ihre Runden?

"Nein, wir fahren den ganzen Tag. Nun, es waren drei Stunden, von drei bis sechs. Und jetzt habe ich ein bisschen Muskelkater."

Muskelkater vom Kartfahren? Man rühmt Sie für Ihre Fitness.

"Ein Schalt-Kart zu fahren ist sehr anstrengend, du fährst fast die ganze Zeit mit nur einer Hand. Du hast sechs Gänge und bist die ganze Zeit am Schalten. Das gibt Muskelkater, wenn du länger nicht gefahren bist."

Was verdient eigentlich ein Gerüstbauer?

"Ich habe in meiner Ausbildung viel Geld verdient: 1200 Mark im ersten Lehrjahr, 1700 im zweiten."

Bei Toyota, heißt es, verdienen Sie jetzt 1,3 Millionen Euro pro Jahr. Was verändert sich durch Geld?

"1,3 Millionen? So viel ist es nicht. Aber es macht vieles leichter, wenn du zum ersten Mal wirklich Geld verdienst mit dem Rennsport. Geld ist aber für mich nicht das Hauptthema. Ich werde mir keine Villa kaufen und auch keine Yacht. Vielleicht mal ein Boot, wir hatten zu Hause ein kleines Sportboot, mit dem waren wir manchmal auf dem Main unterwegs. Das war immer pure Entspannung, wenn ich mit meinem Vater das Boot ins Wasser gelassen habe und wir ein bisschen hoch und runter getuckert sind."

Kein Umzug also nach Monaco oder in die Schweiz?

"Jeder fragt: Warum gehst du nicht in die Schweiz? Steuern sparen! Interessiert mich nicht. Denn wenn ich in der Schweiz bin und fühle mich nicht wohl, habe ich nichts davon. Ich muss mich wohl fühlen, nur dann weiß ich, dass ich hundert Prozent aus mir rausholen kann. Und das geht am besten, wenn ich daheim bin, mich mit Freunden treffe, Kart fahre, mich aufs Rennrad setze und quer durch den Odenwald radle."

Haben Sie sich gar nichts Besonderes geleistet nach dem Vertragsabschluss mit Toyota?

"Ich habe mir ein ferngesteuertes Auto gekauft, so einen Buggy, Kettensägenmotor, vier PS, vollgefedert. Das macht mir einen Riesenspaß, genau wie der 50-Zoll-Flatscreen, den ich für meine Wohnung in Köln bekommen habe, das ist für mich Luxus, da freue ich mich drüber wie ein kleines Kind."

Wie damals, als ein Motorrad unter dem Weihnachtsbaum stand?

"Ja. Ich war vier."

Wie kommt man auf die Idee, seinem vierjährigen Sohn ein Motorrad zu schenken?

"Mein Vater ist Motocross gefahren, als Hobby, mehr ging nicht, weil er nicht die finanziellen Möglichkeiten hatte. Er war Motorsportler, und so stand ein kleines Motorrad unter dem Weihnachtsbaum, eine 50-Kubik-Motocrossmaschine, und damit habe ich angefangen. Ich bin Rennen gefahren, und als ich mit acht einen Unfall hatte und mir Schien- und Wadenbein brach, hat die Mutter gesagt, jetzt ist es vorbei mit dem Motorsport. Ich habe Tennis gespielt und Tischtennis und alles Mögliche ausprobiert, aber irgendwie war das alles nichts."

Es dauert, bis Glock und sein Vater wieder die Kurve zum Rennsport bekommen. Zur Konfirmation ringen sie der Mutter ein Versprechen ab: Wenn genügend Konfirmationsgeld zusammenkommt, darf sich der Bub ein Kart kaufen. Sonntag abends wird das Geld gezählt, der Vater schiebt nach, was fehlt, und dann fahren sie montags mit 2500 Mark zu Adolf Neubert, der im Nachbardorf einen Motorsporthandel betreibt, und kaufen ein Kart. Es soll ein Hobby werden. Der Mutter versprechen sie, dass der Sohn keine Rennen fährt, doch das hält nicht lange. Glock schreibt sich für ein Klubrennen ein, fährt vorneweg, und zwei Tage später ist er Mitglied in Neuberts Kart-Team, für das auch schon Michael Schumacher, Stefan Bellof und Bernd Schneider fuhren. Timo Glock ist damals 15, ein Späteinsteiger, und Kartfahren ist teuer. Mancher Konkurrent absolviert die Saison mit 200 000 Mark, die Glocks bringen mit Mühe 35 000 Mark zusammen. Sie kaufen für 1750 Mark einen Peugeot-Bus, flicken einen uralten Wohnwagen zusammen und fahren damit und dem Rennkart durch Deutschland. Und Timo Glock macht im Betrieb des Vaters seine Ausbildung zum Gerüstbauer.

Wie ist das, wenn man auf einem Gerüst steht, es ist schlechtes Wetter, und man muss immer höher hinauf. Hat man da Angst?

"Nein. Aber man muss Respekt davor haben - genau wie man Respekt vor dem Rennfahren haben muss. Wenn ich auf dem Gerüst in dreißig Meter Höhe bei Wind und Regen ohne Respekt rumlaufe, dann passiert schnell ein Fehler, der schlimm ausgehen kann. Aber Angst darf man nicht haben, denn mit Angst bewegt man sich zu vorsichtig, und dann kann auch schnell etwas passieren."

Sie haben in Ihrer Lehrzeit auch etwas für das Rennfahren gelernt?

"Ja, was ich mitnehmen konnte, ist der Respekt vor der Gefahr, die Konzentration."

Und wenn Sie, wie in Melbourne, mit Ihrem Toyota von der Bahn abkommen, wie ein Kampfjet abheben und für Sekunden nicht wissen, wie das Ganze ausgeht - spüren Sie dann Angst?

"In Melbourne ging alles so schnell, dass ich es kaum realisieren konnte. Die Flugphase war relativ kurz, es gab keine Zeit nachzudenken. Im Auto fand ich den Unfall gar nicht so spektakulär, wie er von außen ausgesehen hat. Es hat mich zwei-, dreimal kurz geschüttelt, und die Hand hat geschmerzt, nur das hat mir sofort Sorgen gemacht."

Mit Angst könne man nicht am Limit fahren - stimmt diese Rennfahrerweisheit?

"Ja. Es ist wie auf dem Gerüst: Wenn ich Angst habe, auf dreißig Meter zu gehen, dann funktioniert nichts mehr. Angst macht unsicher. Im Rennsport nimmt dir Angst Speed und Aggressivität. Wer Angst hat, ist bei dem, was er macht, nicht sicher. Aber wenn ich mich ins Auto setze, muss ich zu 99,9 Prozent sicher sein, dass ich alles unter Kontrolle habe, sonst macht es keinen Sinn."

Würden Sie für den Erfolg ein Risiko eingehen, das Sie nicht einschätzen können? Würden Sie es einfach mal drauf ankommen lassen?

"Nein, ich bin keiner, der durch extrem riskante Manöver auffällt. Wenn ich jemanden überhole, dann habe ich mir das zurechtgelegt und weiß genau: Wenn ich es mache, dann funktioniert es auch. Es kann immer etwas schiefgehen, aber ich habe alle Schritte, die ich in einem Rennen mache, vorher genau überlegt."

Der Sprung vom Kart- in den Formel-Sport ist für die Glocks eine aufregende Sache. 1999 liest der Vater in der Zeitung von der Formel BMW/ADAC. Er meldet den Sohn für einen Lehrgang an, Timo wird Zweiter und qualifiziert sich für den Kreis der zehn geförderten Nachwuchsfahrer. Aber er muss ein Budget von 120 000 Mark vorweisen. 40 000 Mark hat der Vater zusammen, würde er den Rest nicht auftreiben, fiele der Sohn aus dem Kader, der Elfte würde nachrücken. Der Vater spricht beim Reifenhersteller Pirelli vor, der im Odenwald ein Werk betreibt, und hat Glück: Der Pirelli-Sportchef vermittelt den Kontakt zu Hans-Bernd Kamps und dessen Tolimit-Rennstall. Ein Glücksfall. Kamps schaut sich den Jungen an und legt ihm Ende 1999 einen Karriereplan vor: zwei Jahre Formel BMW, zwei Jahre Formel 3 und 2004 dann Formel 1. Timo Glock staunt.

"Formel 1! Ich habe gedacht: Vater, an wen sind wir da geraten! Was ist denn das für ein Spinner! Und dann ist es genauso gekommen. 2004 waren wir in der Formel 1 - und es war kein Traum."

Glock fährt für Jordan, doch das Abenteuer ist schon nach vier Rennen beendet. Eddie Jordan muss seinen Rennstall verkaufen, Glock fällt vom Fahrer-Karussell. They never come back - das gilt in der Formel 1 mehr noch als beim Boxen, doch Glock kämpft sich zurück. Ein Jahr Champ Car in den Vereinigten Staaten, zwei Jahre GP2-Serie in Europa, die er 2007 gewinnt, das ist die Eintrittskarte, seine zweite Chance: Er wird bei Toyota Nachfolger von Ralf Schumacher.

Wenn Sie ins Rennauto steigen, steigen Sie dann in eine andere Welt?

"Mein größtes Erlebnis war Hockenheim 2006. GP2-Serie. Ich war samstags nur Dritter, weil ich in der Boxengasse zu schnell fuhr, und das hat mich so geärgert, dass ich mir geschworen habe: Das Sonntagsrennen gewinnst du, egal wie. Ich habe mich komplett abgeschottet, mich haben Leute angesprochen, und ich habe nicht mehr reagiert. Ich war völlig in einer anderen Welt. Ich habe diesen Tunnelblick damals so extrem erlebt wie nie wieder. Im Rennen habe ich meinen Konkurrenten in der letzten Runde überholt und gewonnen. Es war ein genialer Tag."

Und seither ist das Ziel, die Konzentration wieder so auf hundert Prozent zu bringen?

"Genau."

Wie bereiten Sie sich unmittelbar auf ein Rennen vor, um das zu erreichen?

"Ich ziehe mich zurück, stecke mir die Stöpsel ins Ohr und höre Musik. AC/DC, Highway to hell, solche Sachen. Nicht so sehr zur Motivation, sondern zur Abschottung, so komme ich in die Konzentrationsphase. In der GP2 habe ich mich vor dem Rennen noch eine halbe Stunde aufs Rennrad gesetzt und bin auf der Rolle gefahren. Ich fahre viel Rennrad, und meine Erfahrung ist: Auf dem Rennrad komme ich niemals in eine negative Stimmung."

Arbeiten Sie mit Psychologen?

"Ich habe das 2006 mal probiert und ein paar Werkzeuge mitgenommen, das reicht mir. Ich hatte immer eine kleine Schwäche im Qualifying, mich nicht so konzentrieren können auf den Punkt. Im Rennen war das nie ein Problem, aber diese eine Runde, die ist 1:30 Minuten lang - und Ende. Da haben mir diese psychologischen Werkzeuge geholfen. Ich habe es mit dem Kart an mir selbst ausprobiert. Ich habe mir vier Satz neue Reifen gekauft, bin auf die Kartbahn und habe mich nur darauf konzentriert, eine schnelle Runde zu fahren. Das hat funktioniert. Beim nächsten GP2-Rennen in Barcelona stand ich auf der Pole-Position. Seitdem klappt es auch im Qualifying."

Was ist das für ein Kampf im Motorsport? Immer gegen den, der vor einem liegt, immer Mann gegen Mann?

"Ja, im Endeffekt schon. Und in der GP2 fährst du gegen 26 Fahrer, die haben im Prinzip alle das gleiche Fahrzeug. In der Formel 1 bist du mehr auf deinen Teamkollegen fixiert, weil du weißt, der hat das gleiche Material wie du."

Das Verhältnis zum Teamkollegen kann also nicht wirklich kollegial sein?

"Man muss einen Kompromiss finden. Im Endeffekt muss man das Auto gemeinsam nach vorne bringen. Bei den Tests muss man gemeinschaftlich in eine Richtung gehen. Aber sobald das Wochenende kommt und das Rennen, dann ist der Teamkollege der erste Gegner.

Der Toyota ist auf Trulli, Ihren Teamkollegen, zugeschnitten. Müssen Sie sich auf den Wagen einstellen, oder können Sie erwarten, dass die Ingenieure Ihnen ein
Timo-Mobil maßschneidern?

"Ein Rennauto kann man innerhalb einer Saison nicht umbauen. Es ist auch nicht so, dass es für mich meilenweit weg wäre, dass es überhaupt nicht funktionieren würde. Man merkt halt aber gewisse Charakterzüge an diesem Auto."

Trulli hat 180 Grand-Prix-Rennen, Sie sieben. Kommen Sie da als Lehrling ins Team?

"Nein. Er gibt mir bei Testfahrten schon den ein oder anderen Tipp. Er war sehr kooperativ und hat mir teilweise geholfen. Aber am Rennwochenende merkst du schon, wie die Klappe rauskommt."

Welche Ziele haben Sie für diese Saison?

"Den Aufwärtstrend beibehalten. In Melbourne hatte ich den Unfall, in Malaysia bin ich ausgeschieden, in Bahrein war das Qualifying nicht optimal, aber das Rennen mit Platz neun in Ordnung. Ich will mich über das Jahr hinweg kontinuierlich steigern und so viel Erfahrung sammeln wie möglich. Und ich will im Qualifying so nah wie möglich an Trulli drankommen. Es gibt wenige, die so konstant eine schnelle Runde aus dem Ärmel zaubern wie er.

Was plant Kamps, der noch immer Ihr Manager ist, mit Ihnen für die nächsten, sagen wir: vier Jahre?

"Kamps plant einen WM-Titel. Und ich natürlich auch. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals das Wort ,WM-Titel' in den Mund nehmen würde, das war für mich immer viel zu weit weg, aber jetzt muss der Titel mittelfristig ganz klar mein Ziel sein."

Das Gespräch führte Michael Eder



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, REUTERS, Wonge Bergmann

 

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