Von Steffen Gerth
30. April 2008 Natürlich hätte es Teamchef Markus Schleicher gerne gesehen, wenn einer seiner Besten bei diesem Rennen an den Start gegangen wäre. Für einen Radsportler aus Hessen bei Rund um den Henninger Turm mitzufahren ist ja ein besonderes Erlebnis. Doch Philipp Seubert wird an diesem Donnerstag allenfalls am Straßenrand stehen und seinen Kameraden vom Team Mapei Heizomat hinterherwinken. Seit November macht dem 22 Jahre alten Pedaleur aus Groß-Zimmern das Knie zu schaffen. Sollten sämtliche therapeutischen Maßnahmen nicht greifen, wird Seubert operiert werden müssen.
Es sind die großen Sorgen eines kleinen Teams, die verschluckt werden von bedeutenderen Nachrichten über dieses Rennen. Da ist die unsichere Zukunft der Veranstaltung. Und da ist die Absage von Erik Zabel. Der deutsche Sprinterheld vom Team Milram war beim Wallonischen Pfeil vor einer Woche schwer gestürzt und wird beim Henninger nicht antreten.
Kein Zabel in Frankfurt
Nach einer Untersuchung bei einem Kniespezialisten hat er einige Tage versucht zu trainieren, so Raoul Liebregts, einer der Sportlichen Leiter der Mannschaft. Doch in seinem angeschlagenen rechten Knie befindet sich immer noch Flüssigkeit, und beim Fahren am Berg ist er nicht schmerzfrei. Bereits am Wochenende musste Sprinter-Kollege Alessandro Petacchi seinen Start in Frankfurt aufgrund einer Bronchitis absagen.
Kein Zabel in Frankfurt bedeutet weniger Glamour. Für die Veranstaltung. Wer mit Markus Schleicher redet, hört heraus, dass für seine Fahrer der Großmeister aus Unna nicht mehr als Idol taugt. Mapei Heizomat ist eine Nachwuchs-Equipe in der U 23-Klasse, vor sieben Jahren gegründet als bayerisches Verbandsteam.
Kleines Geld, kleine Ziele
Seit 2005 fährt der Stall als eigenständige Mannschaft, ein Jahr später gewann Markus Franzl die Einzelwertung der Bundesliga - seit diesem Jahr hat das Team Continental-Status. Schleicher sagt, dass seine jungen Leute nicht mehr an Idole glauben, sondern ihre eigenen Wege finden. Dieses Denken wird in seiner Karriere anders gewesen sein. Er war einer der jungen Männer der ersten Stunde im neuen Team Telekom, das 1990 aus dem Team Stuttgart hervorging.
41 Jahre ist Schleicher heute alt, der Etat für seine Mannschaft ist weniger als ein Fünftel dessen, was Milram oder Gerolsteiner zur Verfügung haben. Kleines Geld, kleine Ziele: Würde es am Donnerstag einer von Schleichers Männern unter die besten dreißig schaffen, wäre das für uns ein Achtungserfolg. Selbst das Ankommen ist bei so einem Rennen für Mapei-Fahrer schon wichtig. Mit acht Mann geht das Team an den Start der 179 Kilometer langen Schleife - und ich hoffe, dass drei, vier von uns den Henninger Turm auch im Ziel sehen, sagt Schleicher.
Der Wunsch nach Erneuerung
Man will sich so gut wie möglich verkaufen und sich vor allem sauber präsentieren, auch für mögliche Werbepartner. Schleicher ist ein Mann, der mit 15 Jahren Erfahrung als aktiver Rennfahrer wissen wird, wie dieser Sport funktioniert - und vor allem funktioniert hat. Er vermittelt den Eindruck, als sei er auf Distanz gegangen zu der Welt der Doper. Dass reuige Doper immer noch in Verantwortung stünden oder Rennen führen, halte ich für problematisch. Er meint Rolf Aldag, Sportlicher Leiter beim T-Mobile-Nachfolger High Road, oder Zabel, auch wenn er sie nicht nennt. Es ist dieses Lavieren und Taktieren, das seinen Leuten die Lust an Vorbildern nimmt. Jan Ullrich? Ist schon lange kein Held mehr, aber ein schlechterer Mensch als Zabel ist er auch nicht.
Aus Schleicher spricht der Wunsch nach Erneuerung seiner Sportart. Dabei macht er selbst vor vergleichsweise revolutionären Ideen nicht halt, um das epidemische Dopen zu bekämpfen. Warum muss eine Tour de France eigentlich drei harte Wochen lang sein? 15, 16 Etappen reichen auch. Kleinere Rundfahrten könnten mit fünf Tagen auskommen. Weniger Renntage, weniger Belastung - weniger Versuchung, die Leistung zu manipulieren? Könnte sein, muss aber nicht. Es kommt wohl auf den Verlauf der diesjährigen Tour de France an, ob über solche Rennkalender-Novellen nachgedacht werden darf. Danach werden wir wissen, wie es mit dem Radsport in Deutschland weitergeht, sagt Schleicher. Sollte die Fahrt abermals ein Festival der Doper werden, geht wohl nicht mehr viel. Nicht beim Henninger und nicht bei Mapei.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Wonge Bergmann