Frankfurt Marathon

Wilfred Kigen – vom Torhüter zum Marathonmann

Von Leonhard Kazda

28. Oktober 2007 Der große Favorit ist ein stiller, beinahe zerbrechlich wirkender Mann. Dass Wilfred Kigen aber ein zäher, ausdauernder und ungemein schneller Marathonläufer ist, wissen nicht nur die Zuschauer, die den 32 Jahre alten Kenianer in den vergangenen beiden Jahren in der Festhalle als Sieger über die Ziellinie des Frankfurt Marathon haben laufen sehen. Auch beim jüngsten Hamburg Marathon hat Kigen gezeigt, was in ihm steckt. In 2:07:33 Stunden stürmte er in der Hansestadt ins Ziel, schaffte eine neue, persönliche Bestzeit, die ihn auf Platz zwei brachte.

In Frankfurt hat Kigen als Gewinner der beiden zurückliegenden Läufe Maßstäbe gesetzt. Bei seinem ersten Erfolg im Jahre 2005 rannte er die 42,195 Kilometer in 2:08:29 Stunden – das war und ist der Streckenrekord des Laufs am Main. Natürlich erwarten nun viele Beobachter der Szene, dass Kigen seiner Favoritenrolle gerecht wird und den Hattrick schafft – am liebsten in neuer Bestzeit. Der Marathonmann aus Afrika lächelt nur leise, wenn er auf den Druck der hohen Erwartungen angesprochen wird: „Ich spüre den Druck. Aber ich weiss auch, dass das nicht gut für mich ist.“

Einer der besten Marathonläufer Kenias

Kigen ist in Eldoret, einer Stadt im Westen Kenias, als Sohn eines Farmers geboren. „Steiniger Fluss“ bedeutet der Name. Die Schule war zehn Kilometer von zu Hause entfernt. Und selbstverständlich legte der junge Wilfred die Distanz zweimal täglich zu Fuß und im Laufschritt zurück – was im Nachhinein betrachtet der Karrierebeginn als Leichtathlet war. „Ich glaube nicht, dass ich ohne diesen Schulweg zum Läufer geworden wäre“, sagt Kigen. Die Zeiten haben sich geändert: Kigens vier Kinder werden mit dem Auto zur Schule gefahren. Seine ersten Wettkämpfe bestritt Kigen als Jugendlicher, spezialisierte sich später auf die 5000-Meter-Distanz. In seiner Freizeit spielte er als Junge gerne Fußball. Kigen lächelt verschmitzt, wenn man ihn nach seiner Position auf dem Feld fragt. „Ich stand im Tor. Da musste ich nicht laufen.“

Inzwischen ist aus dem Torhüter einer der besten Marathonläufer Kenias geworden. Kigen reagiert aber skeptisch, wenn er auf seine Chancen angesprochen wird, sein Land vielleicht bei den Olympischen Spielen in Peking vertreten zu können. „Die Konkurrenz in Kenia ist gewaltig“, sagt er. Klar, ein gutes Ergebnis in Frankfurt wäre bei der Qualifikation sicher hilfreich. Aber kann Kigen so spät im Jahr noch mit einer neuen Bestzeit aufwarten?

Wie viele kenianische Athleten ist Kigen bei der Polizei in einer Art Sportkompanie angestellt. Dienst in Uniform muss er nicht machen, und auch der Gedanke, dass er später einmal seinen Lebensunterhalt als Polizist verdienen könnte, ist für den Leichathleten eher befremdlich. Wilfred Kigen ist mit einer Lehrerin verheiratet, die gerade das fünfte Kind erwartet, weshalb die deutsch sprechende Ehefrau nicht mit nach Frankfurt gekommen ist. Die drei Söhne, vier, zehn und dreizehn Jahre alt, sind zu Hause bei der Mutter geblieben. Mit nach Frankfurt genommen hat Kigen seine acht Jahre alte Tochter Patience. Die Wahl fiel auf sie, „weil sie ein Mädchen ist“, sagt Kigen und lächelt zu seiner Tochter hinüber, die den Rummel um den Papa mit großen Augen beobachtet.

Lob für die Stimmung an der Strecke

Kigen hat selbst sieben Geschwister. Als sein Vater 1995 bei einem Verkehrsunfall starb, begann Kigen sich um den Unterhalt der Familie zu kümmern. 1998 zog er mit der Familie nach Ngong, einer dreißig Kilometer von Nairobi entfernt liegenden Stadt, nachdem er einen Anruf von Paul Tergat erhalten hatte – jenem Weltklasseathleten, der 2003 in Berlin in 2:04:55 Stunden Weltrekord gelaufen war. Tergat, der damals schon vier seiner fünf Weltmeistertitel im Crosslauf gewonnen hatte, wollte Kigen in seiner Trainingsgruppe haben – und erhielt natürlich eine Zusage.

Und auch heute noch atwortet Kigen auf die Frage nach seinem Idol spontan: „Paul Tergat.“ In dem 1400 Meter hoch gelegenen Ngong trainiert Kigen nun viel mit Wilson Boit Kipketer zusammen, der ebenfalls in Frankfurt am Start ist und zum Kreis der Favoriten zählt. Laufen ist im Hause Kigen auch Familiensache. Wilson Kigen, 2005 in Frankfurt Ditter, ist ein Cousin, und der 21 Jahre alte Bruder Robert Kigen zählt zu den kenianischen Lauftalenten.

Frankfurt ist für den Sieger der vergangen beiden Tage nicht nur wegen der beiden zurückliegenden Erfolge ein besonderes Rennen. „Die Organisation hier ist ausgezeichnet“, lobt er, „und eine solche Stimmung an der Strecke gibt es sonst fast nirgendwo.“ Und noch etwas ist hier einzigartig: der Einlauf in die Festhalle. Bei seinem ersten Auftritt am Main war Kigen ziemlich irritiert, als sich plötzlich das Eingangstor der Frankfurter „Gudd Stubb“ vor ihm auftat. „Ich dachte, ich hätte mich verlaufen.“ Als er schließlich die Fans in der Halle jubeln hörte, war er beruhigt. In diesem Jahr kennt Kigen den Weg bestens. Bleibt nur noch die Frage, ob er ihn auch wieder als Erster beschreiten wird.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Wonge Bergmann

 
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