Von Steffen Gerth
14. Mai 2008 Sieben Minuten vor Schluss hatte dann auch Marc Faig seinen großen Aufritt. Sein Gesichtsausdruck beschrieb eine Mischung aus Ungläubigkeit und Ergriffenheit über den Moment. Faig machte diesen Fußballabend endgültig zu einer Party. Fünf Ballkontakte hatte er, einer bereitete sogar den fünften und letzten Treffer des SV Darmstadt 98 vor, die Menge tobte – Faig hatte ein fehlerloses Spiel absolviert. Die Bayern siegten dennoch 11:5.
So sind die neuen Zeiten bei Darmstadt 98: Der eigene Steuerberater ersteigert für 2860 Euro bei Ebay einen Kurzeinsatz im Benefizspiel gegen den FC Bayern München, blamiert dann weder sich noch den Verein und nötigt sogar Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld und seinem Manager Uli Hoeneß vergnügte Minenspiele ab. Abende wie diese müssen so laufen – als beschwingtes Fußballfest. Die Leute hier waren heute sehr gut“, lobte Bastian Schweinsteiger, Mittelfeldspieler der Bayern, die Darmstädter Kulisse und vergab noch das Prädikat, was wohl jedem in Darmstadt verzücken wird: Zweitligareif.“
Wir sind auf einem guten Weg
Für die Lilien“ ist es noch ein weiter Weg zurück in die zweite Liga. Zunächst muss sich der vorzeitige hessische Oberligameister gegen die drohende Insolvenz stemmen – aber die Einnahmen aus dem Match (rund 200.000 Euro) gegen den vorzeitigen deutschen Meister am Dienstag dürften dazu beigetragen haben. Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Hans Kessler. Übersetzt in die professionelle Diktion des Darmstädter Präsidenten heißt das, dass der Konkurs des Vereins so gut wie abgewendet ist – nur für die Verkündung muss wohl noch der ein oder andere Sponsoringvertrag zu Ende verhandelt werden.
Kessler wollte am Dienstag aber nicht nur vom Geschäft reden, es ging ihm auch um die große Symbolkraft“ dieses Ereignisses. Die Straßenbahnen der Stadt fuhren im Minutentakt zum Stadion, im VIP-Raum spielte ein Pianist, und selbst dem Hessischen Rundfunk wurde geholfen. Denn als dem Sender während der TV-Übertragung der Strom knapp wurde, reduzierten Stadiontechniker am Böllenfalltor fix die Strahlkraft der Flutlichtanlage – das Fernsehen konnte weiter senden. Und für die unvermeidliche Portion Kitsch sorgten in der Halbzeit zwei Lilien“-Anhänger, die ihren jeweiligen Freundinnen per Mikrofon Heiratsanträge machten.
Die Bayern mochten da kein Spielverderber sein. Bis auf Torwart Oliver Kahn (erkältet) und Stürmer Miroslav Klose war die komplette Meistermischung am Böllenfalltor erschienen – auch wenn die Stars Franck Ribéry und Luca Toni lediglich Autogramme schrieben und sich während der Partie von der Ersatzbank aus mit Mineralwasser bespritzten.
So ein Gekasper kam an bei den 20 000 Menschen im ausverkauften Stadion, der flotte Kick gleichfalls. Der Münchner Jan Schlaudraff traf siebenmal – wenn man so will gegen seinen alten Klub. Vor ein paar Jahren stand der Stürmer für ein paar Wochen im Kader der Darmstädter A-Jugend, zog aber wieder weiter, weil ihm der Verein damals keine gescheite Wohnung besorgen konnte.
Ein Gastspiel als Lebensspender
Den letzten Treffer des Abends erzielte der Darmstädter Ahmet Sahinler, Sekunden vor Ende. Er hatte von einem Tor geträumt und nach seiner Einwechslung alles dafür getan, es zu schießen. Ich bin glücklich“, lautete seine persönliche Bilanz, das ergatterte Trikot des Bayern-Verteidigers Breno hielt er in seinen Händen wie einen Schatz. Kollege Rudi Hübner (Schütze des 1:1) wurde mit dem Leibchen des Bayern-Defensiven Willy Sagnol versorgt und fokussierte sich dann auf sein Tagesprogramm an diesem Mittwoch: Berufsschule und am Abend das Halbfinalspiel im Hessenpokal beim Bezirksoberligaverein SV Adler Weidenhausen.
So bunt ist die Fußballwelt, die die Bayern mit solchen Gastspielen am Leben halten. Der große Klub hilft dem kleinen, auch wenn dieser die Fahrtkosten der Gäste bezahlen muss. Dafür durften die Darmstädter Promis sehen. Der Münchner Fanblock entrollte während der Partie ein Transparent, auf dem stand: Darmstadt statt Hoppenheim. Traditionsvereine erhalten.“ Selbst der Bayern-Anhang weiß, dass das Fußballgeschäft nur bedingt floriert mit Marktteilnehmern, die lediglich die Kapitalkraft eines Mäzens als Standortvorteil haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
