Von Rainer Seele
01. Mai 2008 Die Botschaft war allgegenwärtig in Frankfurt, auch über dem Zielstrich war ein kleines Schild angebracht mit der Aufschrift: Doping, nein danke. Vermutlich dürfte Karsten Kroon dafür aber keinen Blick gehabt haben, als er die letzten Meter bei Rund um den Henninger Turm zurücklegte. Der Niederländer hatte in diesem Moment andere Interessen, er wollte seine Widersacher auf Distanz halten, er schaffte das auch. Kroon setzte sich nach 179 Kilometern im Spurt durch und gewann vor Davide Rebellin und dem Kolumbianer Mauricio Ardila Cano. Eine bemerkenswerte Leistung von Kroon, der am Donnerstag nur vier Mitstreiter der dänischen Formation CSC an seiner Seite hatte - und trotzdem dem hoch gehandelten deutschen Team Gerolsteiner die Schau stahl. Es war eigentlich ganz einfach, sagte Kroon salopp.
Gerolsteiner hatte das Geschehen lange beherrscht, es war schließlich in einer neun Fahrer starken Ausreißergruppe doppelt vertreten, mit dem Italiener Rebellin und mit Fabian Wegmann. Wir haben sehr viel Herzblut reingesteckt, sagte Wegmann - aber dann machte Kroon der deutschen Equipe im Finale doch einen Strich durch die Rechnung. Rennstallchef Hans-Michael Holczer sagte, dass alle Erwartungen erfüllt worden seien - bis auf den Schlussakt. Eine Enttäuschung für Gerolsteiner - gleichwohl wird auch Platz zwei noch als Empfehlung für ein Team taugen, dessen Zukunft Holczer in den nächsten Wochen sichern will. Gerolsteiner benötigt nach dieser Saison einen neuen Hauptfinanzier, Holczer möchte den neuen Partner vor der Tour de France präsentieren. Er verhandelt, wie es heißt, mit zwei Unternehmen, die Gespräche laufen inzwischen auf Vorstandsebene.
Der Hauptsponsor steigt aus - ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht
Um Erhalt, um Überleben geht es derzeit in vielerlei Hinsicht im Radsport, in Frankfurt war davon häufig die Rede. Schließlich trifft das auch auf Rund um den Henninger Turm zu, ein Rennen mit Tradition. Es wurde in diesem Jahr zum 47. Mal ausgetragen - allerdings ist ungewiss, ob seine Geschichte fortgesetzt werden kann. Wie beim Team Gerolsteiner steigt der Hauptsponsor aus, ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Die Suche nach frischem Geld gestaltet sich zwangsläufig schwierig, da der Radsport, schwer belastet durch Dopingskandale, grundsätzlich vor einem ungewissen Morgen steht. Mancher glaubt zwar, Zeichen der Hoffnung zu erkennen, Holczer beispielsweise vertritt eine solche Position. Der Schwabe wies in Frankfurt auf positive Veränderungen im Radsport hin. Das muss man würdigen.
Allerdings ist zweifelhaft, ob die Branche tatsächlich zu einem grundlegenden Wandel fähig ist. Die Bedenken wurden gerade durch das Team Liquigas genährt, das von den Frankfurtern kurzerhand ausgeladen wurde - die Italiener hatten sich geweigert, eine von den Hessen geforderte zusätzliche Ehrenerklärung für die Rennfahrer zu unterzeichnen. Dass Liquigas den noch gesperrten Ivan Basso unter Vertrag nahm und damit gegen einen Kodex der ProTour-Mannschaften verstieß, verdeutlicht ebenfalls, dass die Bemühungen, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, begrenzt zu sein scheinen im Radsport. Die Vereinigung der Profiteams schloss Liquigas umgehend aus, auf dessen Status hat dies jedoch keine Auswirkung. Man könne nur sein Missfallen ausdrücken, sagt Holczer. Mehr Macht besitzen die Veranstalter, sie können umstrittene Teams mit einem Bann belegen - und für sie soll dafür nun auch, so Holczer, ein Ethikcode entwickelt werden.
Aufpassen, dass man nicht den Überblick verliert
So gibt der Radsport weiterhin ein diffuses Bild ab, und selbst der Anti-Doping-Kampf treibt inzwischen seltsame Blüten. Manches mutet dabei wie Aktionismus an. Man müsse aufpassen, sagte jetzt selbst Holczer, dass man nicht den Überblick verliert. Die Bemerkung bezog sich nicht zuletzt auf das spezielle Neun-Punkte-Programm der Frankfurter. Es ging angeblich weit über die vorgeschriebenen Anti-Doping-Maßnahmen aus; beispielsweise wurde diesmal jeweils ein Fahrer pro Team kontrolliert. Das ist ein Politikum, behauptete Holczer. Er wünschte sich, dass die Anti-Doping-Konzepte vereinheitlicht würden: Man muss die Dinge kanalisieren.
Die Anstrengungen der Hessen hingen selbstredend mit der Sorge um ihr Radspektakel zusammen, das sie gerne als Klassiker bezeichnen. Vielleicht wollte man mit der ungewöhnlichen Anti-Doping-Initiative auch einen französischen Gast beeindrucken: Jeremy Botton beobachtete Rund um den Henninger Turm für die Amaury Sport Organisation (Aso), die unter anderem die Tour de France ausrichtet. Ein Engagement der einflussreichen Aso in Frankfurt ist aber angeblich kein Thema. Monsieur Botton sagte lächelnd, dass er lediglich gekommen sei, um sich zu amüsieren. Der Aso-Abgesandte sprach unmissverständlich von Radsport.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.
