Von Yvonne Wagner
08. April 2006 Fast jeder Freizeitsportler und sogar mancher Leistungssportler vermutet als Ursache für Muskelkater, für die unnötigen Schmerzen nach einer Trainingseinheit, das Stoffwechselprodukt Milchsäure. Diese Annahme ist falsch und bereits seit Ende der siebziger Jahre widerlegt. Milchsäure (Laktat) wird zwar zu jeder Zeit und von jedem Menschen gebildet, dennoch läuft niemand mit einem Dauermuskelkater herum. Richtig ist, daß der Körper unter sportlicher Belastung vermehrt Laktat produziert.
Von einer bestimmten Laktatkonzentration an, die individuell sehr variabel ist, kommt es zur Übersäuerung des Muskels. Der verminderte pH-Wert führt dazu, daß der Athlet seine Aktivität einstellen muß, weil die Energiebereitstellung gestört wird. Muskelkater bekommt man aber weder von der Milchsäure noch von deren Wirkung auf den pH-Wert im Muskel. Der Körper baut die angefallene Milchsäure innerhalb weniger Minuten ab.
Heute sind sich die Wissenschaftler einig, daß Muskelkater eine Überlastungsreaktion des Körpers ist. Wesentliches Merkmal ist der verzögert eintretende Schmerz nach der muskulären Belastung. Erst nach einem bis zwei Tagen spürt man, daß die vergangenen Trainingsanforderungen nicht mit der realistischen Kapazität der Muskulatur übereinstimmten.
Heilungsprozeß im Muskelinneren
Die schmerzhaften Nachwirkungen treten auf, wenn man ungewohnte Bewegungen ausgeführt hat, nach einer längeren Bewegungspause ins Training eingestiegen ist oder der sportliche Umfang plötzlich gesteigert wurde. Ganz sicher tritt Muskelkater nach exzentrischen Belastungen in Erscheinung. Das sind Bewegungen, bei denen ein Muskel eine Last abbremsen muß, wie etwa beim Bergabgehen. Der Muskel wird dabei zur selben Zeit gedehnt und kontrahiert.
Zugleich werden weniger Muskelfasern rekrutiert, als dies bei überwindenden Kraftanstrengungen, wie dem Bergaufgehen, der Fall ist. Es entsteht eine hohe Last auf der einzelnen Faser, die schließlich deren Schädigung verursacht. Die kontraktilen Elemente haben ihre charakteristische, ineinandergreifende Funktion verloren. Zum Glück sind davon überwiegend altersschwache Fasern betroffen, die anschließend abgebaut werden. Nach frühestens 24 Stunden spürt der Betroffene den bekannten Schmerz im Muskel.
Jetzt ist zwar erst einmal Leiden angesagt, aber man darf auch sicher sein, daß der Heilungsprozeß in vollem Gange ist. Die Beschwerden entstehen, weil die zerstörten Strukturen im Muskelinneren abgebaut werden, wodurch es allerdings zur Schwellung im Gewebe kommt. Diese reizt wiederum das umliegende Nervengewebe, der Körper setzt schmerzauslösende Substanzen frei, und reflektorische Verspannungen verstärken die Beschwerden zusätzlich. Nach der extremen Belastung bildet der Muskel vermehrt leistungsstarke Muskelfasern.
Risiko von Muskelverletzungen
Wenn man der Muskulatur genug Zeit gibt, regeneriert sie auch nach intensiven Belastungen sehr gut, sagt Hans-Joachim Appell vom Institut für Physiologie und Anatomie der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln. So stelle Muskelkater bei ausreichender Regenerationszeit kein gesundheitliches Risiko dar, erklärt der Anatomieprofessor. Wer aber trotz Schmerzen ins Training einsteigt oder seinen Körper mit dem Übungsprogramm dauerhaft überstrapaziert, riskiert indes größere Muskelverletzungen.
Dennoch kennt man Muskelkater auch nach ganz normalen Bewegungsabläufen wie Fahrradfahren oder Laufen. Diese Gewebeschäden sind jedoch auf eine andere Ursache zurückzuführen: Im Falle einer Überforderung des Muskels strömen ungewöhnlich hohe Mengen von Kalziumionen in die einzelne Zelle und in deren Kraftwerke, die sogenannten Mitochondrien, ein. Mitochondrien spielen eine entscheidende Rolle in der Energiebereitstellung der Muskulatur.
Der ungewöhnliche Überschuß an Kalzium hindert die Mitochondrien allerdings an einer optimalen Energieproduktion. Dies wiederum verhindert den Abbau des überschüssigen Kalziums. Die sogenannte Kalzium-Homöostase ist gestört, ein Teufelskreis entsteht.
Vitamin E wirkt schützend
Die Zelle wird den Mineralstoff nicht mehr schnell genug los, und diese verhältnismäßig große Menge von Kalzium setzt Stoffwechselprozesse in Gang, die am Abbau spezieller Faserstrukturen des Muskels beteiligt sind. Außerdem produziert der Körper im Rahmen der Energieproduktion bei intensiven Ausdauerbelastungen freie Sauerstoffradikale, die ihrerseits für eine Faserschädigung sorgen. Dieser Prozeß ist als sogenannter oxydativer Stress bekannt.
Hat es den Sportler einmal erwischt, ist Ruhe angesagt. Warme Bäder, konzentrische Bewegungsabläufe in geringer Intensität und vorsichtige Dehnung sind angezeigt. Mit den Dehnungsübungen läßt sich die Strukturanordnung geschädigter Fasern günstig beeinflussen, so daß der Körper geordnetes Muskelgewebe bildet. Vorbeugend hat sich, außer einem sinnvollen Aufwärmtraining und einer dem Trainingszustand angepaßten Belastung, auch die Einnahme von Vitamin E bewährt.
In wissenschaftlichen Untersuchungen an der DSHS Köln hat Appell herausgefunden, daß Vitamin E das Muskelgewebe vor Schäden bei hoher Beanspruchung schützt und zugleich die Regeneration des Muskels fördert. Besonders vor dem schädlichen Einfluß der freien Radikalen, also bei oxydativem Stress, wirken 400 bis 600 mg Vitamin E pro Tag schützend, sagt der Professor. Wenn hohe Belastungen voraussehbar seien, solle man das Vitamin dann etwa eine Woche zuvor einnehmen.
Tips zur Trainingsplanung
Das Sportmedizinische Institut (SMI) in Frankfurt betreut in Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt Frankfurt-Rhein-Main Sportler aus allen Bereichen und verfügt über einen großen Erfahrungsschatz hinsichtlich Trainingsberatung oder sportärztlicher Diagnostik. Es gibt außerdem hessenweit vom SMI lizenzierte Ärzte, die eingehende Untersuchungen und Beratungen anbieten.
Bundesweit sind sportmedizinische Institute an die Universitätskliniken angegliedert. Die Kosten für eine sportmedizinische Untersuchung muß der Sportler selbst übernehmen. Informationen dazu findet man unter www.smi-frankfurt.de oder telefonisch unter 0 69/6 78 00 90.
Die genannte Internetseite bietet unter dem Hinweis Wissenswertes den Aspekt Sportmedizin. Dort findet sich bei Dehnung/Stretching ein umfangreiches Übungsprogramm, das für das Auf- und Abwärmen sehr gut geeignet ist. Informationen zu Meßgeräten für die Herzfrequenz erhält man in Sportfachgeschäften.
Text: F.A.Z., 08.04.2006
Bildmaterial: imago