Triathlon

Lieb und teuer

Von Michael Eder

Sebastian Dehmer, hier bei der Triathlon-WM in Japan

Sebastian Dehmer, hier bei der Triathlon-WM in Japan

23. Januar 2007 Die Triathlonabteilung des DSW Darmstadt meldet einen prominenten Zugang. Sebastian Dehmer kommt vom TuS Griesheim zum Nachbarn nach Darmstadt. Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass den TuS Griesheim und den DSW Darmstadt eine gewisse Distanz und eine gepflegte Abneigung trennt. Und dass Dehmer ein Kind des TuS ist, wo er als Jugendlicher vom späteren Bundestrainer Ralf Ebli entdeckt wurde.

Der Wechsel zum Lokalkonkurrenten, der den Griesheimern sportlich längst weit enteilt ist, kam dennoch einigermaßen geräuschlos zustande. Dass Dehmer wechseln würde, war klar, die Griesheimer konnten einen Weltklasseathleten wie ihn nicht mehr halten. Es gab verschiedene Angebote, und Dehmer, der mit seiner Familie in Darmstadt zu Hause ist, entschied sich aus naheliegenden Gründen für den DSW.

„Ich konnte nur noch trainieren wie ein Junior“

Der Verein gilt mit zweihundert aktiven Triathleten, einer erstklassigen Jugendarbeit und weiteren renommierten Athleten wie Nicole und Lothar Leder, Frank Vytrisal oder Kai Hundertmarck bundesweit als erstklassige Triathlon-Adresse. Dehmer bleibt auch Mitglied in Griesheim und lässt sich seine Trainingspläne weiterhin von Ebli schreiben. Allerdings ist sein Engagement in Darmstadt nicht nur auf dem Papier vorhanden, im Gegenteil. Dehmer will die erstklassigen Schwimmtrainingsmöglichkeiten im DSW nutzen, und sich – wie Nicole Leder – auch im Jugendbereich engagieren.

Er wird beim dreiwöchigen Trainingslager teilnehmen, das der DSW traditionell auf Mallorca abhält, und wird für den DSW an drei von vier Rennen der ersten Triathlon-Bundesliga starten. Möglich wurde die Verpflichtung Dehmers durch das Engagement eines Sponsors. Der IT-Dienstleister Start-Net unterstützt den DSW Darmstadt seit Jahren und sprang nun auch ein, als es um die Finanzierung des neuen Topathleten ging.

Dehmer, 24 Jahre alt, war Junioren- und „U 23“-Weltmeister und Olympiateilnehmer von Athen. In der vergangenen Saison hatte er Probleme, zu seiner Leistung zu finden. Seine besten Ergebnisse waren der zweite Platz bei den deutschen Meisterschaften und Rang fünf beim Weltcup in Mexiko. Bei der WM in Lausanne enttäuschte er jedoch mit Platz 47. Die für seine Verhältnisse schwache Saison erklärt Dehmer mit einem beruflichen Versuch, der fehlschlug. Der gebürtige Darmstädter hatte die Bundeswehr verlassen und eine Ausbildung bei der Polizei begonnen, doch wie sich herausstellte, war die zeitliche Belastung zu groß. „Ich konnte nur noch trainieren wie ein Junior“, sagt Dehmer im Rückblick.

„Gänsehaut vom Start bis ins Ziel“

Nach drei Monaten zog er die Konsequenzen, kündigte bei der Polizei und kehrte in die Sportförderkompanie der Bundeswehr nach Warendorf zurück. Nun kann er wieder die notwendigen Umfänge trainieren, je ein Drittel seiner Zeit verbringt er auf Lehrgängen der Nationalmannschaft, in Darmstadt und am Olympiastützpunkt in Saarbrücken oder in Warendorf. Die Vorbereitung auf die neue Saison habe für ihn schon im vergangenen Oktober begonnen, sagt Dehmer, drei Monate früher als letztes Jahr.

Und die Fortschritte sind sichtbar: Im Schwimmen hat sich Dehmer stark verbessert, und in seiner Paradedisziplin, dem Laufen, ist er nicht mehr weit von der 30-Minuten-Marke entfernt. Das große Ziel aller Mühen ist die Triathlon-Weltmeisterschaft im September in Hamburg. Dort geht es nicht nur um WM-Medaillen, sondern auch um Startplätze für die Olympischen Spiele in Peking. Die beiden besten Deutschen, sofern unter den besten acht plaziert, haben die Startberechtigung für Olympia sicher; ein weiterer Startplatz, so die Planung, wird eine Woche nach der WM beim Weltcup in Peking vergeben. Drei deutsche Triathlon-Herren haben also die Chance, sich für Peking zu qualifizieren, aber die Konkurrenz ist groß.

Neben Dehmer zählen Daniel Unger, Jan Frodeno, Andreas Raelert und Maik Petzold zur internationalen Klasse, eine harte Ausscheidungsrunde ist zu erwarten, wobei Dehmer womöglich sogar die besten Chancen hat, weil ihm die WM-Strecke von Hamburg „auf den Leib geschrieben ist“, wie er findet. „Sie ist schnell, nichts für Taktierer.“ Das liegt ihm: eine flache, kurvenreiche Radstrecke mit vielen Antritten, eine flache Laufstrecke, auf der er seine Stärke ausspielen kann. Dazu eine riesige Kulisse – erwartet werden mehr als 200.000 Zuschauer: „Das ist genau das, was ich brauche: die Unterstützung des Publikums und Gänsehaut vom Start bis ins Ziel.“ Bis Hamburg wird Dehmer, der bis zu 38 Stunden pro Woche trainiert, rund 12.000 Kilometer Rad gefahren, 1000 Kilometer geschwommen und mehr als 3000 Kilometer gelaufen sein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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