Von Josef Schmitt
29. Oktober 2006 Die Frankfurter Eintracht hat am neunten Spieltag ihr erstes Spiel verloren, 0:2 beim deutschen Meister FC Bayern München. Die Einschätzungen nach dieser wenig überraschenden Niederlage hätten unterschiedlicher nicht sein können. Trainer Friedhelm Funkel hatte nach den neunzig Minuten in der Allianz-Arena viel Lob für seine Spieler übrig. Sie hätten leidenschaftlich gekämpft, sagte Funkel, sogar mit zehn Mann haben wir mitgehalten. Auswirkungen für die kommenden Wochen befürchtet der Frankfurter Fußballehrer schon gar nicht.
Die Mannschaft sei gefestigt, die Niederlage habe keinerlei Folgen. Funkels Vorgesetzter Heribert Bruchhagen wollte sich dieser Sichtweise nicht anschließen, verbreitete eine ganz andere Sicht der Dinge. Er mache sich Sorgen um die Mannschaft, sagte der Vorstandsvorsitzende, weil die Spieler nach den jüngsten Belastungen nicht mehr frisch und spritzig gewirkt haben. Nun werden die Belastungen in den nächsten Tagen und Wochen nicht geringer. Am Donnerstag spielt die Eintracht im Uefa-Pokal in Vigo, am nächsten Sonntag kommt Borussia Mönchengladbach in die Commerzbank-Arena, wieder vier Tage später muß die Eintracht bei Energie Cottbus antreten.
Fehler aus dem Nichts
So wenig diplomatisch und möglicherweise auch so wenig hilfreich Bruchhagens Aussagen auch gewesen sein mögen, so zutreffend waren sie in der Sache. Die Eintracht hat in München genau 24 Minuten mitgehalten, bis dahin sogar ordentlich mitgespielt. Die ersten krassen Fehler, eine Kettenreaktion von mangelnder Entschlossenheit im Mittelfeld über eine fehlerhafte Abwehraktion von Torhüter Oka Nikolov bis hin zu schläfrigen Abwehrspielern hatte den Bayern durch Roy Makaay die Führung ermöglicht. Bei uns kommen alle zehn, fünfzehn Minuten Fehler aus dem Nichts, stellte Bruchhagen schonungslos fest, das ist ganz klar ein Zeichen von Müdigkeit. Ioannis Amanatidis, nach Markus Weissenbergers Auswechslung Kapitän der Eintracht, bestätigte die Sicht des Chefs. Solche Fehler dürfen einfach nicht passieren, übte Amanatidis vorsichtige Kollegenschelte, ganz plötzlich haben wir in der Abwehr und im Mittelfeld den Bayern Platz gelassen. So war es auch vor dem 2:0 nur fünf Minuten später, als sich Michael Fink wie ein Anfänger von Makaay ausspielen ließ und in der Mitte keiner auf den Torschützen van Bommel geachtet hatte.
Bei aller im Sinne der Harmonie angesagten Unaufgeregtheit müssen sich die verantwortlichen Trainer schon Gedanken machen über die Leistungen des einen oder anderen Spielers auf der einen oder anderen Position. Hilfreich wäre es auch, wenn die Spieler selbstkritisch über ihre eigenen Leistungen nachdenken würden. Torhüter Nikolov nach seinem ersten Bundesligaeinsatz in dieser Saison einen Vorwurf zu machen wäre zu billig. Seine ungenügende Abwehr ermöglichte zwar das 1:0, doch später verhinderte er mit einer glänzenden Parade beim Elfmeter gegen Pizarro ein drittes Gegentor. Nikolov hat in diesem Spiel einen Fehler gemacht, eine so geringe Quote konnten seine Vorderleute nicht aufweisen. Egal ob die abwehrende Abteilung mit einer Dreierkette gebildet wird wie in München oder mit einer Viererkette wie in den meisten Spielen zuvor, die Fehlerquoten sind außergewöhnlich hoch.
Da ist der Grieche Sotirios Kyrgiakos. Ein Mann, der weder sich noch die Gegner schont, der die Fans in Verzücken versetzt, wenn er wieder einmal einen Zweikampf mit brachialer Gewalt gewonnen hat. Doch der vorgeblich so erfahrene Nationalspieler ignoriert zu häufig eine eiserne Regel des Fußballs, die da heißt, nicht zu oft zu grätschen und damit auf dem Boden zu liegen und vor allem nicht im Strafraum zu grätschen, weil es da leicht - und bei deutschen Schiedsrichtern besonders leicht - zu Elfmetern kommt. Da ist Aleksandar Vasoski, der bereits seinen zweiten Platzverweis in dieser Saison hinnehmen mußte. Die Fehlerkette setzte sich bei der Eintracht von hinten nach vorne fort. Fink ist bisher noch nicht die erhoffte Verstärkung.
Richtungweisendes Spiel gegen Mönchengladbach
In München ließ er sich vor dem 2:0 von Makaay wie ein Anfänger ausspielen. Albert Streit spielte mit Licht und Schatten, immerhin überwogen bei ihm zuletzt die hellen Momente. Was für die beiden Spielmacherkandidaten Markus Weissenberger und Alexander Meier in der Bundesliga nicht gilt. Keiner von beiden genügt höchsten Ansprüchen. Weissenberger mühte sich gegen die Bayern, mußte aber wieder einmal erkennen, daß er körperlich im direkten Zweikampf zu wenig entgegenzusetzen hat.
Und Meier ist auch als Einwechselspieler in seiner persönlichen Entwicklung nicht vorangekommen. Im Angriff vertraute Friedhelm Funkel abermals Naohiro Takahara trotz dessen enttäuschender Leistung zur Wochenmitte in Essen. Doch Takahara trifft das Tor nicht. Nicht gegen den HSV, nicht in Hannover, als er jeweils Siege hätte herausschießen können, nicht in München, als er nach Streits Freistoßvorlage aus vier Metern unbedrängt gegen Oliver Kahn die Führung hätte erzielen müssen. Für einen Stürmer, noch dazu für einen sehr teuren, den die Eintracht für 750.000 Euro aus Hamburg verpflichtet hat, viel zu wenig.
Die von Bruchhagen festgestellte Müdigkeit könnte sich für die Eintracht in den nächsten Wochen zu einem ernsten Problem ausweiten. Setzt sie sich trotz gedrosselten Trainings und gesteigerter Rotation fort, wird die Mannschaft nicht mehr viele Punkte holen bis zur Winterpause. Das Heimspiel gegen die auswärts punktlosen Mönchengladbacher wird richtungweisend sein. Der Abstiegskampf hat für die Eintracht jedenfalls schon nach der ersten Niederlage begonnen. Eine weitere Niederlage gegen Gladbach würde die Abstiegsangst einkehren lassen.
Text: F.A.Z., 30.10.2006
Bildmaterial: AP