04. Juli 2009 In der Szene der Dreikämpfer ist allerhand los: Neue Rennen soll es bald geben und ein neues Doping-Kontollsystem; Denk, der Frankfurter Triathlon-Macher, sitzt dabei an den Schalthebeln.
Herr Denk, Sie haben Ihre Firma Xdream an den Ironman-Eigentümer, die World Triathlon Corporation (WTC), verkauft und firmieren jetzt als Europa-Geschäftsführer der WTC. Wie kam es dazu?
Wir hatten im Januar, während der ISPO in München, um einen Gesprächstermin gebeten, um neue Rennen für Europa zu besprechen, die wir im Auftrag der WTC organisieren sollten. Providence hat die WTC im April 2008 gekauft. Providence ist eine Private Equity, nicht zu verwechseln mit einem Hedge Fonds. In München hat man uns gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, ein Konzept für Gesamt-Europa langfristig zu leiten und das unter dem Dach der WTC zu machen. Wir sollten ein Angebot abgeben. Das haben wir getan. Mitte April war das Ganze abgewickelt. Xdream ist seither eine hundertprozentige Tochter der WTC.
Sie haben Entscheidungsbefugnisse?
Bis April 2009 waren wir Lizenznehmer, da mussten wir alles anfragen, was wir an Ideen hatten, jetzt sind wir ein Teil der Firma und haben für Europa gewisse Freiheiten, Handlungsspielräume – und die Verantwortung. Wir können das Regelwerk ändern.
Was wollen Sie ändern?
Sehr konkret ist zum Beispiel, dass wir Staffelwettbewerbe auf der Langdistanz einführen werden. Und es wird höchstwahrscheinlich ein zweiter Ironman in Deutschland kommen. 2010, spätestens 2011, und dieser Ironman wird einen Staffelwettbewerb bekommen.
Unter dem Ironman-Label waren Staffeln bisher verpönt.
Dogmen müssen fallen. Man kann sich mit ihnen nicht mehr vorwärtsbewegen. Für uns ist der Verzicht auf Staffeln kein Dogma mehr, wir werden künftig auch den Massenstart nicht mehr als Dogma sehen. Es kann in Zukunft auch verschiedene Startzeiten geben. Wir müssen kreativ in die Zukunft sehen.
Waren diese Neuerungen Bedingungen, die Sie für Ihren Einstieg in die WTC genannt haben?
Nein, ich habe die Leute von der WTC gefragt, und sie haben gesagt: Ja. Ein anderes Dogma, das fallen wird: Wir werden, obwohl wir Privatveranstalter sind, keine lebenslangen Sperren für unsere Rennen mehr verhängen. Auch bestrafte Doper werden bei uns wieder starten können, wenn die dafür vorgesehenen Zeiträume von zwei bis vier Jahren abgelaufen sind. Dies kann im Einzelfall anders sein, solange jemand beispielsweise uns oder unsere Helfer beleidigt oder gerichtlich gegen uns vorgeht. Wir werden den Kodex der Internationalen Anti-Doping-Agentur achten, und der sieht derzeit zumindest bei erstmalig überführten Dopern keine lebenslangen Sperren vor.
Das heißt, auch Nina Kraft und Lothar Leder, der ja nie offiziell des Dopings überführt wurde, können in Frankfurt wieder antreten?
Nina Kraft kann bei uns starten. Sie hat ihre Sperre abgesessen. Mit Lothar Leder sind die Rechtsstreitigkeiten beendet. Klagen sind nicht mehr anhängig. Der Vorgang ist für uns abgeschlossen. Auch Lothar Leder ist wieder startberechtigt.
Gibt es unverzichtbare Ironman-Dogmen? Was ist mit dem Windschatten-Verbot auf der Radstrecke? Was ist mit dem Umzug des Ironman Hawaii von der Kultstrecke auf Big Island in die Großstadtatmosphäre von Oahu/Honolulu?
Das Windschattenverbot ist ein Dogma, das nicht fallen wird, nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Und der angedachte Umzug nach Honolulu ist vom Tisch. Wir bleiben in Kona. Definitiv.
Welche neuen Rennen wird es in Europa geben? Und warum ein zweites Rennen in Deutschland?
Wir wollen damit Druck von Frankfurt nehmen, denn wir haben hier zu viele Interessenten, die wir wegschicken müssen. Die anderen Rennen, die wir bis zum Jahr 2013 aufbauen werden, betreffen Italien, Spanien, Benelux und Skandinavien. Dort sollen Ironman-Rennen entweder über die volle Distanz oder als Half-Ironman 70.3 über die halbe Distanz etabliert werden. Wir werden uns dabei Agenturen oder Vereine aussuchen, die für uns den Event vor Ort betreuen. Wir werden mit sechs bis acht Mann zu jedem Rennen gehen, zwei Wochen vorher, und es mit gestalten. Wettbewerbe von mehr als tausend Teilnehmern, das ist unsere Maßgabe. Nur dann sind Events auf diesem Qualitätsniveau auszurichten.
Wie groß ist das Geschäft bislang? Wie viele Rennen gibt es unter dem Ironman-Label?
Ende dieses Jahres werden wir, über die lange und die halbe Distanz, weltweit 62 Rennen haben und etwas mehr als 100 000 Starter im Jahr. In Frankfurt haben wir einen Etat von 2,4 Millionen Euro, in Wiesbaden bei der Halbdistanz die Hälfte, 1,2 Millionen.
Was geschieht mit den bestehenden und etablierten europäischen Ironman-Rennen Klagenfurt, Zürich, Nizza und Lanzarote?
Sie bleiben, wie sie sind. Da gibt es noch bestehende Lizenzverträge, und wenn diese Verträge auslaufen, setzt man sich zusammen.
Was wird aus dem Ironman Zürich? Sie und der Organisationschef Martin Koller gelten nicht gerade als Freunde.
Wir werden Zürich ein Angebot machen, unter unser Dach zu kommen. Das gleiche werden wir bei allen anderen Rennen machen, die die Lizenzen haben. Wir sind nun mal die Geschäftsstelle für Europa. Wir wollen ein einheitliches Layout für alle Rennen. Das Ziel der WTC ist es, die Rennen selbst zu veranstalten.
Wie wollen Sie den Anti-Doping-Kampf organisieren?
Die Probleme liegen nicht in der Struktur unserer Firma, die Probleme liegen in der Umsetzung vor Ort. Jedes Land hat einen eigenen Fachverband, und jeder Fachverband sieht die Problematik Doping-Bekämpfung als mehr oder weniger wichtig an. Das schwankt von Land zu Land, selbst in Europa, ganz gravierend. Wir versuchen, ein eigenes weltweites Kontrollsystem zu organisieren für alle Ironman-Rennen, basierend auf dem, was wir in Frankfurt an Wissen und Erfahrung generiert haben. Die Zukunft sind intelligente“ Kontrollen.
Wie sollen diese aussehen?
Es gibt nunmehr von vielen, die bei uns starten, Blutwerte, Bilder über Monate und Jahre hinweg. Es ist nicht besonders kostspielig, Blutdatenbanken von Athleten anzulegen. Und wenn man sie hat, kann man vergleichen. In diese Richtung werden wir gehen. Wir wissen ja, wer bei uns wo und wann startet, und wann jeweils die dopingrelevanten Phasen wären, wenn dend jemand verführungsgefährdet ist. So wissen wir auch, wann wir wen kontrollieren lassen müssen – das ist intelligentes Testen, das immer wieder neu überdacht werden muss. Wir planen, dass unser System von der deutschen Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) weltweit mit ihren jeweiligen Partnern in den jeweiligen Ländern ausgeführt wird – wir haben seit 2007 sehr gute Erfahrungen mit der Nada gemacht. Uns liegt ein entsprechendes Angebot der Agentur vor, das wir prüfen und wahrscheinlich annehmen werden.
Immer mehr Ironman-Rennen bedeuten, dass es immer weniger Qualifikationsplätze für Hawaii gibt.
Das Problem auf Hawaii ist der Pier, auf dem sich die Wechselzone befindet. Der bietet nur begrenzt Platz, um Fahrräder aufzunehmen. Aktuell passt es für 1850 bis 1900.
In Frankfurt gibt es 120 Startplätze für Hawaii.
Ja, aber es ist möglich, dass wir auf 100 runtergehen und die anderen 20 der zweiten deutschen Location zuschlagen. Zu den 50 Plätzen, die dort vorgesehen sind. Italien wird 30 bis 40 bekommen, Benelux 50 bis 60. Die restlichen neuen Veranstaltungen werden über die halbe Distanz gehen.
Gibt es für das Rennen in Frankfurt noch Dinge, die man ändern kann?
Es geht nur noch um Nuancen. Der große Wurf wäre das Schwimmen im Main. Das wäre für alle die Zerschlagung des Gordischen Knotens. Aber das ist eine Entscheidung der Politik.
Ist Frankfurt die Referenz für alle anderen Rennen?
Ja, Frankfurt wird das sogenannte Marquis-Rennen. Wir werden das Preisgeld im nächsten Jahr signifikant anheben und von 100 000 auf 300 000 bis 400 000 Dollar gehen. Damit wollen wir zeigen: Frankfurt ist genauso wertig wie Hawaii.
Wird es für die Teilnehmer teurer?
Dieses Jahr zahlt man 400 Euro, nächstes Jahr werden es 415 Euro sein. Das sind Obergrenzen. Wir sind in Frankfurt an einer Schallmauer angekommen. Natürlich kann der Markt mehr hergeben, und wir könnten eine Schmerzgrenze mit dann 2000 Startern testen. Aber das wollen wir nicht. Ich sehe die Obergrenze bei 420, 425 Euro – für die nächsten fünf bis zehn Jahre auf alle Fälle. Das zweite Ironmanrennen in Deutschland wird deutlich darunter liegen, denn es starten dort keine Top-Profis. Die Startgelder dort sollen zwischen 300 und 350 Euro liegen.
Wo wird es stattfinden?
Uns liegen drei offizielle Bewerbungen vor. Eine vierte ist keine Bewerbung, sondern ein Gespräch.
Das ist Roth, der Klassiker, der einst den Ironman-Status an Frankfurt verloren hat.
Ich will mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Man muss Geduld haben und Befindlichkeiten beachten.
Felix Walchshöfer, der Organisator von Roth, hat im Zusammenhang mit der Expansion der WTC von Heuschrecken“ gesprochen.
Felix hat nicht zwischen Private Equity und Hedge Fonds unterschieden. Ich möchte ein Gespräch auf der Ebene führen, wie es Uli Hoeneß und Klaus Allofs im Fußball gemacht haben. Da war ein Miroslav Klose unverkäuflich und ist dann doch von Bremen nach München gewechselt. Keiner darf sich in die Ecke gedrängt fühlen. Felix und ich werden demnächst sprechen. Ich würde es gut finden, wenn der Ironman nach Roth zurückkäme. Für die Kommune wäre das prima. Es gäbe eine bundesweite TV-Übertragung. Frankfurt und Roth könnten im Abstand von fünf bis sechs Wochen stattfinden. Dann könnte der eine oder andere Star auch zu einer Revanche kommen. Unser Ansinnen ist: Roth soll sich noch wohler fühlen, denn es ist ein super Rennen.
Wie weit ist der Schritt vom Europa-Chef zum Boss der WTC-Zentrale?
Das ist nicht mein Ziel. Was ich jetzt bin und was ich erreicht habe, das ist weitaus mehr, als ich mir je zu träumen gewagt habe.
Was bedeutet die Expansion für die Mitarbeiter in Ihrer Zentrale in Maintal?
Die Arbeitsplätze für alle sind gesichert. Alle Mitarbeiter sind nach deutschem Arbeitsrecht übernommen worden. Wir werden aber noch personell expandieren. Ich denke, dass wir für die weiteren Rennen Part-Time-Arbeiter, also Freelancer, von April bis August benötigen. Die sind die meiste Zeit draußen unterwegs und kommen nur einmal die Woche zu einem Meeting. Entscheidend ist: Wir brauchen mehr Platz für die ganzen Gerätschaften. Wechselzonenständer, Strafboxen, Fahrradständer, Gitter – all dieses werden wir gemeinsam für alle Rennen kaufen. Wir haben schon einen gewissen Bestand. Aber den müssen wir verdoppeln und verdreifachen. Zudem werden wir Lastwagen und Anhänger kaufen, wo alles reingekarrt und von Rennen zu Rennen gefahren wird. Dadurch entsteht diese positive Uniformität. Davon partizipieren insbesondere die neu zu gründenden Rennen, die nicht von null beginnen müssen.
Sie brauchen demnach riesige Lagerhallen.
Das ist der Punkt. Unsere jetzige Halle hat 600 Quadratmeter. Wir benötigen aber 1000 Quadratmeter.
Zum Rennen am Sonntag: Erwarten Sie neben den üblichen Verdächtigen aus dem Favoritenkreis um Chris McCormack, Eneko Llanos und Timo Bracht Überraschungen?
Ich rechne fest mit den beiden Shootingstars, Terenzo Bozzone und Andreas Raelert. Sie sind Weltmeister und Vizeweltmeister auf der Halbdistanz. Vor ihnen hat McCormack am meisten Angst. Sie werden die Leute der nächsten Jahre sein. Andreas Raelert wird für mich der Mann der Zukunft sein. Und sein Bruder Michael ist der Nächste, der kommt. Auf der Langstrecke in Deutschland müssen wir uns keine Sorgen machen. Nach Stadler, Al-Sultan und Bracht werden Raelert, Raelert, Kienle kommen. Sebastian Kienle ist bislang nur auf der Mitteldistanz zu Hause, aber ein Riesentalent. Wir sind gut versorgt. Bei den Frauen wird es am Sonntag der Zweikampf zwischen Yvonne Van Vlerken und Sandra Wallenhorst sein. Zwei attraktive Frauen, das Duell Deutschland gegen Holland. Das kennt man ja schon vom Fußball.
Warum ist Titelverteidigerin Chrissie Wellington nicht dabei?
Wir waren uns einig über das Startgeld und hatten es sogar um dreißig Prozent erhöht. Ihr Manager wollte den entsprechenden Vertrag in Kona unterschreiben. Doch zu dem verabredeten Zeitpunkt ist er nicht gekommen. Eine Woche später – wir hatten ihm mittlerweile drei E-Mails geschickt – meldete er sich und sagte: Ich will das Doppelte. Da habe ich nein gesagt. Der Manager ist gierig geworden.
Das Gespräch führten Michael Eder und Ralf Weitbrecht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann