Triathlon

Wie ein Amateur die Profis das Fürchten lehrt

Von Michael Eder

Fünfter beim Ironman: Frank Vytrisal, Berufsschullehrer

Fünfter beim Ironman: Frank Vytrisal, Berufsschullehrer

10. Juli 2005 

An diesem Montag um elf Uhr beginnt wieder der Alltag. Dann hat Frank Vytrisal Dienst an der Erasmus-Kittler-Schule in Darmstadt. Er ist Berufsschullehrer. Die Siegerfeier des Ironman Germany wird er deshalb wohl verpassen, es sei denn, der Schulleiter drückt ein Auge zu und gibt ihm frei - was er tun könnte, denn sein sportlichster Lehrer hat am Sonntag beim Opel Ironman Germany eine fabelhafte Leistung geboten. Der 38 Jahre alte Darmstädter benötigte für die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen 8:41:24 Stunden und kam im Feld der 1843 Starter als Fünfter auf dem Römerberg an, nur zwei Deutsche - Sieger Normann Stadler und Markus Forster - waren schneller als er.

"Wenn ich es unter die ersten zehn schaffe, bin ich der einzige von denen, der ein geregeltes Leben führt", hatte Vytrisal vor dem Start gesagt - und gewußt, daß sogar noch mehr möglich ist. Er ist ein alter Hase im Triathlon, er ist seit dreizehn Jahren dabei und war einmal Zweiter beim Ironman France in Gerardmer, aber das Frankfurter Rennen ist eine andere Liga, hier sind Weltklasse-Athleten am Start, Leute wie Stadler, Brown, Holzner, Forster, Zäck, Burgera. Alles Profis, die seit Jahren ihr Geld auf der Langstrecke verdienen, deren Sponsorenlisten so lang sind wie Vytrisals Stundenplan.

Für den Hessen, der für das StartNet-Team des DSW Darmstadt startet, ist Triathlon ein Hobby. Vor drei Wochen hat er zum erstenmal ein Rennrad bekommen, das er nicht bezahlen mußte, der Darmstädter Hersteller Cucuma stellte es zur Verfügung, es war seine erste gesponserte Maschine mit 38 Jahren. Und es war gedacht für sein letztes Rennen. Das nämlich sollte der Ironman in Frankfurt für Frank Vytrisal werden, so war es geplant. Doch im Ziel hörte sich das gleich ein bißchen anders an. "Ich muß wohl meine Frau noch mal fragen - und mein Kind." Katrin, seine Frau, Ärztin von Beruf, war bis zu einem Radunfall selbst eine ausgezeichnete Triathletin, sie könnte mit sich reden lassen, doch im zweiten Falle muß er sich noch etwas gedulden, sein erstes Kind wird erst im Oktober zur Welt kommen. Oktober, da war doch noch was? Ja, der Ironman auf Hawaii, die Weltmeisterschaft, der Klassiker, die ultimative Herausforderung. Vytrisal hat sich mit seiner Leistung vom Sonntag einen Startplatz für Big Island erkämpft - annehmen wird er ihn wohl nicht, die Ankunft des Babys geht vor. Aber vielleicht gibt es ja doch noch einen Weg, Vytrisals Augen jedenfalls glänzten am Sonntag im Ziel verdächtig, wenn das Stichwort Hawaii fiel, mal sehen, ob er doch noch auf die Reise geht.

Wie ist es möglich, daß ein berufstätiger Amateur einen bestens besetzten Ironman auf Platz fünf beendet? "Gutes Zeitmanagement", sagt Vytrisal. Während bei der Profikonkurrenz sechswöchige Trainingslager in Kalifornien zum Standard zählen, begnügt sich Vytrisal mit zwanzig Trainingsstunden pro Woche. Am Sonntag lief es für ihn anfangs nach Plan, als ehemaliger hessischer Jugendmeister ist er ein guter Schwimmer, die erste Runde auf dem Rad, die ersten 90 Kilometer, wurden dann ein einsames Rennen. "Ich war ganz allein unterwegs und wußte nicht, wie schnell ich bin." Dann fand sich eine Vierergruppe. Zäck, Forster, Holzner kamen dazu, drei Mann aus der Radelite des internationalen Triathlons, und Vytrisal fuhr wie selbstverständlich mit, "dann wußte ich, daß ich nicht so ganz langsam unterwegs bin". Dann das Laufen, der Darmstädter hatte Respekt davor, die Auswirkungen einer Erkältung anfangs der Woche waren nicht recht einzuschätzen. Vytrisal lief und lief und irgendwann war er zu Jürgen Zäck aufgelaufen, dem Altmeister, der immer gut zu Fuß ist, und von da an wurde es bitter, für beide. Vytrisal wollte überholen, es ging um Platz fünf, "doch Zäck gab nicht nach". Sechs, sieben Kilometer dauerte der Zweikampf, ehe er entschieden war. Vytrisal gewann ihn, der Amateur hängte den Profi und achtmaligen Ironman-Sieger ab - und verausgabte sich dabei völlig. Als er über die Ziellinie lief, wankte und schwankte er, rang nach Luft, brauchte Minuten, um sich einigermaßen zu erholen. Aber er hatte es geschafft. Platz fünf vor Zäck, vor Holzner, vor Hundertmarck, vor all den hochgewetteten Profis. Noch nie, sagte Vytrisal, sei er nach einem Wettkampf so erschöpft gewesen, der Zweikampf mit Zäck hatte die letzten Körner gekostet. Aber Triathleten erholen sich schnell.

Auf der Pressekonferenz im Magistratssaal des Frankfurter Römer saß Vytrisal später im Kreis der Stars. Ein Berufsschullehrer unter lauter Berufstriathleten. Die anderen hatten ein Namensschild vor sich, der Darmstädter nicht, mit ihm hatte keiner gerechnet. Zweitausend Dollar Preisgeld durfte Vytrisal für seinen fünften Platz mitnehmen. Kein übertriebener Lohn für die Strapazen, aber weit mehr als das, was ein Amateur sonst mit seinem Sport verdient.

Bildmaterial: F.A.Z. - Foto: Wonge Bergmann

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Sie suchen den passenden Lebenspartner?<BR/>Jetzt registrieren und noch heute Partnervorschläge erhalten.Verlagsinformation

Sie suchen den passenden Lebenspartner?Jetzt registrieren und noch heute Partnervorschläge erhalten.

Schafft der FSV Frankfurt den Klassenerhalt?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche