„Slackline“

Balancieren mit allen Sinnen

Von Alexandra Wassilko

Wackelpartie auf dünnem Band: Jan Henkel (l.) und Johannes Hahn, zwei begeisterte Slackliner im Frankfurter Günthersburgpark

Wackelpartie auf dünnem Band: Jan Henkel (l.) und Johannes Hahn, zwei begeisterte Slackliner im Frankfurter Günthersburgpark

10. November 2009 Halsbrecherische Tricks vollführen die Slackliner auf dem wackligen Band. Sie laufen, hüpfen und springen auf einer Breite von wenigen Zentimetern. Wer bei Sonnenschein schon einmal durch den Frankfurter Günthersburgpark läuft, bemerkt sie sicherlich, denn was sie dort zeigen, ist wahrlich bemerkenswert. Ein meist fünf Zentimeter breites Band, das auf Hüfthöhe straff zwischen zwei Bäumen befestigt ist: Mehr brauchen Slackliner nicht, um ihr aufsehenerregendes Hobby auszuüben. Übersetzt bedeutet Slackline „Schlappseil“.

Jan Henkels Spezialität sind Sprünge. Über zwei Meter hoch katapultiert das straffe Seil seinen Körper. Kleinere Hopser von einem Bein auf das andere sind auch möglich, ohne herunterzufallen, wie der 20 Jahre alte Student beweist. Dabei ist er eigentlich noch ein Anfänger: Vor drei Monaten stellte er sich zum ersten Mal auf ein wackliges Seil.

Idee nordamerikanischer Bergsteiger

Vorbereitung: Das Band muss um den Baumstamm gespannt werden

Vorbereitung: Das Band muss um den Baumstamm gespannt werden

Schon seit zwei Jahren balanciert Lars Heyer darauf, im Sommer fast jeden Tag. Das sieht man auch: Der Sportstudent und angehende Lehrer stößt sich kräftig mit beiden Beinen am elastischen Seil ab, legt einen Rückwärtssalto hin und landet sicher im Gras. Auf dem Seil könne er auch landen, allerdings probiere er das lieber in der Halle aus mit einer Matte als Untergrund.

Seit wenigen Jahren hat sich die aus den Vereinigten Staaten stammende Sportart in Europa verbreitet. Die ersten, die das Slacklinen ausprobierten, waren nordamerikanische Bergsteiger, die sich an Regentagen nicht langweilen wollten und auf die Idee kamen, ihre Spanngurte zwischen zwei Fixpunkte zu hängen und darauf zu laufen. Aus diesem kleinen Kreis bildete sich mittlerweile weltweit eine große Gemeinschaft von Anhängern. „Es ist leicht zu erlernen, egal, wie alt man ist“, begründet Marc Henklein den Trend. Auch er kam über das Bergsteigen zum wackelnden Band. Für beide Disziplinen sei eine gute Körperbeherrschung wichtig.

„Dreiste Eltern“

Diese Körperbeherrschung fehlt den meisten jedoch am Anfang. Die erste Erfahrung auf dem Gurt ist im wahrsten Sinne eine Zitterpartie: Die Muskeln in der Wade und um das Knie herum beginnen zu zittern, um das schwingende Seil auszugleichen. Mehr als ein paar Augenblicke können sich Anfänger auf dem dünnen Gurt nicht halten. Nicht gerade elegant wirkt man, wenn die Knie zucken und die Arme wild in der Luft rudern in der verzweifelten Suche nach Halt und Gleichgewicht. „Nach einer halben Stunde Übung können die meisten schon die ersten Schritte gehen.“ Blutigen Anfängern reiche man auch mal die Hand zum Festhalten. Habe man erst mal gelernt zu stehen, gehe der Rest ganz schnell: erste Schritte, danach kleine Sprünge und schließlich schwierigere Tricks wie das Hinsetzen oder ein Handstand.

Mit 25 Freunden und Slackline-Begeisterten hat der 27 Jahre alte Henklein im Frühjahr einen Slackline-Verein in Frankfurt gegründet. Für sie ist das „Slacken“ eine Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten zu treffen, nie sei man dabei alleine, sagt Marc, der die Schriftführung im Verein übernommen hat. Oft kämen Kinder auf sie zu und wollten es ausprobieren. „Manche dreisten Eltern stellen ihre Kinder auch einfach bei uns ab, wenn sie etwas Ruhe haben wollen“, berichtet der Vorsitzende Lars Heyer. Aber auch 60 Jahre alten Menschen habe er schon auf das elastische Band geholfen.

Rinde ist sensibel

Allerdings sprechen nicht nur sportbegeisterte Zuschauer und Neugierige die Slackliner an. „Manchmal werden wir von selbsternannten Förstern beschimpft, wir würden die Bäume schädigen.“ Lars Heyer schüttelt den Kopf. Ganz so abwegig ist der Gedanke aber nicht: In Baden-Württemberg, wo die Slackline-Bewegung am stärksten ist, verboten schon einige Kommunen den modernen Seiltanz. In Hessen stehen Verbote nicht bevor.

Jan Henkel: Das Seil katapultiert ihn bis zu zwei Meter in die Luft

Jan Henkel: Das Seil katapultiert ihn bis zu zwei Meter in die Luft

Dennoch beobachten die hessischen Grünflächenämter das Balancieren zwischen Bäumen kritisch: „Die harten Gurte schneiden den Bäumen die Lebensadern ab, die in der Borke verlaufen“, erklärt Bernd Roser, Leiter der Abteilung Grünflächenunterhaltung der Frankfurter Behörde. Die Rinde sei der sensibelste Teil des Baums. Wenn sie abgedrückt werde, könne es zu Wachstumsstörungen kommen. Er empfiehlt, beispielsweise einen Teppich als Baumschutz zwischen Rinde und Gurt zu benutzen. „Leider können wir nicht kontrollieren, ob alle Slackliner sich auch an dieses Gebot halten.“

Beratung noch dürftig

Das Umweltamt in Bad Nauheim sieht das gelassener: Man habe bisher noch keine Erfahrungen mit Slacklinern gemacht, und dagegen angehen würde auch niemand. In Wiesbaden und Darmstadt wiederum sind Installationen an Bäumen der öffentlichen Parkanlagen generell untersagt. Erfahrungen mit Slacklinern machte Joachim Mengden, Leiter des Wiesbadener Umweltamtes, allerdings noch nicht. „Wir würden uns nur mit diesem Thema befassen und es prüfen, wenn ein Antrag vorläge“, sagt Mengden. In Frankfurt wurde die Behörde zum ersten Mal beim Turnfest auf die Slackliner aufmerksam. Während des Festes wurde auch das Balancieren im Park angeboten. Man habe die Slackliner daraufhin angesprochen und gebeten, den vorgesehenen Baumschutz zu benutzen, sagt Roser.

Rückwartssalto: Sportstudent Lars Heyer

Rückwartssalto: Sportstudent Lars Heyer

Da Slackline noch kein Breitensport ist und von einer Minderheit ausgeübt wird, ist die Beratung in Geschäften noch dürftig. Einen speziell dafür vorgesehenen Baumschutz bieten sie nicht an, und einen Anfänger machen sie auch nicht auf die Baum-Problematik aufmerksam.

Körperbeherrschung und Naturbewusstsein

Der Frankfurter Slackline-Verein benutzt den Baumschutz nicht erst seit der Begegnung mit den Behörden. Solche Teppiche oder Fußabtreter schützen nicht nur die Borke vor dem harten Band, sondern auch das Band vor der unebenen Rinde, das durch die häufige Reibung aufgerauht wird und reißen kann. Vor allem bei Sprüngen könnte dies sehr gefährlich sein. „Die meisten Naturfreunde sind uns gegenüber aber sehr verstockt und lassen sich nicht von unseren Argumenten überzeugen“, sagt Marc Henklein.

Slackline: Trendsport aus den USA

Slackline: Trendsport aus den USA

Im Gegensatz dazu bekamen die Mitglieder der Slackline-Abteilung des Rüsselsheimer Alpenvereins noch keine negativen Reaktionen. Einmal in der Woche treffen sich Christian Könitz und seine Freunde im Stadtpark Rüsselsheim. Auch schlechtes Wetter kann sie nicht von ihrem Hobby abhalten. „Das Slacken bedeutet für mich Entspannung pur, man muss alles um sich herum vergessen“, stellt Könitz fest. Er springt mit einem Satz auf das Seil. Am liebsten läuft er darauf herum. Je dünner das Band und je schlaffer es gespannt ist, desto schwieriger ist es, darauf zu spazieren.

Die aktiven Mitglieder des Frankfurter Slacklinevereins wollen noch mehr Menschen von diesem anspruchsvollen Sport begeistern. Lars Heyer führte das Slacklinen schon an einer Schule ein. Damit will er Kindern neben Körperbeherrschung auch Naturbewusstsein einschärfen. Der Baumschutz ist für ihn selbstverständlich.

Informationen zu den zwei Slackline-Gruppen auf www.slackspot.de und www.dav-ruesselsheim.de



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Lucas wahl

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