Dirk Nowitzki

„Ich freue mich, dass ich derjenige bin“

“Es ist schön, dass sich viele Sportler mit meiner Karriere identifizieren können“

"Es ist schön, dass sich viele Sportler mit meiner Karriere identifizieren können"

06. August 2008 Kein gestandener Olympionike, sondern ein Olympia-Newcomer. Kein Amateur, der von der Sporthilfe unterstützt wird, sondern ein Profi, der längst Multimillionär geworden ist. Aber einer, der seit einem Jahrzehnt darauf hingearbeitet hat, einmal dabei zu sein. Dirk Nowitzki darf die deutsche Flagge bei der Eröffnungsfeier in Peking tragen. Eine mutige, auch umstrittene Entscheidung. Der Basketballstar freut sich.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie erfahren haben, dass Sie der deutsche Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier sind?

Ich habe es am Dienstagnachmittag erfahren. Erst einmal habe ich mich bedankt, das ist natürlich eine Riesenehre. Ich wollte aber auch klarstellen, dass ich niemandem auf den Schlips treten will oder irgendwelche Gefühle von anderen Athleten verletzen will. Aber ich bin wahnsinnig stolz, es wird mir kalt den Rücken herunter laufen, wenn wir ins Stadion einlaufen.

Finden Sie die Entscheidung mutig?

Olympionike Nowitzki: Einfach überglücklich, hier zu sein

Olympionike Nowitzki: Einfach überglücklich, hier zu sein

Ich habe im Vorfeld immer klargestellt, dass ich es gerne machen würde, aber es auch nicht unbedingt machen muss. Mir ist klar, dass es hier viele andere Athleten gibt, die viel geleistet haben, die es mit Sicherheit auch verdient hätten.

Wen hätten Sie denn ausgesucht?

Ich hätte mich schon selbst genommen. Nein, nein, es gibt ja leider nur einen und ich freue mich, dass ich derjenige bin.

Die deutschen Sportschützen haben die Wahl kritisiert, da mit einer Tradition gebrochen worden sei. Haben sie schon mit den anderen Kandidaten, die nun nicht Fahnenträger geworden sind, sprechen können?

Nein, aber meine Botschaft an sie wäre, sich mit mir zu freuen. Es war nicht unsere Entscheidung, es ist von oben entschieden worden. Da kann im Nachhinein keiner böse sein. Mir ist schon klar, dass es Tradition war, das immer gestandene Athleten die Fahne tragen und das die Entscheidung für mich ein Traditionsbruch ist.

Sie haben sich die Olympischen Ringe in die Haare rasieren lassen, wie ist es dazu gekommen?

Wir alle sind einfach überglücklich, hier zu sein. Wir wollten das einfach zum Ausdruck bringen. Es sieht vielleicht nicht unbedingt toll aus, aber für Olympia macht man ja alles.

Wofür steht Dirk Nowitzki als Fahnenträger?

Ich stehe für meine harte Arbeit, die Konsequenz all die Jahre. Nicht aufzugeben, nachdem es ja 2000 und 2004 nicht geklappt hat. Ich hab' es immer wieder probiert, und jetzt ist die Arbeit belohnt worden. Es war sehr schmerzhaft bei den Spielen in Sydney und Athen zuzuschauen, aber vielleicht hat mich das noch mehr motiviert. Der Stachel saß schon tief.

Sehen Sie sich nach dieser Entscheidung als Weltbotschafter des deutschen Sports?

Es ist schön, dass sich viele Sportler mit meiner Karriere identifizieren können. Damit, was ich über die Jahre geleistet habe, nicht nur in Dallas sondern auch für die deutsche Nationalmannschaft. Ich arbeite ja ohnehin seit Jahren im Ausland und repräsentiere Deutschland, auch mit der Nationalmannschaft hatten wir die großen Turniere immer im Ausland. Ich mache mir jetzt also keinen großen Druck, ich versuche immer Sportler zu bleiben und beim Training und im Spiel Spaß zu haben. Ich versuche immer ich selbst zu sein.

Sind Sie der einzige NBA-Star im olympischen Dorf?

Die Amerikaner wohnen nicht dort und die chinesischen Basketballer haben auch nur einen Showeinzug gemacht und sind dann wieder abgezogen. Aber alle anderen sind da. Ich habe Manu Ginobili und die Argentinier und Pau Gasol und die Spanier gesehen.

Sie werden als einer der letzten ins Olympiastadion einmarschieren, ist das keine Belastung für Sie?

Ich freue mich so sehr, dass es mir egal ist, ob ich als Erster oder als Letzter einmarschieren werde. Der Moment, indem ich einlaufen werde, dass ist der Moment von dem ich seit zwölf Jahren geträumt habe. Und wenn man ganz am Schluss dran ist, muss man nicht so lange im Stadion rum stehen.

Sie haben gesagt, sie träumen schon seit zwölf Jahren von Olympia. Erinnern Sie sich an ihre ersten olympische Erlebnisse?

Die ersten Spiele, an die ich mich erinnern kann, waren 1988 in Seoul. Da hat mich das 100-Meter-Finale zwischen Ben Johnson und Carl Lewis begeistert. Der Sieg von Johnson war ja ein bisschen illegal, aber das habe ich mit zehn Jahren noch nicht so ganz verstanden. Natürlich 1992 als zum ersten Mal das amerikanische „Dreamteam“ mit den ganzen Helden wie „Magic“ Johnson und Larry Byrd dabei waren und Detlef Schrempf für die Deutschen gespielt hat, da habe ich fast jedes Spiel im Fernsehen gesehen. Das werde ich nie vergessen.

Was würden Sie sich bei diesen Spielen gern ansehen?

Ich würde gerne mal in das Schwimmstadion gehen. Ich bin schon immer ein großer Tennisfan gewesen. Einmal Nadal, Federer oder Kiefer live zu sehen, das wäre eine Riesensache. Handball würde ich auch gern sehen, ich habe ja früher auch mal Handball gespielt. Und Tischtennis, ich spiele ja auch, ich habe in meinem Haus eine Platte. Ich bin auch Leichtathletikfan.

Sie sagten, dass sie sich auf die Eröffnungsfeier freuen. Es gibt andere Athleten in der deutschen Mannschaft, bei denen das nicht so ist. So will beispielsweise die Fechterin Imke Duplitzer die Feier boykottieren.

Ich habe von Anfang an klargemacht, dass ich in sportlicher Funktion hier bin, nicht als Politiker. Das war für mich nie ein Thema. Die olympischen Spiele stehen für das Zusammensein vieler Völker und sich hoffe, dass sich das auch so hier realisieren lässt. 10.000 Menschen aus alles Welt an einem Ort, das gibt es nur im Olympischen Dorf, das ist eine einmalige Sache. Wenn ein paar Sportler die Eröffnung boykottieren, wird sich nichts ändern. Ich bin als Sportler hier, mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Das ist meine Botschaft. Ich habe mich politisch nicht mit China auseinandergesetzt, ich weiß nur dass China ein basketballverrücktes Land ist und das es ein tolles Turnier wird.

Wann hatten Sie denn zum letzten Mal eine deutsche Fahne in der Hand?

2006 bei der Fußball-WM bin ich leider zu spät nach Deutschland gekommen, da war schon alles vorbei. Aber in diesem Jahr bei der EM habe ich alle Spiele verfolgt. War in Würzburg beim Public Viewing, da habe ich mir die Fahne auf die Backen gemalt. Es war dummerweise das Spiel gegen Kroatien. Am Auto hatte ich auch eine, aber als ich nach Bamberg zu Training gefahren bin, war ich wohl zu schnell, das hat die Fahne nicht überstanden.

Haben Sie Verhaltensregeln für Fahnenträger erhalten?

Ich habe auch danach gefragt. Ich habe den Tipp bekommen, dass es kein Karnevalsverein ist, dass ich nicht so mit der Fahne rumwackeln soll.

Aufgezeichnet von Cai Tore Philippsen, Peking



Bildmaterial: AP, dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben