Im Gespräch: Dirk Nowitzki

„Das sind die Olympischen Spiele - da nimmt man alles in Kauf“

“Ich habe zehn, elf Jahre auf diesen Traum hingearbeitet“

"Ich habe zehn, elf Jahre auf diesen Traum hingearbeitet"

31. Juli 2008 Er könnte im Luxushotel wohnen, allein von den Zinsen seines Gehaltes. Aber der Würzburger Weltstar des Basketballs will unbedingt das Flair des olympischen Dorfes spüren, Athleten anfeuern, einer unter 10 000 sein. Zehn Jahre hat er davon geträumt, im FAZ.NET-Gespräch erzählt der unterfränkische Tennismeister und NBA-Star Dirk Nowitzki, was ihm Olympia bedeutet.

Wo werden Sie schlafen in Peking?

Im Olympischen Dorf natürlich. Das macht ja den Reiz von den Spielen aus.

Aber die Betten sind nur einen Meter breit und zwei Meter lang.

Das sind die Olympischen Spiele – da nimmt man alles in Kauf. Es geht dort nicht um den Schlaf, sondern um die Atmosphäre vor Ort. Dabei sein, ins Stadion einlaufen und hoffentlich unser Land gut vertreten. Der Rest spielt keine Rolle.

Das nötige Kleingeld für einen Aufenthalt in einem feinen Hotel hätten Sie.

Sicher. Aber es war immer mein Traum, einmal im Dorf zu sein, andere Sportler kennen zu lernen, in der Mensa mit allen zu essen. Das macht das Feeling aus. Außerdem bin ich mit den Mavericks das ganze Jahr in schönen Hotels.

Sie wollen ein Athlet unter Zehntausend sein?

Ich muss mal sehen, wie das mit dem Rummel abläuft. Ich habe wirklich keine Ahnung, ich war ja noch nie dabei. Aber ich hoffe, dass ich mich einigermaßen bewegen und Spaß haben kann mit den Jungs. Dass ich mir an den freien Tagen mal ein bisschen was anschauen oder andere Athleten anfeuern kann. So stelle ich mir diese Zeit zumindest vor.

Eher wie eine Sommerreise zum Höhepunkt der Karriere?

Genau. Ich habe zehn, elf Jahre darauf hingearbeitet, und dann ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Ich war in der letzten Woche total platt, hatte einen richtigen Durchhänger, habe drei Tage beinahe durchgeschlafen. Da ging echt gar nichts. Auch emotional habe ich mich total leer gefühlt. Nun sind wir wieder mit der Mannschaft zusammen und jetzt kommt die Freude, dass wir bald dahin fahren.

Bei den Spielen 1992 in Barcelona wurden Steffi Graf und Boris Becker von deutschen Sportlern beim Einmarsch um Autogramme gebeten. Wäre das für Sie ein Problem?

Hansi Gnad (Center der Nationalmannschaft 1992) hat mir davon erzählt. Für die Steffi war es ja so schlimm, dass sie am nächsten Tag aus dem Dorf ausgezogen ist. Natürlich hoffe ich, es wird nicht so schlimm, dass es mir zu viel wird.

Können Sie es verstehen, wenn jemand ein Autogramm von Ihnen haben möchte?

So ein Autogramm ist total überbewertet. Im Endeffekt kann kein Mensch lesen, was da wirklich drauf steht. Ich sehe schon eher ein, wenn sich jemand mit mir ablichten lässt. Von einem Bild hat man wenigstens etwas. Aber so ein Autogramm würde ich mir nie holen.

Woher kommt die Sehnsucht bei Ihnen, einer von vielen zu sein, nicht derjenige, der aus der Masse ragt?

Das hat sich schon früh abgezeichnet. Ich war immer ein Mannschaftssportler. Vielleicht hätte ich auch Tennis spielen können. Aber was mit einer Mannschaft zu machen, mit ihnen im Bus zu Jugendmeisterschaften zu fahren, das hat mir immer mehr Spaß gemacht. Verbohrte, egoistische Tennisspieler – das war nie meine Welt auf den Turnieren. In der Gemeinschaft hatte ich immer mehr Spaß. Deshalb war für mich die Entscheidung, mit Tennis aufzuhören relativ einfach.

Auch wenn Sie da Ihren bisher einzigen Titel gewonnen haben.

Stimmt. Unterfränkischer Meister bin ich geworden. Das war ganz groß. Aber auch nur, weil damals derjenige, der gegen mich immer gewonnen hat, nicht beim Turnier dabei war.

Wer darf denn jetzt bei den Amerikanern nicht in der Mannschaft sein, damit Sie gegen die eine Chance haben in der Vorrunde?

Das wird schwer. Die Jungs haben in diesem Jahr wirklich alles aufgefahren, die Amerikaner sind der Topfavorit. Dahinter ist alles drin. Es gibt viele gute Länder wie Argentinien, Spanien oder Griechenland, die auf einem Level sind.

Aber bei der Weltmeisterschaft 2006 haben die Amerikaner noch gegen Griechenland verloren und sind mit dem europäischen Spiel nicht zurecht kommen.

Ich glaube das Kobe Bryant jetzt den Riesenunterschied macht. Weil er einfach so eine Präsenz auf dem Spielfeld hat, dass man eigentlich nie verliert, wenn er dabei ist. So ein Mann kann nur beflügeln. Und dann haben sie auch Michael Redd mitgenommen, einen der besten Schützen in der NBA. Unter dem Korb sind sie auch stark – da müsste schon einiges schief laufen, wenn die Amerikaner nicht gewinnen.

Wie wichtig ist denn der sportliche Aspekt für Sie in Peking?

Für mich war der Reiz an Olympia nicht das olympische Turnier, ich habe Basketball auf der ganzen Welt gespielt, auch in China und Japan. Von daher war es für mich immer das Drumherum, was die Spiele ausmacht. Aber das sage ich jetzt so daher. Dort sind alle Basketballspiele ausverkauft, uns werden jedes Mal 20.000 Leute sehen – wenn dann die Hölle los ist, dann kommt der Ehrgeiz. Wenn ich erst auf dem Feld stehe, will ich auch gewinnen.

Das ist wohl auch nötig, will man nicht schon in der Vorrunde ausscheiden. Sie spielen gegen Weltmeister Spanien, den Weltmeisterschaftszweiten Griechenland, Gastgeber China, den Favoriten aus den Vereinigten Staaten und Angola ist auch nicht zu unterschätzen.

Die Gruppe ist der Hammer. Gleich nachdem wir bei der Qualifikation gegen Puerto Rico gewonnen hatten, haben sie uns die Gruppe gesagt. Aber da war uns alles egal, wir wollten nur feiern. Wenn wir wirklich ins Viertelfinale wollen, dann müssen wir Angola und China schlagen. Zu verlieren haben wir nichts in dieser Gruppe, das ist vielleicht ein Vorteil.

Gibt Center Chris Kaman, kurz vor dem Qualfikationsturnier eingebürgert, Ihnen mehr Freiheit im Spiel?

Genau, er zieht die Leute unter den Korb. Wenn ich von außen mal einen verschieße, holt er den Rebound. Und wenn er unter dem Korb erst einmal den Ball hat, dann kann man davon ausgehen, dass er das Ding reinmacht.

Das Team ist stärker, aber Patrick Femerling hat durch die Einbürgerung von Kaman seinen Stammplatz verloren.

In seinem Alter muss man alles der Mannschaft unterordnen. Unser großes Ziel waren die Olympischen Spiele und ich weiß nicht, ob wir das ohne den Kaman so souverän im letzten Spiel geschafft hätten. Ich glaube, dass wir alle Egos einstecken müssen. Die Mannschaft steht immer im Vordergrund.

Sie haben in dieser Saison seit November ungefähr einhundert Spiele gemacht, beinahe zwölfhundert Partien in den vergangenen zehn Jahren in der NBA und mit der Nationalmannschaft. Trotzdem trainieren Sie jeden Sommer individuell und kommen zur Nationalmannschaft. Warum?

Weil es mir Spaß macht. Ich sehe diese Zeit nicht als Arbeit an. Wenn man auf hohem Level spielen will, muss man eine Menge Arbeit investieren. Da gehört es dazu, sich im Sommer mal zu quälen. Jetzt habe ich noch drei Jahre Vertrag in Dallas, die werde ich erfüllen. Und dann muss man sehen: Macht es mir noch so viel Spaß, dass ich noch ein paar Jahre dranhänge? Habe ich die NBA-Meisterschaft gewonnen? Wenn ich das nur noch als Job sehe, dann höre ich lieber auf.

Nach all den Jahren gibt es noch immer das Privattraining mit Holger Geschwindner. Wie weit sind Sie inzwischen mit dem Hakenwurf und was fehlt Ihnen noch an Technik?

Basketball ist für mich eine Sportart, in der man nie auslernt. Ich schaue mir noch immer Spiele an und denke: Wow, den Move möchte ich auch kennen! Ich sehe mich immer als Lernender, das wird auch noch in drei Jahren so sein. Mit dem Hakenwurf ist das so eine Sache, für mich ist das der schwerste Wurf im Basketball. Im Training schieße ich den sehr sehr gut. Aber wenn du mental auch nur ein bisschen an so einem Wurf zweifelst, dann packst du im Spiel doch lieber einen anderen aus. Können tue ich ihn eigentlich, aber mir fehlt ein bisschen das Selbstvertrauen.

Die Gegenspieler versuchen, sich auf Ihr Spiel einzustellen, Sie aus der Partie zu nehmen. Wie reagieren Sie darauf?

Für mich macht genau das den Reiz aus. Der Gegner will immer Führungsspieler ausschalten. Und dann gehst du eben in die Halle rein und sagst: Die versuchen das – und ich setze mich trotzdem durch. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Vor zwei Jahren, als Golden State mich so gut verteidigt hat, haben alle geglaubt, dass sei der Weg den Nowitzki zu stoppen. Aber das motiviert mich nur, mich noch mehr zu entwickeln. Seitdem lehne ich mich beim Wurf weiter nach hinten. Da kommt wirklich keiner mehr hin.

Sie haben Zweifel beim Hakenwurf angesprochen. Gibt es viele solcher Momente auf dem Feld?

Ich war schon immer ein selbstkritischer Mensch, das habe ich wohl von meiner Mutter geerbt. Manchmal verschieße ich in einem Spiel die ersten vier, fünf Würfe – und dann bin ich nicht der Selbstbewusste der sagt: Jetzt gehen die nächsten drei rein. Trotzdem probiere ich es weiter, aber einfach nur weil ich weiß, dass ich unglaublich viel trainiert habe und nicht zehn Würfe am Stück daneben werfen kann. Das geht einfach nicht. Manchmal würde ich mir trotzdem wünschen, dass ich von Natur aus ein bisschen selbstbewusster bin. Aber Selbstkritik hilft natürlich auch. Wenn ich mal ein schlechtes Spiel gemacht habe, sage ich mir, dass ich eben noch härter trainieren muss, am nächsten Tag noch mal hundert Würfe mehr machen muss. Über all die Jahre hat mir meine Selbstkritik in meiner Karriere sicher geholfen.

Sie spielen seit mehr als zehn Jahren in der NBA, wo es sicher so etwas wie eine bestimmte Sozialisierung gibt: Dicke Ketten, große Autos, schöne Frauen. Für Sie spielt das offenbar keine Rolle.

Ich war noch nie ein materieller Mensch. Ich brauche keine fünf Schiffe und acht Autos. Ich habe ein schönes Haus und auch ein schönes Auto, aber das reicht mir dann auch. Ich brauche keinen Schmuck für Millionen von Dollar, das gibt mir einfach nichts.

Wird das akzeptiert?

Manchmal kriegt man schon ‘nen Spruch gedrückt. Wenn ich da mit einer Jeans ankomme, die fünf Jahre alt ist: „Kauf Dir doch mal wieder ‘ne neue Jeans!“ Aber die Kollegen sehen ja auch, dass ich ein lockerer Typ bin, der Spaß haben will und der nicht unbedingt Wert auf solche Sachen legt.

Sind Sie also ein Idealist, der Werte über Materielles stellt?

Ein bisschen schon. Vielleicht kann man das so sagen.

Welche Werte verfolgen Sie speziell?

Meine harte Arbeit kommt natürlich schon durch. Ohne die wäre ich nichts geworden. Ich glaube, dass ich Talent hatte, aber das haben viele.

In der NBA sind Sie doch aber gar nicht der typisch deutsche Vertreter einer Mannschaftssportart. Sie sind technisch brillant. Der Dreier in das Gesicht des Verteidigers oder der Rückwärtsdunk gehören doch zur großen Kunst.

Ja, aber den kann ich gar nicht.

Dennoch, Sie stehen für einen Spielertyp, dem man einem Deutschen nie zugetraut hat, dass er so einer sein kann.

Vieles hat mit dem Holger zu tun. Er ist ein Querdenker. Und ich habe in Amerika die Position als Power Forward ja ein bisschen revolutioniert. Früher haben alle mit dem Rücken zum Korb gespielt. Seitdem ich viel von außen schieße, gibt es nur noch Vierer (die Positionsbezeichnung, Anm. d. Red.), die viel werfen und sich bewegen können. Ich habe dem Holger sehr viel zu verdanken.

Es wird oft gesagt, dass Sie ihren Werbewert nicht so ausnutzen, wie Sie es vielleicht könnten. Korrekt?

Ja, ich glaube auch, dass ich da viel mehr rausholen könnte. Aber da ist mir einfach meine freie Zeit wichtiger. Wenn ich dann mal einen Monat in Würzburg bin, habe ich keine Lust noch vier, fünf oder sechs Mal zu irgendwelchen Werbedrehs zu fahren.

Im Basketball scheint der Freiwurf der einfachste Wurf zu sein. Festgelegte Distanz, kein Gegner. Trotzdem haben viele Spieler ein Ritual. Ihnen sagt man nach, dass Sie ein bestimmtes Lied summen.

Als wir vor zwei Jahren gegen die Spurs ins Conference-Finale eingezogen sind, habe ich in den engen Spielen viele Freiwürfe getroffen. Danach wollten alle wissen, wie ich da so locker bleiben konnte. Da habe ich erzählt, dass ich mir ein Lied vorsumme, wenn es eng wird. Das haben die Medien in Amerika klasse gefunden, für Monate war das das Gesprächsthema.

Vielleicht war man deshalb so begeistert, weil Sie „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff summen sollen.

Das war ja mehr ein Witz damals, das habe ich aus Spaß gesagt.

Die Chinesen müssen also keine Angst haben, dass Sie in der Halle stehen und rufen: „I‘m looking for freedom!“

Auf keinen Fall.

China ist vor allem wegen des Umgangs mit Tibet in der Diskussion. Es ging dabei auch um die Frage, ob und inwieweit sich Sportler zu Menschenrechten äußern dürfen. Haben Sie sich darüber mal Gedanken gemacht?

Für mich war immer das Ziel, dass ich erst einmal hinkommen will. Viele Gedanken habe ich mir deshalb noch nicht gemacht. Ich habe nur meinen Mund aufgemacht, als es darum ging, dass die Olympischen Spiele von uns Sportlern boykottiert werden sollten. Da habe ich gesagt, dass ich es unfair finde, etwas auf dem Rücken der Sportler auszutragen, was Politiker seit Jahren nicht gelöst haben. Aber über die Tibetfrage weiß ich überhaupt nicht genug, um mir eine Meinung bilden zu können. Vielleicht lese ich mich in den kommenden Wochen noch mal ein bisschen ein.

Das IOC schreibt den Athleten vor, wann und wo Sie etwas sagen dürfen. Wie ist das in der NBA?

In Amerika wird die Meinungsfreiheit natürlich ganz groß geschrieben. Aber ich glaube schon, dass die NBA will, dass man nicht groß auffällt. Dass man auf kleinem Feuer kocht und so mitschwimmt. Aber in der NBA sind 500 Leute, da sind natürlich alle Persönlichkeiten mit dabei. Einige sind extravagant, ich bin in den letzten Jahren immer gut damit gefahren, dass ich mich so durchmogle.

Werden Athleten mit derart politischen Themen vielleicht auch überfordert?

So schlimm ist es auch nicht. In den Vereinigten Staaten wollten viele etwas von uns zum Irak-Krieg wissen. Aber letztlich sind wir Sportler und es hatte Gründe, warum wir keine Politiker geworden sind.

Trotzdem wollen Sie in Peking Flagge zeigen?

Das muss man jetzt mal sehen. Für mich ging es darum, dort mal einzumarschieren. Ob ich da jetzt eine Flagge in der Hand halte oder nicht, ist für mich erst einmal nicht so entscheidend. Wenn ich gefragt werde, dann wäre das super und eine große Ehre. Aber wenn nicht, dann wäre das auch in Ordnung.

Der Fahnenträger kam in Ihrem Traum von Olympia also nie vor?

Nee, irgendwie gar nicht. Ein großer Traum war ja auch immer, so einen Hut mal wegzufeuern. Aber so einen gab es bei der Ankleidung nun gar nicht.

Das Gespräch führten Anno Hecker und Michael Wittershagen



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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