Gewichtheber-Olympiasieger Steiner

Sekundenglück soll ein Leben lang halten

Von Lena Bopp, Chemnitz

Gefragter Mann in der Wahlheimat: Olympiasieger Steiner

Gefragter Mann in der Wahlheimat: Olympiasieger Steiner

27. August 2008 Auf einmal war er da. Die breite Öffentlichkeit hatte den Mann kaum wahrgenommen, aber als Matthias Steiner in Peking auf die Bühne stieg und mit einem ruckartigen, gewaltigen Stoß 258 Kilogramm „zur Hochstrecke brachte“, wie die Gewichtheber sagen, da hatte die deutsche Olympiamannschaft plötzlich ein Gesicht. Und eine Geschichte.

Es ist die traurig-schöne Geschichte des jungen Mannes, der seine Frau verlor und dann gut ein Jahr darauf Gold gewann. Das alles verdichtet in vielleicht zehn Sekunden auf der wichtigsten Bühne der Welt für einen Sportler, bei Olympia. So schnell kann das gehen.

Chemnitz hofft auf Steiners Treue

Anfang des Jahres wurde der in Wien geborene und im niederösterreichischen Ort Obersulz aufgewachsene Athlet eingebürgert. Nun wird er als Olympiasieger im Super-Schwergewicht auf allen möglichen Feiern herumgereicht, vom Frankfurter Flughafen ging es nach Hamburg und weiter nach Chemnitz, für dessen Bundesliga-Verein er antritt.

Die sächsische Stadt ist stolz auf den „stärksten Mann der Welt“, der ihr gewissermaßen in den Schoß gefallen ist. Seine verstorbene Frau kam aus dieser Gegend, aus Liebe zu ihr ist er hierher gezogen. Einen Großteil seines vorolympischen Trainings hatte er zwar am Olympiastützpunkt in Leimen bei Heidelberg absolviert, aber Chemnitz hofft, dass der neue Star der Stadt auch in Zukunft die Treue halten wird.

Auf der Jagd nach dem Werbevertrag

Am Dienstag bei der Willkommensparty auf der eigens für ihn aufgebauten Bühne vor dem Rathaus vermied Steiner es, den Sachsen ein Versprechen zu geben. „Bei uns läuft das nicht wie im Fußball, wo die Spieler ständig den Verein wechseln“, sagte zwar der Bundestrainer Frank Mantek. „Aber wir wissen noch nicht, was passiert.“ Es vergingen drei Jahre, ehe der Österreicher Steiner die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen bekam. Nach seinem Olympiasieg dürfte es sehr viel schneller gehen, einen neuen Verein zu finden - sofern er das möchte.

Aber Steiner hält sich bedeckt. Ihm ist der ganze Trubel ohnehin etwas unangenehm, das ist ihm deutlich anzusehen. „Der Tag nach dem Wettkampf war der Wahnsinn“, sagt er. Er sei vor lauter Interviews und Anrufen von begeisterten Fans zu nichts gekommen. Nun würde er sich über ein bisschen Ruhe freuen. Aber er weiß auch, dass die sich in den nächsten Wochen nicht einstellen wird. „Ich will alle Sendungen und Plattformen mitnehmen“, sagt er. Nicht so sehr, weil ihm das großen Spaß macht. „Ich will nicht ein Jahr lang durch das Fernsehen hüpfen, um hier und da ein bisschen Kohle einzusammeln“, sagt er. „Ich will einen Werbevertrag abschließen.“

Zehn Sekunden in etwas Bleibendes verwandeln

Matthias Steiner ist gelernter Installateur, aber in diesem Beruf arbeitet er schon lange nicht mehr. Und er möchte es auch in Zukunft nicht tun. Eine Woche nach seinem Erfolg auf der chinesischen Bühne steht er damit vor einer Herausforderung, die er noch nicht kennt. Steiner spürt das. Er muss die zehn Sekunden, die ihn berühmt gemacht haben, in etwas Bleibendes verwandeln, um zu verhindern, dass er in den kommenden Jahren wieder langsam aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet.

Das dürfte hierzulande nicht ganz leicht sein. Gewichtheben ist außerhalb der Olympischen Spiele eine Randsportart, der nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Außerdem sind die Gewichtheber immer wieder reihenweise durch DopingVergehen aufgefallen - wie zuletzt die Mannschaft aus Bulgarien, die vor den Olympischen Spielen komplett positiv auf Doping getestet wurde. Oder die Griechen, die ebenfalls elf von vierzehn vorgesehenen Athleten zu Hause lassen mussten.

Die Menschen gönnen ihm seinen Erfolg

Gleichwohl trauen diejenigen, die ihn kennen, Matthias Steiner zu, negative Reflexe der Öffentlichkeit zu überwinden. „Er ist bescheiden und ein anständiger Kerl“, sagt Mantek. „Außerdem ist er schlau.“ Abgesehen davon, wurde in Peking schon deutlich, dass ihn seine Lebensgeschichte - dazu gehört auch sein vor acht Jahren diagnostizierter Diabetes - zu jemandem macht, dem die Menschen den Erfolg gönnen.

Steiner, der am Montag 26 Jahre alt geworden ist, wird sich „professionelle Hilfe“ nehmen, um einen guten Sponsor an Land zu ziehen. Und er wird weiter trainieren. „Die Nachhaltigkeit muss auch durch Erfolge sichergestellt werden. Er muss im nächsten Jahr Weltmeister werden“, sagt Mantek. „Im Gewichtheben gibt es kein Glück.“ Nur harte Arbeit, soll das wohl heißen, auch für Olympiasieger.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa

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