Olympisches Fazit

Zwischen Täuschung und Wahrheit

Von Michael Horeni, Peking

Fürs Vaterland: Der Sieg gehört China, das persönliche Unglück bleibt Privatsache

Fürs Vaterland: Der Sieg gehört China, das persönliche Unglück bleibt Privatsache

25. August 2008 Wie war's in Peking? Wenn man Führer der Kommunistischen Partei wäre oder Juan Antonio Samaranch, dann wäre die Antwort auf der Grußpostkarte zum Schlusstag der Spiele ganz einfach: „Die erfolgreichsten Spiele aller Zeiten.“ 43 Weltrekorde. Perfekte Organisation. Höchste Einschaltquoten. Nur zehn Doping-Fälle. Aber wer bei diesen chinesischen Spielen nach seinem eigenen Urteil suchte, der musste vom Siegespodest der Gewissheiten und olympischen Ideale so weit hinabsteigen wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Spiele. Bis in den Abgrund.

Man hat sich daran gewöhnt, den Worten von Siegern und Sportführern mit Skepsis zu begegnen. In Peking jedoch konnte man vom ersten Tag an selbst seinen eigenen Augen nicht mehr trauen. Die Spiele in China ließen die Grenzen zwischen Täuschung und Verhüllung stetig zerfließen, und sie kreierten eine neue Wirklichkeit, die sich einfach nicht mehr fassen lassen will - schon gar nicht in die alte olympische Formel „The Best Games Ever“.

Peking-Oper des 21. Jahrhunderts

Die Täuschungen und Verhüllungen begannen mit der Eröffnungsfeier, als Kinder in Trachten aus dem ganzen Land keine Kinder aus dem ganzen Land waren, sondern Schauspieler. Auch die Hymne kam vom Band, weil das Kind mit der schönsten Stimme den Organisatoren nicht schön genug war. Die getürkte Hymne mit dem schönen Mädchen, sie wurde zum betörenden-verstörenden Sound dieser Spiele. Eine Peking-Oper des 21. Jahrhunderts. Man konnte nicht glauben, was man sah und hörte, und da hatte der Sport noch gar keine Fahrt aufgenommen.

Die Maskerade setzte sich mit der Weltrekordorgie im Schwimmbecken fort, mit nie zuvor erreichten menschlichen Leistungen. Als die neuen Menschen dann nach einer Woche die Erde betraten und zum Lauf über 100 Meter starteten, trat die Täuschung vollkommen unverhüllt auf - und blieb doch Täuschung. Da sahen die eigenen Augen den größten und dreistesten Falschspieler der olympischen Geschichte, aber die eigenen Augen mussten in Peking erfahren, dass sie ihre Bedeutung verloren hatten.

Grenze zwischen Maskerade und Wahrheit löste sich auf

In diesen 9,69 Sekunden, die Usain Bolt dem Sport zumutete, verdichtete sich die Verwandlung der Olympischen Spiele in und auch durch China. In diesen 9,69 Sekunden brach eine neue olympische Zeit an: Die Grenze zwischen Maskerade und Wahrheit löste sich auf. Keine B-Probe konnte sie wiederherstellen. Die Täuschung erklärte sich zur Wahrheit, sie machte sich zum Sieger der Spiele.

Usain Bolt hat sich nur selbst daran gehindert, noch schneller zu sein und den 100-Meter-Lauf, sagen wir in 9,49 Sekunden, zu vernichten. Er hat während des Laufs gar nicht mehr so getan, als habe der olympische Eid noch eine Bedeutung für ihn. Das war zuvor noch nötig, als Sportler glaubten, gemeinsame Werte wenigstens vortäuschen zu müssen. Aber wo Täuschung zur umjubelten Wahrheit wird und Sport zum gefeierten und lohnenden Event, da braucht man den moralischen Ballast auf dem Weg zur Nummer eins nicht mehr.

Die Probleme wurden auf chinesische Weise gelöst

The Best Show Ever. Die hemmungslose Täuschung hat sich in China in hochästhetischen Formen präsentiert. Der Körper des Supersprinters ist ein Superkörper. Die Stadien sind Superstadien, und die Spiele waren Superspiele. Und die Bilanz der Täuschung ist eine Superbilanz: einzigartige acht Olympiasiege von Michael Phelps. Eine Weltrekordflut, die noch nie von so vielen Menschen auf dem Planeten verfolgt worden ist, voller Faszination und Erschrecken. Die Welt hat bei den Spielen der Superleistungen auch die Superchinesen kennengelernt: als Superorganisatoren und Supernummer eins im Medaillenspiegel. China ist Amerika weit enteilt mit 51:36 Goldmedaillen. Genauso wollte sich das Land der Welt präsentieren, als neue Supermacht. Das allerdings ist keine Täuschung.

Die chinesischen Machthaber haben in Peking auch nicht mehr so getan, als ob sie sich an olympische Versprechen halten müssten. Sie bestritten gar nicht, dass Zensur stattfindet und sie Protestzonen zwar einrichteten, aber keinen der 77 Anträge auf Protest zuließen. Die Probleme seien auf chinesische Weise gelöst worden, sagte zum Beispiel der Vizepräsident des Organisationskomitees: „Es geht darum, dass Probleme gelöst werden, nicht, um zu demonstrieren.“

Rogge und Samaranch im Wachsfigurenkabinett

Es sind solche Momente, in denen sich das IOC vor Schmerzen windet, weil es vor und während der Spiele nie eine Antwort darauf gefunden hat, wie sie der Täuschung begegnen sollten, die doch nur Teil der chinesischen Wahrheit ist. IOC-Präsident Jacques Rogge und sein Vorgänger Samaranch sind in Peking schon im Wachsfigurenkabinett ausgestellt. „Wir hätten gerne so viel Transparenz wie möglich“, sagte die Sprecherin des Internationalen Olympischen Komitees wenige Tage vor der Schlussfeier.

Aber Transparenz stand nicht auf dem Pekinger Olympiaplan, denn Transparenz ist das Gegenteil von Täuschung, und Transparenz ist der große Verlierer dieser chinesischen Spiele. Wenn man es etwas pathetischer haben will, könnte man auch sagen: die Wahrheit. Aber das wäre auch nur die halbe Wahrheit. Denn ein System ist nicht nur ein System, ein System sind auch die Menschen. In der olympischen Disziplin der Verständigung und Annäherung waren die Spiele ein großer Gewinn. Das Neue und Fremde, Gäste und Gastgeber näherten sich immer wieder an. Die von Olympia und von sich begeisterten Chinesen machten die Spiele auch zu einem Fest der Begegnung: freundlich, übermütig, gelassen, auf Freundlichkeit trainiert, auf die Straße spuckend, lächelnd. Auch wenn es nicht das Gleiche ist: Peking lernte die Welt kennen, und die Welt lernte China kennen.

Persönliches Unglück bleibt Privatsache, der Sieg gehört China

Täuschung und Wahrheit. Dieses unzertrennliche chinesische Doppel erlebte auch Augenblicke mit unvorhergesehener emotionaler Tiefenwirkung. Das Scheitern von Liu Xiang, dem 110-Meter-Hürdenläufer, überwältigte das Land. Keine einzige Goldmedaille bewegte die Chinesen so sehr wie der humpelnde Abschied des Läufers aus dem „Vogelnest“.

Liu Xiang stand wie kein anderer Sportler für die Umgestaltung Chinas. Er verkörpert den Aufbruch des Riesenreichs in die Marktwirtschaft, die Jagd nach dem persönlichen Wohlstand, in der sich jeder auf seine Weise zum Sieg kämpfen will und sich nicht mehr ins Kollektiv fügen muss. Aber gleichzeitig musste Liu Xiang trotz fürchterlicher Schmerzen bis zuletzt geben, wonach Volk und vor allem Führung von einem nationalen Symbol verlangten: Sieg und Selbstaufgabe. Genauso wie von der Judoka, die ihr zwei Jahre altes Kind ein Jahr lang nur über Webcam sehen durfte, und die Gewichtheberin, die von ihrem Trainer erst nach ihrem Olympiasieg vom Tod ihrer Mutter Monate zuvor erfuhr.

Eine Forderung, die sich als Hoffnung tarnt

Der chinesische Vizepräsident Xi Jinping, der auch politischer Verantwortlicher für die Spiele ist, schickte in Sachen Liu Xiang auch ein Telegramm: „Wir alle verstehen, dass Liu wegen einer Verletzung ausgeschieden ist. Wir hoffen, dass er sich erholt und sich auf seine Genesung konzentriert. Wir hoffen, dass er seine Form wiedergewinnt, dass er weiter trainiert und noch härter für den Ruhm der Nation kämpft.“

Eine Forderung, die sich als Hoffnung tarnt. Liu Xiang ist sofort wieder in die Pflicht genommen worden. Das Schreiben war auch nicht an den Sportler direkt gerichtet, sondern an seine Vorgesetzten von der Generalverwaltung des chinesischen Sports. Das persönliche Unglück bleibt Privatsache, der Sieg gehört China. Man sollte sich nicht täuschen lassen: Der Preis des Goldes ist in Peking ins Unermessliche gestiegen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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