08. August 2008 Die olympische Flamme wird erstmals in China entzündet, die Welt ist zu Gast in Peking und anderen Städten. Die allübergreifende Harmonie“, die jüngste Regierungsparole der Kommunistischen Partei, wird das Leitmotiv der Eröffnungsfeier der Spiele sein. Der amerikanische Präsident Bush wird die mehr als 80 Staatoberhäupter und Regierungschefs aus aller Welt anführen, die dem Ereignis beiwohnen.
Seit Jahren hat die chinesische Partei- und Staatsführung auf dieses Ereignis hingearbeitet. Jetzt ist sie am Ziel – und hat es doch verfehlt. Das Projekt Olympia war ursprünglich dazu gedacht, Chinas Ansehen zu mehren. Es sollte vorführen, dass China zu einer Großmacht geworden ist, die in einem friedlichen Aufstieg“ begriffen ist.
Friedliches Bild zerstört
Es sollte zeigen, dass China unter kommunistischer Führung zu einem Zentrum der Moderne geworden ist. Weit mehr als die Sportnation China sollte der Welt die große Wirtschaftsnation, der Erfolg der letzten Jahre vorgeführt werden. Menschenfreundliche und grüne Spiele versprachen die chinesischen Gastgeber vollmundig der Welt und scheuten weder Kosten noch Arbeit, um ein strahlendes Peking mit neuen Stadien, Autobahnen und aufsehenerregenden Bauten vorzuführen.
Doch dann hagelte es im Olympia-Jahr Kritik. Es begann damit, dass Darfur-Aktivisten Chinas Unterstützung für Sudan anprangerten und der amerikanische Regisseur Steven Spielberg seine Mitwirkung an der Eröffnungsfeier absagte. Dann kamen die Unruhen in Tibet. Angeführt von Mönchen, protestierten in vielen tibetischen Regionen die Menschen gegen die chinesische Herrschaft. In Lhasa kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen.
Die harte Antwort der chinesischen Regierung rief internationale Proteste hervor. Das Bild des friedlichen China war zerstört. Von Olympia-Boykott war die Rede, dann davon, dass zumindest die Staatsführer der Eröffnung fernbleiben sollten.
Unruhige Republikführung
Angeprangert wurde die chinesische Regierung auch wegen Menschenrechtsverletzungen und der Zensur. Wegen der schlechten Luft in Peking rückten die Umweltprobleme Chinas in den Vordergrund. Das Land ist einer der größten Emittenten von Treibhausgasen. Die Bilder vom Pekinger Smog ließen die internationalen Auswirkungen von Chinas Umweltfragen im Ausland klar werden.
Die Parteiführung unter Hu Jintao hatte gehofft, dass die Olympischen Spiele ihr Ansehen in der Bevölkerung mehren würden. Der Glanz der Spiele soll auf die Führung zurückfallen und deren Versäumnisse vergessen lassen. Er würde den Patriotismus entfachen, den das Regime schon immer als Unterstützung für die Kommunistische Partei ausgegeben hat. Diese Hoffnung hat sich allenfalls in der neuen städtischen Mittelschicht und den Eliten bewahrheitet, die mit ihrem Leben und dem Wohlstand in den Metropolen zufrieden sind.
In den abgelegenen Bezirken zeigte sich die Volksrepublik in dem Olympia-Jahr unruhig wie schon lange nicht mehr. In der Provinz Guizhou griffen 30.000 aufgebrachte Bürger Verwaltungsgebäude an und protestierten gegen pflichtvergessene Funktionäre, die die Bevölkerung der Herrschaft der Mafia auslieferten. In vielen Orten kam es zu Protesten gegen Behördenwillkür und die Raffgier der Funktionäre. Dann bebte in Sichuan die Erde, und die Regierung, die dabei war, ihre Kräfte für die Vorbereitung der Olympischen Spiele zu bündeln, musste einen beispiellosen Großeinsatz im Erdbebengebiet bestehen.
Sicherheit steht im Vordergrund
Angesichts der nationalen Unruhen und der internationalen Kritik hat die chinesische Führung bei ihren Olympia-Versprechungen zurückgesteckt. Von humanistischen, grünen und den besten Spielen ist nicht mehr die Rede, zuletzt stand nur noch die Sicherheit der Spiele im Vordergrund. Immer dichter spannten die Pekinger Olympiaplaner das Sicherheitsnetz, selbst auf die Gefahr hin, dass ausländische Besucher fernblieben und die Gäste sich unbehaglich fühlen könnten.
Parteichef Hu Jintao sah sich veranlasst, kurz vor der Eröffnung erstmals vor die internationale Presse zu treten. Dort gab er sich bescheiden. China wolle nur gute Olympische Spiele organisieren und das Sportfest zu einem Erfolg machen, versicherte er. China sei keine Bedrohung für andere, und überhaupt habe das Land reichlich Schwierigkeiten, die Wirtschaft stehe vor großen Herausforderungen.
Die Führung unter Hu Jintao hat im Interesse der Olympischen Spiele in den letzten Monaten viel Kritik eingesteckt und sich in Zurückhaltung geübt. Doch das muss nicht bedeuten, dass China bei dieser Haltung bleibt, wenn das Schauspiel vorbei ist. Eine als Demütigung empfundene Dauerkritik könnte die chinesische Führung zu härterem Auftreten und weniger internationaler Kooperation veranlassen. Im besten Fall könnte der Druck von außen und von innen Anstoß zu einer Änderung in der Politik, nicht nur gegenüber Tibet, sondern auch gegenüber einer unruhigen Bevölkerung geben. Die Spiele selbst verschaffen eine Denkpause. Endlich rückt der Sport in den Vordergrund. China wird seine Athleten feiern, die sich anschicken, mehr Medaillen als je zuvor zu erringen. Um Chinas Rang als Sportnation zumindest braucht sich die Parteiführung keine Sorgen zu machen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa