Olympia

Die Angst vor China

Von Michael Horeni, Peking

Die perfekte Benutzeroberfläche: Der Linglong-Turm

Die perfekte Benutzeroberfläche: Der Linglong-Turm

04. August 2008 Es hat ein paar Stunden geregnet in Peking. Der Regen hat der Stadt gutgetan und den Olympiamachern auch. Über Nacht hat er den Himmel zurückgebracht nach Peking und auch die Berge im Norden, die den Moloch von der Steppe trennen. Am Horizont zeichnen sich wieder die Umrisse des Gebirges ab, die giftige Luft versickert in den Rinnsteinen. Der Regen ist eine gute Nachricht. Exakt eine Woche bevor am 8.8.08 abends um acht nach acht die Olympischen Spiele eröffnet werden, taucht das Abendrot die Stadt in ein warmes Licht.

Und am nächsten Morgen: Blauer Himmel über Peking, und die Stadt erwacht in mildem Licht. So wünschen sich das die Olympiamacher, so kann es bleiben. Kleinere Regenwolken werden sie bei der Eröffnungsfeier mit Raketen vertreiben. Man wird sich darauf verlassen können: Die Welt wird einen wunderbaren Eindruck von Peking haben, wenn am kommenden Freitag die Spiele offiziell beginnen. Doch alles, was man sieht, wird eine Täuschung sein. Vielleicht auch der Himmel.

Ein hässlicher Cocktail für die Party der Jugend

Die Welt blickt auf China, aber der Blick ist sorgenvoll. Das ist das Mindeste, was man eine Woche vor den Spielen sagen kann. Man kennt die Stichworte längst: Menschenrechtsverletzungen,Umweltverschmutzung, Tibet, Zensur, Doping. Das ist ein hässlicher Cocktail für die Party der Jugend der Welt, und es ist kein ermutigendes Zeichen, dass ein paar Regentropfen für die einzige Aufheiterung in diesen Tagen sorgten.

Peking und Olympia zeigten sich sonst von der düsteren Seite. Die Organisatoren haben wieder einmal ihre Zusage gebrochen, freie Berichterstattung zu gewährleisten. Diesmal zensierte das Regime im Pekinger Pressezentrum den Internetzugang und blockierte verschiedene chinakritische Webportale. Nach massiven Protesten machten die Chinesen Zugeständnisse, verweigern aber weiter den ungehinderten Zugang zum Netz. Das Internationale Olympische Komitee gibt noch nicht auf. Dazu kam die Nachricht, dass sieben russische Top-Leichtathletinnen und ein italienischer WM-Zweiter im Florettfechten zu Hause bleiben müssen. Doping.

Als herrschte Kriegsrecht wie 1989

Das klingt nicht gut, und eine Woche vor den Spielen fragt man sich: Was erwartet uns da in Peking? Saubere Luft und saubere Spiele werden kaum im Angebot sein, auch wenn man den Schmutz meist nicht sehen wird. Was man in diesen Tagen in Peking sieht, ist eine perfekte Benutzeroberfläche. Mit dem „Vogelnest“ haben sich die Chinesen das schönste Stadion der Welt bauen lassen, und auch das Schwimmstadion mit seiner illuminierten Fassade und seinen exzellenten Becken verzaubert Zuschauer und Athleten. Seine Außenhaut mit den wechselnden Farben erinnert an ein Chamäleon. Das passt gut zu Peking.

Was man auch sieht jenseits des hermetisch gesicherten Areals, sind Soldaten und andere Sicherheitskräfte. Die Stadt ist voll von ihnen. Sie werden in Bussen kolonnenweise durch Peking gekarrt, marschieren im Stechschritt und stehen an jeder Ecke. Sie sind präsent, als herrschte Kriegsrecht wie 1989. Die Chinesen wappnen sich gegen einen Terroranschlag, und seit den Unruhen im Frühjahr in Tibet ist die politische Führung besonders nervös.

Viele Hotelbetten werden leer bleiben

Spätestens seit den Protesten von Exil-Tibetern beim Fackellauf in London und Paris fürchtet das Politbüro, dass ihnen die Gegner in der Stadt mit 300.000 Überwachungskameras ins Prestigeprojekt pfuschen könnten. Die kommunistische Führung begegnet Ausländern seitdem mit tiefem Misstrauen. Sie hat die Einreise seit dem Tibet-Konflikt erschwert, und so kommen weit weniger Touristen zu den Spielen als ursprünglich erwartet, viele Hotelbetten werden leer bleiben.

Aber das wird den Erfolg wohl kaum beeinträchtigen. Was zählt, ist das Ergebnis, und die Kommunisten haben sich der Spiele systematisch in bisher nicht gekannter Weise bemächtigt. Der Fackellauf, der in diesen Tagen stundenlang im Fernsehen als nationales Hochamt inszeniert wird, war dafür in den letzten Monaten nur das auffälligste Ereignis. Was sie aus den ohnehin schon ramponierten olympischen Werten bis zur Abschlussfeier am 23. August machen werden, ist noch ungewiss. Die Chinesen nutzen die olympischen Symbole, verwandeln sie und stellen sie in ihre Dienste. Der Fackellauf ist schon entzaubert. Dass Olympia nach Peking nicht mehr dasselbe sein wird wie vorher, schwant manchem Olympier vor diesen politischen Spielen.

„Gewinnt Ruhm für unser Land“

So wie es aussieht, könnte das 21. Jahrhundert wieder ein chinesisches Jahrhundert werden. Die Spiele sollen der globale mediale Startschuss sein für die chinesische Dominanz in der Welt. Schon jetzt ist China die viertgrößte Wirtschaftsmacht, sein politischer Einfluss steigt stetig, es besitzt die größten Devisenreserven der Welt. Spätestens im Jahr 2040 dürfte China zur Nummer eins der Weltwirtschaft aufsteigen und an den Vereinigten Staaten vorbeiziehen, wahrscheinlich früher. In der Rangliste der Exportnationen liegt das Land auf Platz zwei. Bald wird es Deutschland als Exportweltmeister überholen, im Sport ist es den Deutschen schon uneinholbar enteilt.

In Peking wollen die Chinesen zur Nummer eins im Weltsport aufsteigen. In Athen haben sie 32 Goldmedaillen gewonnen. Sie schoben sich erstmals vor Russland auf Platz zwei der Nationenwertung. Der Gipfel ist zum Greifen nah, nicht einmal ein Vierteljahrhundert nachdem die Chinesen 1984 in Los Angeles ihre erste Goldmedaille eroberten. „Gewinnt Ruhm für unser Land“, sagte Staats- und Parteichef Hu Jintao unlängst bei einem Trainingsbesuch bei chinesischen Athleten. Die Sportler wissen, was das bedeutet: maximaler Erfolg.

Die Freude der Menschen ist echt

Der Druck auf seine Athleten ist riesig im Riesenreich, den Verlierern drohen Sanktionen, die wahren Ziele werden nicht genannt. Die Freude der Menschen aber ist echt. Die Chinesen drängeln sich kurz vor Beginn der Spiele an den Zäunen und versuchen einen guten Blick auf das Olympiagelände zu erhaschen. Von einer Brücke kann man das „Vogelnest“ gut sehen. Sie stellen sich in Positur und lassen sich mit dem neuen Wahrzeichen fotografieren.

Der Aufstiegswille und die rücksichtslose Dynamik, die das Land entfaltet, lösen Furcht, sogar Angst aus bei jenen, die ahnen, dem chinesischen Tempo und der Härte nicht gewachsen zu sein. Und auch anderen asiatischen Ländern wachsen Muskeln. Beim Wettlauf der Nationen wird es in Peking Verlierer geben, und dass auch Deutschland weniger abbekommt von den Medaillen, ist nicht ganz abwegig. Fabian Hambüchen könnte vielleicht zum deutschen Gesicht in Peking werden, und im Kollektiv sind die Deutschen immer noch schwer zu schlagen: im Handball, im Fußball, im Hockey.

Der Star der Spiele könnte Michael Phelps werden. Der amerikanische Schwimmer will den Rekord von Mark Spitz mit sieben Goldmedaillen brechen. Aber der Sport muss sich seinen Platz in Peking erst noch erkämpfen, und es wird sehr schwierig werden für einen einzelnen Athleten, die Spiele zu überstrahlen. Wenn es nach der KP geht, wird der Star bei Olympia ohnehin kein Sportler sein. Der Star soll China sein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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