Olympia versetzt Peking in einen eigenartigen Zustand. Auf der einen Seite sind die Spiele allgegenwärtig, und die Begeisterung, die Sachkunde und die Vertrautheit mit den einschlägigen Ritualen scheinen mit jedem Tag zu wachsen. Es gibt wahrscheinlich kaum einen Ort auf der Welt, wo vom olympischen Geist heute auf weniger zynische Weise die Rede ist als unter Pekingern. Den Zeichen des Ereignisses kann man nirgendwo entrinnen: den Nationalflaggen, die aus jedem zweiten Geschäft ragen, ebenso wenig wie den ungewohnt vielen Polizisten, den ungewohnt wenigen Wanderarbeitern und den stillgelegten Baustellen, von denen man nur noch die Sichtblenden mit Sportlogos sieht. Vor allem aber ist es die Sichtbarkeit selbst, die alles neu zu machen scheint: Es ist, als hätten die Fahrverbote die Sehschärfe anders eingestellt und mit einem Mal den Filter weggezogen, der sich einem sonst vor die Dinge, die Häuser, die Stadt schiebt.
Auf der anderen Seite ist Olympia frappierend unsichtbar in Peking. Das Bewusstsein, einer großen Sache beizuwohnen, äußert sich in Alltagsgesprächen, im Internet und in vielen unscheinbaren Gesten der Gastfreundschaft - aber einen öffentlichen Ausdruck findet es außerhalb der Stadien in der Stadt nicht.
Keine Platz für kollektive Feierstimmung
Die Pekinger schlendern, kaufen, essen und spielen Karten, wie sie es immer tun. In den Straßen, Geschäften, Parks und Ausflugsorten spielt sich das vertraute Treiben ab. Nicht einmal von der bislang größten Begegnung zwischen China und der äußeren Welt ist im öffentlichen Raum etwas zu merken, ein Anstieg des Ausländeranteils lässt sich in den Straßen kaum konstatieren. Die angereisten Zuschauer scheinen brav zwischen Hotel und Wettkampfstätten zu pendeln und sind wegen der restriktiven Visavergabe der vergangenen Monate offenbar ohnehin viel weniger zahlreich als vorher angenommen. Von politischen Protesten war außer ein paar Tibet-Transparenten zu Beginn nichts zu sehen, anscheinend funktioniert die staatliche Eindämmung zuverlässig.
Aber es gibt nicht nur keinen offenen Diskursraum, es gibt auch keinen allen gemeinsamen Feierraum. Die auf chinesisch- und englischsprachigen Transparenten überall verbreitete Aufforderung, den Traum mit Leidenschaft zu entzünden, gilt offensichtlich nur individuell, nicht kollektiv. Nicht einmal das ausdrücklich als öffentliche Zone mit kulturellen Programmen ausgewiesene Olympic Green rund um das Olympiastadion darf man ohne bezahltes Ticket betreten. Peking hat zwar in den einzelnen Bezirken Plätze benannt, auf denen man vor großen Bildschirmen die Wettkämpfe gemeinsam verfolgen können soll. Aber irgendwie will auch dort die Massenstimmung, wie sie Freunde einer westlichen Eventkultur vielleicht erwarten würden, nicht recht zustande kommen.
Bitte nicht stehen bleiben
Der Kulturplatz an der Einkaufsstraße Xidan etwa ist zwar mit frischen Blumenrabatten zurechtgemacht, aber von dem angekündigten Bildschirm ist weit und breit nichts zu sehen. Auf der Geschäftsstraße Wangfujing stehen abends vielleicht zwanzig Passanten mit Einkaufstüten vor dem an einem Shoppingzentrum installierten Video-Screen; ihre sporadischen Begeisterungsschreie gehen aber im allgemeinen Einkaufstrubel völlig unter. Am Nordtor des Ditan-Parks gibt es einen abgetrennten, nach einer Sicherheitskontrolle betretbaren Bereich mit zwei riesigen Leinwänden und hundert Klappstühlen, die aber an diesem Nachmittag nicht besetzt sind; nur ein paar Rentner verfolgen das Basketballspiel, das gerade gezeigt wird, zusammen mit ihren Enkelkindern aus dem Schatten jenseits der Absperrung heraus. Die spektakulärste olympische Zone hat der Bezirk Chaoyang in einem teuren Shopping-Carree eingerichtet. Den operativen Teil hat er dem Coca-Cola-Konzern überlassen, der hinter einem Ticketschalter und einer ausführlichen Sicherheitskontrolle das Publikum mit interaktiven Videospielen, einer bunt angezogenen Terrakotta-Armee und einer gigantischen Coca-Cola-Flasche empfängt. Das ist der Ort, heißt es in der Begrüßungsbroschüre, wo du deine Leidenschaft zeigen kannst, wo du dich selbst wie nie zuvor ausdrücken kannst. Aber ausgerechnet an einem solchen Ort mahnt ein Schild vor der Großleinwand, bitte nicht stehenzubleiben; für den Fall des Falles hat etwas weiter auch die Polizei einen eigenen Stand. So sorgen in der vom Staat belassenen Restöffentlichkeit international agierende Wirtschaftsunternehmen für Sicherheit und ideologische Stabilität.
Allerdings lassen sich die Besucher der Cola-Zone auf der Suche nach neuen Attraktionen ohnehin nicht aufhalten. Die Idee des Public Viewing wird in China keineswegs wie in Europa als Inbegriff der Urbanität empfunden. Warum soll man sich in der Hitze zusammen mit vielen unbekannten Leuten vor eine Leinwand stellen und so tun, als wäre man live im Stadion, wenn man die Spiele viel bequemer zu Hause mit der Familie verfolgen kann? Überhaupt würde der Ehrgeiz, selbst an der Inszenierung einer Stadt als Erlebnisraum mitzuwirken, wohl eher Befremden auslösen.
Die olympische Stimmung, ein Subsystem
Im Übrigen ist die Unterteilung und Eingrenzung der Öffentlichkeit ein in China übliches Verfahren. So wie im Stadtraum die bewachten Büro- und Wohnsiedlungen voneinander abgetrennt sind, sind es die diversen Experten- und Kulturzuständigkeiten im geistigen Leben. Das ist von der Regierung auch so gewollt: Um der Stabilität des Ganzen willen soll die Binnenlogik einer Teilöffentlichkeit nicht über ihre Grenzen treten. Man kann sich vorstellen, ein welches Maß an Paradoxie eine solche Vorgabe im Fall von Olympia verlangt: Es gilt, Ekstase zugleich zu erzeugen und zu verhindern. Die Begeisterung soll überschwappen und doch in ihren Grenzen bleiben.
Ebendies scheint jetzt tatsächlich zu passieren. Die olympische Stimmung, entzündet und wachgehalten vor dem heimischen Fernseher, ist in China ein Subsystem unter anderen, allerdings ein wichtiges und möglicherweise folgenreiches. Dass Bewegungen sich in diesem Land oft nur unter der Bedingung vollziehen dürfen, dass sie die ihnen zugedachte Bahn nicht verlassen, macht es für die Beobachtung von außen schwer, sie überhaupt wahrzunehmen und nicht bloß für eine Inszenierung zu halten. Inwieweit Olympia die chinesische Gesellschaft verändert hat, wird man deswegen wohl erst viel später feststellen können.
Text: F.A.Z.
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