26. März 2008 Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes preist die Meinungsfreiheit - in den Grenzen des Regelwerks namens Charta. Thomas Bach spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Sport im politischen Raum und zum langen Schweigen seines Präsidenten.
In der Olympischen Charta heißt es: Keine Art von Demonstration oder politischer, religiöser oder rassistischer Propaganda ist an olympischen Stätten erlaubt. Was dürfen die Athleten also in Peking - und was dürfen sie nicht?
Die Regeln schreiben die politische Neutralität vor, weil wir nicht wollen, dass Diktaturen oder Mannschaften aus Diktaturen Werbung für ihren Führer machen. Mündige Athleten können sich sehr deutlich äußern in Pressekonferenzen ihrer eigenen Mannschaft oder in Diskussionen im Olympischen Dorf.
Wenn ein Olympiasieger in Peking auf der internationalen Pressekonferenz seine Goldmedaille dem unterdrückten tibetischen Volk widmet - wird er dann disqualifiziert?
Die freie Meinungsäußerung der Athleten ist gegeben. Jeder kann sich äußern. Viele tun es jetzt auch schon. Nur: Die olympischen Stätten müssen frei von jeder politischen Betätigung sein.
Ist die Pressekonferenz eine olympische Stätte?
Ich spekuliere nicht über hypothetische Einzelfälle.
Es wäre aber interessant, die Grenzen dieses Gummiparagraphen zu kennen.
Das ist kein Gummiparagraph. Er ist eindeutig.
Wenn also die Sportler massenweise, unter Bezug auf die tibetischen Mönchs-Kutten, in Orange antreten würden - würden sie disqualifiziert?
Noch einmal: Ich spekuliere nicht über hypothetische Einzelfälle.
Wer würde während der Spiele entscheiden, ob etwas eine verbotene politische Äußerung ist?
Die Exekutive des IOC, in der auch ein Athletenvertreter sitzt.
Das chinesische Organisationskomitee hätte in dieser Frage nichts zu sagen?
Nein.
Die Repräsentanten des IOC sind zu einer politischen Meinungsäußerung in Bezug auf den Tibet-Konflikt nicht zu bewegen. Warum glaubt das IOC, es müsste unpolitisch sein?
Politisch neutral. Aber nicht apolitisch. Wir bewegen uns natürlich im politischen Raum.
IOC-Präsident Jacques Rogge hätte also nicht eine Woche lang nahezu schweigen müssen, während sich die chinesischen Machthaber darin abwechselten, Kampfparolen von sich zu geben und sich auf die Olympische Charta zu berufen?
Nehmen sie die Äußerungen von Jacques Rogge. Oder nehmen sie die Papiere des Deutschen Olympischen Sportbundes vom Mai 2007 oder vom Montag, dann finden sie dort klare Worte zur nicht zufriedenstellenden Situation der Menschenrechte, gegen jede Form der Gewaltanwendung, den Aufruf zum sofortigen Gewaltverzicht und zur Lösung durch Dialog. Und sie finden den Hinweis Jacques Rogges auf die stille Diplomatie, die er pflegt. Da sind doch eine Menge von Aussagen drin - vielleicht nicht diejenige, die sich der eine oder andere wünscht.
Aufforderung zur Einhaltung der olympischen Regeln - das ist so allgemein. Man würde sich die Aufforderung an Chinas Regierung wünschen, die Grundsätze der Olympischen Charta - etwa keine Diskriminierung - einzuhalten.
Das ist doch sehr deutlich. Unter der Einhaltung der olympischen Regeln verstehen wir auch die Einhaltung der Zusagen, die China dem IOC gegeben hat. Das ist beispielsweise die Möglichkeit für 25.000 Journalisten, zu den Spielen einzureisen, und zwar nicht aufgrund eines handverlesenen Prinzips der chinesischen Behörden, sondern aufgrund einer Akkreditierung durch das IOC.
Von der Pressefreiheit ist aber zur Zeit nicht mehr viel übrig: Alle ausländischen Journalisten mussten Tibet verlassen. Die Zusagen sind also gebrochen.
Die Zusagen gelten nur für die Zeit der Olympischen Spiele und für die akkreditierten Journalisten.
Das IOC war doch so stolz auf die bereits erfolgte Lockerung der Regeln für ausländische Journalisten schon im Vorfeld der Spiele.
Ja. Diese Lockerung ist begrüßenswert, genauso wie es bedauernswert ist, dass sich China jetzt veranlasst gesehen hat, die Berichterstattung aus Tibet einzuschränken.
Wenn man sich ansieht, wie die chinesischen Machthaber in diesen Tagen unter Berufung auf die Spiele über Harmonie zwischen den Völkern reden - beschleicht Sie da nicht eine gewisse Angst vor dem Missbrauchtwerden?
Es herrscht Meinungsfreiheit für jeden. Und jeder kann sich ein Bild darüber machen, was in Reden gesagt wird. Es kann nicht Aufgabe des IOC sein, hier etwas vorzugeben. Im übrigen bitte ich in der ganzen Diskussion darum, die Fragen zu Ende zu denken und nicht in Symbolen stehen zu bleiben. Die Frage, die sich stellt, heißt: Wie kann der Sport zu einer Verbesserung der Lage beitragen?
Aber doch nicht durch Heraushalten.
Aber mit Sicherheit nicht durch einen Boykott. Der Sport kann anders beitragen: Worüber reden wir gerade? Über Tibet. Warum? Warum identifiziert sich die ganze Welt mit dieser Problematik? Weil in Peking die Olympischen Spiele stattfinden.
Das kann aber doch nicht Sinngebung Olympischer Spiele sein.
Sinngebung von Spielen, das ist ein gutes Stichwort. Wenn man den Spielen den Sinn geben will, dass mit ihnen alle Probleme dieser Welt gelöst werden, dann ist das falsch. Das ist nicht ihre Aufgabe und nicht ihr Anspruch. Diese ist die Schaffung des Dialogs. Und die Möglichkeit, die Probleme einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Gut. Das wäre also doch ein politisches Motiv für die Vergabe von Olympischen Spielen.
Natürlich. Ich sage doch, politische Neutralität ja, aber nicht apolitisch.
Aber die Vergabe der Spiele an Peking war nicht politisch neutral.
Sie können doch von IOC-Mitgliedern nicht verlangen, dass sie Entscheidungen treffen im luftleeren Raum. Jeder vernünftig denkende Mensch muss wissen, dass die Vergabe eines Ereignisses mit der Größenordnung Olympischer Spiele auch politische Auswirkungen hat. Davor darf man nicht die Augen verschließen.
Das hat IOC-Präsident Rogge aber angesichts der jüngsten Ereignisse eine Woche lang getan. Er blieb bis Ostern stumm. Ist das nicht ein schwaches Bild?
Er hat sich geäußert. Aber er war weg. Unterwegs in Ländern, wo er auf jeder Pressekonferenz zu der Thematik befragt wurde, aber seine Antworten sind nur bruchstückhaft angekommen, weil die Weltpresse nicht da war.
Aber es gibt in Lausanne doch eine Presse-Abteilung.
. . .
Wir entnehmen Ihrem Schweigen, dass Sie Ihren Präsidenten nicht kritisieren wollen.
Richtig. Denn dafür gibt es keinen Grund.
Was sagen Sie Kritikern, die behaupten, für das IOC gäbe es aus finanziellen Gründen kein Zurück von Peking?
Dagegen wehre ich mich. Das IOC könnte den Ausfall Olympischer Spiele gut verkraften. Das war eine der Zielsetzungen in den letzten Jahren, unsere Reserven entsprechend zu gestalten.
Wäre es nicht richtig, aus Verantwortungsgefühl für die Athleten Spiele nicht in Diktaturen zu vergeben?
Erstens: Das IOC ist keine Weltregierung, das die Länder in Gut und Böse einteilt. Und wenn sie sagen: Die Menschenrechte müssen erst erfüllt sein, bevor sie die Spiele an ein Land vergeben. Wie gehen sie dann mit einem Land um, das auf einem fremden Kontinent einen nicht von den Vereinten Nationen legitimierten Krieg führt, das die Todesstrafe verhängt und auf dessen Territorium aufgrund ausdrücklicher Intervention seines Präsidenten der Geheimdienst foltern darf?
Das Gespräch führte Evi Simeoni.
Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 30
Bildmaterial: AP