Meinungsfreiheit bei Olympia

„Abstand nehmen von Demonstrationen“

15. Mai 2008 Olympia und Politik sind für den ehemaligen Eisschnelläufer Christian Breuer mittlerweile dasselbe Thema: Der 31 Jahre alte Aktivensprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes über das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht, keine Meinung zu äußern.

Am Mittwoch hat der Beirat der Aktiven gemeinsam mit DOSB-Generaldirektor Michael Vesper über die freie Meinungsäußerung der Athleten während der Olympischen Spiele in Peking gesprochen. Sind jetzt alle Unklarheiten beseitigt?

Wir Sportler sind keine Juristen. Deshalb möchten wir wissen, woran wir sind. In gewissen Bereichen haben wir nun ganz klare Definitionen bekommen, was man darf, ohne gegen die Olympische Charta zu verstoßen.

Zum Beispiel?

Es wurde definiert, was zu den olympischen Stätten gehört, an denen Demonstrationen verboten sind. Das sind die Bereiche, zu denen man eine Akkreditierung braucht. Wenn die Akkreditierung des Sportlers gescannt wird, ist es, als verliefe dort eine blaue Linie und die olympische Stätte beginnt.

Und was dürfen Sie nun jenseits der blauen Linie noch?

Man muss Abstand nehmen von Demonstrationen oder Propaganda, wobei Propaganda ein Begriff ist, den ich sowieso ablehne, der ist zu negativ behaftet. Der Sportler kann sich aber in den Bereichen der Mixed Zone, wo er mit Journalisten zusammentrifft, frei äußern. Genauso wie in Einrichtungen, die nicht der IOC-Charta unterliegen, aber trotzdem für Olympia genutzt werden wie etwa dem Deutschen Haus. Nicht erlaubt sind Banner, Buttons, Bändchen, die mit einer Meinungsäußerung verbunden wären. Ich kann das nachvollziehen. Wir reden zwar im Moment explizit über den Konflikt Chinas mit Tibet. Doch noch nicht einmal ein Drittel aller Staaten in der Welt werden demokratisch geführt. Man muss sich mal vorstellen, was es bedeuten würde, wenn bei Olympia Diktatoren auf Buttons als Märtyrer gefeiert würden. Das wäre fatal.

Es kann doch nicht falsch sein, in den Olympia-Anlagen etwa ein weißes Bändchen gegen Doping zu tragen?

Nein. Es muss aber auch nicht richtig sein. Wenn ich andere Möglichkeiten habe, mich zu äußern, mache ich das eben auf diesem Wege.

Haben Sie nicht trotzdem das Gefühl, dass das IOC das Grundrecht der freien Meinungsäußerung einschränkt?

Natürlich wollen wir das Recht des Sportlers wahren. Man möchte nicht beschnitten werden. Aber natürlich unterwerfen wir uns als Sportler den verschiedensten Regularien. Die Athleten können sich ja zu jeder Zeit äußern. Man muss sie aber auch schützen. Ich will auf keinen Fall, dass Sportler in den Zugzwang geraten, etwas zu tun. Sie müssen auch in der Lage sein, keine Stellung zur China-Politik zu beziehen. Nicht alle haben Rhetorik-Seminare besucht und manche fürchten, missverstanden zu werden.

Ist denn das Thema unter den Sportlern noch so brisant wie vor zwei Monaten?

Es ist angesichts der Bilder von der Erdbebenkatastrophe in China ruhiger darum geworden. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Soldat, der gerade versucht, mit bloßen Händen Leute freizuschaufeln, nicht darauf schaut, welcher ethnischen Gruppe dieser Mensch angehört, ob es ein Chinese oder ein Tibeter ist – der möchte einfach nur leben.

Das Thema Politik wird aber sicher wieder in den Blickpunkt rücken.

Wir überlegen, dass wir uns als Athletenvertretung vor den Spielen noch einmal zu dem Thema äußern. Aber auch mit der Bitte, Leute, jetzt lasst uns zwei Wochen lang Sport machen. Natürlich sind die Menschenrechte eines der wichtigsten Themen auf der Welt. Aber Olympia könnte auch die falsche Bühne sein – wenn ein Sportler gerade den größten Erfolg seiner Laufbahn erreicht hat, will er vielleicht nicht gerade zu diesen Themen befragt werden.

Können Sie die Athleten auf solche Situationen vorbereiten?

Sportler sind Spezialisten und nicht unbedingt Experten für chinesische Innenpolitik. Manche reisen erstmals in dieses Land. Sie können sich an uns wenden, wenn sie nicht wissen, wie sie sich angesichts von Fragen zu diesem Thema verhalten sollen. Außerdem sträubt es mir die Haare, wenn ich an dem einen Tag eine politische Debatte führen muss mit dem Sprecher des Auswärtigen Ausschusses, und am nächsten Tag höre ich im Radio, dass man die Rechte am Transrapid nach China verkauft. Und das in der Hauptphase der Olympiadebatte. Das ist für mich inkonsequent und nicht mehr glaubhaft.

Verunsichert Sie nicht auch der Hinweis, dass neben der Olympischen Charta auch die Landesgesetze eingehalten werden müssen? Gerade beim Thema Meinungsfreiheit?

Dass die Landesgesetze gelten, ist überall gleich. In Deutschland könnte ich als erwachsener Mensch mit einer offenen Bierflasche über die Straße rennen, da sagt niemand etwas. In Amerika kommt die Polizei. Natürlich geht es in dieser Debatte um fundamentale Menschenrechte. Es sind Rechte, an die wir aufgrund unseres Grundgesetzes haben. Ich finde es gut, dass die Menschen nun erkennen, welch hohes Gut unser Grundgesetz und die darin eingebetteten Menschenrechte bedeuten.

Das Gespräch führte Evi Simeoni.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb