Olympia-Kommentar

Der alte Jacques

Von Evi Simeoni

10. April 2008 In vier Monaten beginnen die Olympischen Spiele in Peking. Genau am 8.8.08. Ein Glücksdatum – so sieht man das in China. Jacques Rogge allerdings, der belgische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), birst nicht vor Vorfreude. Am liebsten, das sagte er am Donnerstag in Peking, würde er sogar die Zeit zurückdrehen. Weit zurück.

So weit, dass alle seine Sorgenfalten sich wieder glätteten. Er hätte wieder mehr Haare, wäre optimistisch und siegesgewiss und säße wieder ganz allein mit dem Wind in seinem Finn-Dinghi, dem Segelboot, mit dem er einst Weltmeister wurde und an drei Olympischen Spielen teilnahm. Oder er würde wieder als junger drahtiger Wilder dem Rugby-Ei hinterherjagen – Rogge war belgischer Nationalspieler.

Ein Sanatorium für gestresste Funktionärs-Seelen

Ja, das waren Zeiten. „Goldene Zeiten“, sagte Jacques Rogge in Peking, und plötzlich kam wieder Glanz in seinen Blick. Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Aus dem Sportler Rogge wurde ein Funktionär, dann der höchste Sportfunktionär der Welt, und am Donnerstag saß er da, 65 Jahre alt, blass und erschöpft auf einem Podium vor der internationalen Presse und wäre am liebsten der Jacques von einst gewesen – und wohl auch an einem anderen Ort.

Doch wohin? Er wolle sich, sagte Rogge, während der Olympischen Spiele so häufig wie möglich im Olympischen Dorf aufhalten, bei den Sportlern. Dies sei für ihn ein Hort des Friedens, der schönste Platz auf Erden. Er will wieder den Atem der Jugend spüren und stellt sich eine unverdorbene Versammlung schöner Geister in schönen Körpern vor. Ein Sanatorium für gestresste Funktionärs-Seelen also. Romantik pur.

Schön ist es in den Olympischen Dörfern

Ach, wie schön, von einer Insel zu träumen, wenn man gerade im Fernsehen die Bilder von der Karikatur eines Fackellaufes in San Francisco gesehen hat. Wenn man gerade von Premierminister Wen Jiabao wiedergekommen ist und dort mit Worten gegen Windmühlenflügel gekämpft hat. Wenn auf der einen Seite die Meinungsmacher des Westens und auf der anderen das rücksichtslose chinesische Regime an einem zerren. Er sei nur noch Krisenmanager, klagte Rogge in Peking.

Ja, schön ist es in den Olympischen Dörfern. In Sydney 2000 hätte er da die glamouröse Marion Jones treffen können, der das IOC erst kürzlich wegen Dopings ihre fünf Medaillen in der Leichtathletik aberkannt hat. Oder die Radfahrer Jan Ullrich und Alexander Winokurow. Vier Jahre später in Athen hätte er – bei rechtzeitigem Eintreffen – noch die Flucht von Ekaterini Thanou und Kostas Kenteris vor einer Doping-Kontrolle miterleben können. Und er hätte den Ungarn Annus und Fazekas die Hand schütteln können, die später mit der unappetitlichen Anwendung von Fremd-Urin die Spiele beschmutzten.

Wer ist eigentlich verantwortlich für die Lage?

Zugegeben: Rogge wird im Sommer im Athletendorf auch gute Leute treffen. Verantwortungsvolle Sportler, Menschen mit Selbstachtung und Ehre im Leib. Die allerdings sind womöglich gar nicht gut auf ihn zu sprechen. Schließlich war es das IOC, das sie nach Peking geschickt hat. Nun sollen sie mit der politischen Lage in einer aggressiven Diktatur fertig werden, obwohl sie sich eigentlich auf ihren Sport konzentrieren wollten.

Sich mit dem Unterschied zwischen Meinungsäußerung und Propaganda befassen und der Frage, wer eigentlich verantwortlich ist für die verfahrene Lage der Olympischen Spiele. Da ist es gut, dass Rogge kommt. Dann können sie die Frage, welche Institution ihre Welt so hat werden lassen, gleich mit dem Präsidenten diskutieren.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP