Ein Massenspektakel zum Auftakt

Die Spiele sind eröffnet - das Feuer brennt

Von Evi Simeoni, Peking

Auf diesen Moment haben alle gewartet

Auf diesen Moment haben alle gewartet

09. August 2008 So was hat die Welt noch nicht gesehen. Im Vogelnest zu Peking rumste, krachte und glitzerte es, als fielen sämtliche Silvesterfeiern vom olympischen Premierendatum 1896 bis heute auf einen Tag. Dabei schrieb man den 8. 8. 2008, einen Glückstag in der Volksrepublik, als vier Milliarden Fernsehzuschauer auf das 1,3-Milliardenreich blickten. Irgendwo feierten gleichzeitig angeblich 10.000 Paare ihre Hochzeit.

Im Vogelnest aber wurde China zelebriert. Oder vielmehr ein Gegenbild dessen, wofür China in der westlichen Welt häufig steht. Nicht der ins Bedrohliche wachsende Wirtschaftsgigant, sondern eine Nation mit uralter Kultur, faszinierenden Klängen und Traditionsbildern.

Nicht die gigantische Bevölkerungszahl, sondern Massenbilder von seltsam geballter Kraft. Nicht die auf West-Beobachter erschreckende Härte der Diktatur, sondern das, was ein straff organisiertes Land leisten kann, wenn es sich unendlich anstrengt.

Flug durchs Vogelnest von Li Ning

Ein teures, perfektes Spektakel, gestaltet vom künstlerischen Direktor Zhang Yimou, das die Zuschauer in Peking verzauberte und gleichzeitig nach außen deutlich machte, wie die Welt China wirklich sehen soll. Die olympische Eröffnungsfeier - das ist zwar kein Sportereignis, dafür eine effektive Mischung aus Werbespots für das Veranstalterland und verstaubten Formeln, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) in der Tradition des Gründers Pierre de Coubertin wohl nie ändern wird: Fahnen und Hymnen, Formeln und Eide, kurze Ansprachen und ein langer Einmarsch der Nationen.

Um 23.36 Uhr Ortzeit (17.36 Uhr MESZ) erklärte schließlich der chinesische Staatspräsident Hu Jintao die XXIX. Sommerspiele im Nationalstadion mit den traditionellen Worten für eröffnet. Zuvor sagte IOC-Präsident Jacques Rogge, China habe lange davon geträumt, seine Tore für die Sportler der Welt zu öffnen: „Heute wird dieser Traum Wirklichkeit.“ Er rief die Sportler auf, Vorbilder für die Jugend zu sein und sich dem Doping zu verweigern. Der dreimalige Kunstturn-Olympiasieger Li Ning hat schließlich um 00.04 Uhr Ortszeit (18.04 Uhr MESZ) nach einem spektakulären Flug durchs Vogelnest das Olympische Feuer entzündet.

„Olympic Green“ als Hochsicherheitszone

Bei allen Olympischen Spielen verzichten Athleten auf dieses kräftezehrende Abendprogramm. Meistens allerdings aus sportlichen Gründen. Manche, weil sie sich bereits auf ihre Wettkämpfe der nächsten Tage vorbereiten, andere sind noch gar nicht da. Diesmal allerdings blieb zum Beispiel die deutsche Fechterin Imke Duplitzer aus Protest gegen das chinesische System der Feier fern. Staatschef Hu Jintao, IOC-Präsident Jacques Rogge, dem amerikanischen Präsidenten George Bush, dem französische Präsidenten Nicolas Sarkozy, dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin und nahezu 90 weiteren hohen Gästen dürfte ihr Fehlen nicht weiter aufgefallen sein.

Scharfe Sicherheitsvorkehrungen in der weitläufig stillgelegten Stadt hatten den Sportstätten-Komplex „Olympic Green“ schon am Morgen in eine Hochsicherheitszone verwandelt. Dafür machte ein Sportler mitten im Stadion großen politischen Eindruck: Der 1500-Meter-Läufer Lopez Lomong, ein Flüchtling aus dem Sudan, der Stars and Stripes ins Stadion trug: Ein Aktivist gegen die chinesischen Waffenlieferungen in das vom Bürgerkrieg heimgesuchte Land seiner Kindheit.

Langes und aufwendiges Training

Ein Gegenbild zum chinesischen Flaggenträger war er allerdings nicht: Kultur-Wanderer Yao Ming, Basketballriese aus Schanghai, der in der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA Karriere gemacht hat, führte eine mehr als 600 Sportler starke Mannschaft an, die mit einem klaren Auftrag in Peking an den Start geht: Die meisten Goldmedaillen aller Länder zu gewinnen. Deutschland hingegen, das mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen Star der NBA zum Anführer bestimmt hatte, muss froh sein, wenn es seinen sechsten Rang von Athen 2004 wieder erreichen kann. IOC-Präsident Jacques Rogge jedenfalls sagte voraus, dass dies die Spiele des asiatischen Kontinents würden. Nicht nur Chinas, sondern auch Koreas und Japans.

14.000 Menschen wirkten am 90 Minuten langen, von China gestalteten Teil der Vorführung mit, bei dem unter massivem Feuerwerkseinsatz viele Elemente der chinesischen Kultur in aufwendigen Bildern inszeniert wurden. 9000 davon waren Mitglieder der Kulturtruppe der Nationalen Volksbefreiungsarmee, die unendlich langes und aufwändiges Training hinter sich hatten. In einer musikalischen Passage, ließ der Veranstalter stolz verlauten, hätten 600 Soldaten so gleichförmig agieren müssen, dass sie sogar ihre Gesichtsausdrücke in harten Übungsstunden harmonisieren mussten.

Das Sultanat Brunei fehlte

Ähnlich dramatischen Einsatz zeigte in der Vorbereitung das Dalian Sing- und Tanz-Ensemble. Einmal habe eine Probe von sieben Uhr am Morgen bis drei Uhr in der folgenden Nacht gedauert. Bei einer verregneten Übungsstunde im Kampfsport nach Shaolin-Tradition, hätten sich gleich 16 Teilnehmer verletzt.

Alle 205 Nationen, so hoffte das Internationale Olympische Komitee bis zuletzt, sollten Mannschaften zu den Spielen der XXIX. Olympiade entsenden: Alle Länder im Nest. Doch am Ende fehlte dann doch eins. Ausgerechnet das schwerreiche Sultanat Brunei schaffte es nicht, Athleten für die Spiele zu melden, woraufhin dessen Nationales Olympisches Komitee ausgeschlossen wurde. Man habe bis zuletzt versucht, das Land zur Teilnahme zu bewegen, hieß es beim IOC.

Nord- und Südkorea marschierten getrennt

Auch mit einer schwerer wiegenden Bemühung scheiterten die Olympier. Die Mannschaften aus Nord- und Südkorea marschierten diesmal beim Defilee der Nationen nicht gemeinsam ins Olympiastadion ein. Bis kurz vor Schluss hatte IOC-Präsident Jacques Rogge sich auf dem brieflichen Weg dafür eingesetzt, dass wieder solch ein anrührendes Versöhnungsbild wie 2000 in Sydney und 2004 in Athen zustande kommen würde. Doch das Verhältnis der beiden Bruderländer ist inzwischen so schlecht, dass es nicht einmal mehr möglich war, sie nacheinander an den 91.000 Zuschauern vorbeiziehen zu lassen. Nordkorea rutschte schließlich außerhalb der protokollarischen Ordnung vier Positionen weiter zwischen Montenegro und Chile. Nationales Denken und Sport lassen sich eben nicht trennen. Gerade in China nicht, das mit den Spielen die Chance nutzen wird, sich als Führungsnation zu positionieren.

Schaut her, lautet das Signal aus dem Vogelnest. Wir haben nicht nur in der Vergangenheit das Schießpulver und den Buchdruck erfunden. Wir sind die Zukunft.


Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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