Von Christoph Giesen
29. März 2008 Bruno Gongoll hatte noch gehofft, bis zuletzt. Doch als der Bundestag am 23. April 1980 einstimmig den Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau beschloss, wusste er, dass es zu spät war. 60.000 Mark Lizenzgebühren hatte Gongoll nach Moskau überwiesen und in großem Stil das Olympia-Maskottchen, den russischen Braunbär Mischa, als Aufblaspuppe produziert.
Das Aus hat meinem Vater große finanzielle Sorgen bereitet, erinnert sich Thomas Gongoll, der damals 18 Jahre alt war und im Familienbetrieb arbeitete. Seit 1993 leitet er die Solinger Filiale des gleichnamigen Spielwaren- und Freizeitladens. Auf dem Schreibtisch von Thomas Gongoll sitzt noch heute der kleine frech grinsende Braunbär mit den fünf olympischen Ringen auf dem Bauch. Nach dem Boykott sind wir den Mischa überhaupt nicht losgeworden, am Ende haben wir den Rest als Wurfmaterial für den Karneval gespendet.
EU-Kommissarin drohte mit Boykott - viele fordern Rückzug der Sponsoren
Gongolls Schicksal könnte sich wiederholen. 1980 sorgte der Afghanistan-Einmarsch der Roten Armee für das Fernbleiben des Westens. 28 Jahre später drohen Politiker in Europa und den Vereinigten Staaten nach der blutigen Niederschlagung von Demonstrationen in Tibet damit, die Spiele im August in Peking zu boykottieren.
Der neueste Vorstoß kam von der EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner. Die Olympischen Spiele können nur in einem Umfeld stattfinden, das den olympischen Geist widerspiegelt. Dazu gehört die Respektierung der Menschenrechte, ebenso die uneingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit, sagte sie der Bild am Sonntag. Wir sollten uns genau anschauen, wie sich Peking in den nächsten Wochen verhält - und dann über Boykottmaßnahmen entscheiden. (Siehe dazu auch: EU-Außenkommissarin droht mit Olympia-Boykott).
Immer mehr Stimmen fordern inzwischen auch, die Sponsoren sollten sich zurückziehen. Doch inzwischen geht es um sehr viel mehr Geld als damals Bruno Gongoll und andere für das Sponsoring der Spiele in Moskau bezahlt hatten: Die zwölf Großsponsoren für die Pekinger Spiele haben insgesamt 866 Millionen Dollar für die exklusiven Vermarktungsrechte hingeblättert. Und ein Großteil der Summe ist schon geflossen.
Kulturelle und soziale Vorteile
Zwar dürften die meisten Unternehmen gegen einen Boykott versichert sein und einen Teil der gezahlten Gelder zurückerhalten - doch wichtiger als die Werbegelder ist es den einzelnen Firmen, in China präsent zu sein und es sich mit der chinesischen Regierung nicht zu verderben. Entsprechend schmallippig sind die Erklärungen zu einem möglichen Boykott der Spiele.
Maidanglao, wie sich McDonald's, der größte Burgerbrater der Welt, auf Chinesisch nennt, ist in der Volksrepublik mit mehr als 800 Restaurants vertreten. Jährlich kommen 100 neue Filialen hinzu. McDonald's glaubt an den Geist der Spiele und an die einzigartige Fähigkeit, die Welt konstruktiv und positiv zu begeistern, heißt es nebulös in einer Erklärung von McDonald's.
Ähnlich sieht es bei Coca-Cola aus. Der Brausehersteller aus Atlanta äußert sich sehr zurückhaltend: Als dienstältester Partner der olympischen Bewegung wissen wir und sind davon überzeugt, dass Olympische Spiele einen positiven Beitrag leisten und dem Gastgeberland auch kulturelle und soziale Vorteile bringen können, erklärt eine Sprecherin. Coca-Cola ist seit 1986 Sponsor der Olympischen Spiele. Bis 1984 konnten die Veranstalter in Eigenregie Lizenzen vergeben, auch an Mittelständler wie Bruno Gongoll. Es hat ein Sammelsurium an Verträgen gegeben und fast kein Geld gebracht, sagt Wolfgang Maennig, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Hamburg.
Es ist nicht unsere Rolle als Sponsor, die Politik der Regierung zu beeinflussen
Seit 1985 kümmert sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) selber um die Vermarktung der Spiele. Der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch rief das sogenannte Olympia-TOP-Programm ins Leben, wodurch das chronisch klamme IOC innerhalb kurzer Zeit zu einer Wirtschaftsmacht mutierte. Drei Jahre nach dem TOP-Beschluss überwiesen neun Firmen 96 Millionen Dollar, um bei den Winterspielen im kanadischen Calgary und bei der Sommerolympiade in Seoul exklusiv mit dem Olympia-Logo werben zu dürfen. Seitdem sind die Preise in die Höhe geschossen. Heute müssen TOP-Unterstützer bis zu 100 Millionen Dollar zahlen, um sich die Exklusivrechte zu sichern.
Auch der amerikanische Mischkonzern General Electric (GE) hat kräftig investiert. Gebetsmühlenartig verkündet eine Sprecherin, wie wichtig die Trennung zwischen Sport und Politik sei: Es ist nicht unsere Rolle als Sponsor, die Politik der Regierung zu beeinflussen. Seit 2005 ist GE einer der TOP-Sponsoren der Spiele und hat auf dem chinesischen Markt mit der Konkurrenz durch den deutschen Mitbewerber Siemens zu kämpfen. Die Olympia-Kampagne, so die Hoffnung der Marketing-Strategen, soll den Bekanntheitsgrad der Amerikaner in der Volksrepublik steigern.
Eine Sorge, die Volkswagen nicht hat. 1984 führte VW das Modell Santana in China ein und ist seitdem eine der bekanntesten Marken im Land. Im vergangenen Jahr verkaufte VW mehr als 900.000 Autos in der Volksrepublik. Im kommenden Jahr wollen die Wolfsburger erstmals mehr Fahrzeuge in China als in Deutschland absetzen. Volkswagen gehört zwar nicht zu den zwölf Großsponsoren der Spiele, unterstützt aber den olympischen Fackellauf.
Die Olympischen Spiele dienen doch der Völkerverständigung
Ende vergangener Woche bekam der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn Post von der Initiative International Campaign Free Tibet. Bunte VW-Fahrzeuge auf Straßen, die kurz zuvor Schauplatz blutiger Ereignisse waren, wären für die deutsche Öffentlichkeit unerträglich, heißt es in dem Schreiben. In Wolfsburg lehnt man die Boykottforderung ab. Man verfolge die Entwicklungen in Tibet mit Sorge, aber es sei die Aufgabe der Politik, den Konflikt zu lösen. Wir werden uns auch weiterhin für die Olympiade engagieren, schließlich dienen die Olympischen Spiele doch der Völkerverständigung, sagt ein VW-Sprecher.
In den kommenden Tagen dürfte auch beim Logistikkonzern Schenker Post von der Tibet-Initiative eintreffen. Schenker organisiert als offizieller Partner den Transport und die Logistik der Spiele. Wir halten an unserem Engagement fest, sagt eine Sprecherin. Schenker sorge unter anderem für die Lieferung der Ausrüstung für die Medienvertreter in China und somit dafür, dass die freie Presse von den Spielen in Peking berichten könne.
Davon profitiert auch Thomas Gongoll. Er wird sich die eine oder andere Entscheidung im Fernsehen anschauen. Nach Peking will er aber in diesem Sommer jedenfalls nicht reisen: Unsere Familie hat einmal Pech mit Olympia gehabt, das reicht.

Text: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite 20
Bildmaterial: AP, REUTERS