Cornelia Linse, ehemalige DDR-Ruderin

„Als Trostpflaster gab's eine Reise nach Kuba“

25. März 2008 Der Deutsche Olympische Sportbund schloss am Montag einen Olympia-Boykott kategorisch aus. 1984 boykottierte der Ostblock die Spiele in Los Angeles. Cornelia Linse, damals Ruderin in der DDR, durfte in den Vereinigten Staaten daher nicht teilnehmen. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über geplatzte Träume, Ersatz-Olympia in Luzern und Kokosnüsse in Kuba.

Sie waren 1980 in Moskau Olympia-Zweite mit dem Ruder-Doppelzweier. In Los Angeles 1984 wollten Sie für die DDR im Einer starten. Dann kam der Boykott des Ostblocks. Wie haben Sie davon erfahren?

Wir waren in der Sportschule Berlin-Grünau. In einer Mittagspause Ende Mai oder Anfang Juni hat man uns zusammengerufen und mitgeteilt, dass wir nicht zu den Spielen fahren würden. Das konnten wir erst einmal nicht glauben. Dann sind wir die Treppe heruntergegangen. Unten war immer ein Schild gewesen: Noch soundsoviel Tage bis Olympia. Dieses Schild war schon weg. Und unsere Träume waren beendet.

Hat man Ihnen gesagt, wieso Los Angeles boykottiert wird?

Man hat gesagt, die Sowjets hätten Bedenken gehabt, dass unsere Sicherheit nicht gewährleistet sei.

Haben Sie das geglaubt?

Nicht so richtig. Wir haben an eine Retourkutsche gedacht für 1980.

Können Sie damit etwas anfangen?

Nein. Es ist mir später klargeworden, um welches Erlebnis man uns gebracht hat. Besonders vier Jahre später, als die Olympischen Spiele in Seoul stattfanden und alle Welt teilgenommen hat. Ich bin 1984 erstmals Einer gefahren und habe bei Ersatz-Olympia in Luzern alle geschlagen, die in Los Angeles Medaillen gewonnen haben. Das war bitter, dass ich die locker im Griff gehabt hätte.

Ersatz-Olympia?

Das war kurios. Die DDR war zu diesem Zeitpunkt die führende Ruder-Nation. In anderen Sportarten wurden Wettkämpfe der Freundschaft ausgetragen. Wir im Rudern hatten großes Glück, dass es die internationale Rotsee-Regatta gibt. Dort haben sich schon immer die Besten aus allen Nationen getroffen. Das war für uns Ersatz-Olympia. Bis auf die Sowjets waren alle da, und alle wussten, wenn sie die DDR schlagen, dann haben sie auch später zu Recht die Olympia-Medaillen gewonnen. Schon bei der Regatta im Juni in Grünau ging ein kanadischer Ruderer vor mir, auf dessen T-Shirt stand: Canadian Rowing Team for LA. Das LA war durchgestrichen, und darüber stand Luzern. Solch eine Rotsee-Regatta habe ich dann noch nie erlebt. So voller Anspannung und auch Freude.

Und?

Ich habe gewonnen. Und die Rumänin, die mit deutlichem Abstand Zweite wurde, wurde dann später Olympia-Siegerin. Das war schon ein Hammer. Zumal ich wegen des Studiums aufhören wollte. Ich habe dann noch ein Jahr weitergemacht und bin 1985 in Belgien Weltmeisterin im Einer geworden.

Gab es denn eine staatliche Entschädigung für den Olympia-Verzicht?

Wir haben sogar unsere Olympia-Einkleidung bekommen, von der alle Embleme entfernt waren. Als Trostpflaster gab es außerdem noch die Reise mit der Völkerfreundschaft nach Kuba.

Das Schiff hieß Völkerfreundschaft?

Ja. Ein Doppelsinn. Es gab eine Einstufung, wer wohl Olympia-Sieger oder Medaillengewinner geworden wäre. Aber die Reise war schon bitter. Man hat sich ausgetauscht mit den Wintersportlern, die ja wirklich bei Olympischen Spielen gewesen waren. Die Bob-Leute zum Beispiel. Natürlich haben wir die Reise genossen, wir gehörten zu einem ausgewählten Kreis, aber es war eben nur ein Trostpflaster. Wir sind zwei Wochen rübergeschippert, haben zwei Wochen da Urlaub gemacht und sind dann wieder zurückgeflogen.

Haben Sie sich über die Kokosnüsse gefreut?

Na ja. Die hingen am Baum. Sonst hatten wir sie höchstens einmal im Laden gesehen.

Gab es in der DDR Kokosnüsse im Laden?

Doch. Manchmal. Manchmal gab es ja sogar Ananas. Dann wieder eine Weile nicht. Aber das finde ich nicht so primär.

Sie waren damals 24 und hatten als Leistungssportlerin sicher schon außergewöhnlich viele Reisen gemacht.

Ich gehöre zu der Generation, die nicht die großen Reisen machen konnte. Ich war '79 bis '85 aktiv. Da war '79 die WM in Bled, '80 Moskau, '81 WM in München, '82 WM in Luzern, '83 WM in Duisburg. 1984 Los Angeles wäre die Top-Reise gewesen.

Hatten die Moskauer Spiele nicht auch einen hohen Erlebniswert?

Sportlich schon. Im Rudern kamen die Besten sowieso aus dem Osten. Aber wir durften zum Beispiel bei der Eröffnungsfeier nicht einmarschieren. Wegen Drohungen. Das kommt immer wieder hoch.

Die Fragen stellte Evi Simeoni.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.03.2008, Nr. 12 / Seite 24
Bildmaterial: Imago Sportfotodienst