Olympische Eröffnungsfeier

Empörung über Manipulationen

Von Petra Kolonko, Peking

Kinder aus 56 Volksgruppen?

Kinder aus 56 Volksgruppen?

17. August 2008 Damit hatten die Olympia- Organisatoren nicht gerechnet. Als enthüllt wurde, dass bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele geschummelt worden war, erhob sich ein Sturm der Entrüstung in China, der sich vor allem im Internet niederschlug. Es gab so viele Proteste, dass der Zensor sich veranlasst sah einzuschreiten.

Derzeit lassen sich nur noch die wenigsten der Beschwerden im Internet nachlesen. Wenn man etwa auf den chinesischen Google-Seiten nach dem Stichwort „Manipulation bei der Eröffnungsfeier sucht“, findet die Suchmaschine mehr als hunderttausend Einträge, doch viele lassen sich nicht öffnen. Stattdessen liest man den Hinweis: „ Wegen örtlicher gesetzlicher Bestimmung lassen sich einige Einträge nicht anzeigen“. Das Propagandaministerium hat Anweisung gegeben , dass über dieses Thema nicht mehr diskutiert werden darf. Kritik an den Spielen darf nicht öffentlich geäußert werden. Vor zehntausenden Gästen und Journalisten ist derzeit nur Positives zu vermelden.

Der Perfektion nachgeholfen

Die angeblichen Kinder nationaler Minderheiten: fast alle Angehörige der Mehrheitsethnie der Han-Chinesen

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Die Regisseure hatten bei der in aller Welt als spektakulär bewerteten Eröffnungsfeier mit zwei technischen Tricks der Perfektion nachgeholfen. Die von einem kleinen Mädchen gesungene „Hymne an das Vaterland“ wurde mit dem Playback der Stimme einer anderen jungen Sängerin eingespielt. Und die 29 mit einem Feuerwerk in den Pekinger Himmel gesetzten Fußspuren, die im Fernsehen und auf dem Bildschirm im Stadion zu sehen waren, waren nicht echt, sondern bis auf eine einzige vorher per Computer aufgezeichnet worden.

Dann stellte sich auch noch heraus, dass die im Programm als „Kinder aus den 56 chinesischen Volksgruppen“ angekündigten jungen Mitwirkenden, die unter Hinblick auf die Diskussion über Tibet als Demonstration eines vermeintlich friedlichen Zusammenlebens der Volksgruppen eine chinesische Flagge ins Stadion trugen, tatsächlich größtenteils der Mehrheits-Ethnie der chinesischen Han angehörten und für ihren Auftritt nur die Trachten der verschiedenen Volksgruppen trugen.

„Betrug mit dem Geld der Steuerzahler

„Die Eröffnungsfeier ist die Darstellung eines Landes und der Stolz eines Landes, wie kann man da so etwas machen“, schrieben Internet-Nutzer. „Wir sind sehr enttäuscht.“ „Warum sollen wir Ehrlichkeit für solche so genannten nationalen Interessen und Perfektion aufgeben?“ hieß ein anderer Kommentar. Es sei das Geld der Steuerzahler, wie könne man da die nationalen und internationalen Zuschauer betrügen, lautete eine weit verbreitete Kritik. Dabei sind chinesische Fernsehzuschauer eigentlich an allerlei Manipulationen gewöhnt. „Live -Sendungen“ im chinesischen Fernsehen sind oft aufgezeichnet oder werden mit einer Zeit-Verzögerung von 30 Sekunden gesendet, um zu vermeiden , dass politisch „inkorrekte“ Formulierungen fallen oder Kommentatoren einen Fehler machen.

Dieser Sachverhalt war bislang nur Eingeweihten bekannt und wurde der breiten chinesischen Öffentlichkeit erst kurz vor Beginn der Olympischen Spiele bekannt, weil sich die internationalen Fernsehgesellschaften lautstark und erfolgreich gegen die 30 Sekunden-Verzögerung gewehrt hatten. Playback bei Shows und Gesangsauftritten sind in China wie auch andernorts üblich und haben bis jetzt noch niemanden gestört. Freilich ärgert diesmal die Chinesen, dass das chinesische Mädchen mit der besseren Stimme nicht auftreten durfte, weil sie angeblich nicht hübsch genug war. Am Tag, als die offiziellen Medien noch das süße Mädchen mit der schönen Stimme feierten und zum Star erklärten, stellte sich schon heraus, dass es gar nicht ihre Stimme gewesen war, die die Milliarden von Zuschauern entzückt hatte.

Ein schönes Mädchen ohne Stimme

Anscheinend hatte sogar jemand aus dem Politbüro gefordert, die „Hymne an das Vaterland“ sollte doch bitte von einem schöneren Mädchen gesungen werden. Regisseur Zhang Yimou, der die „Hymne an das Vaterland“, ein Revolutionslied, das bei keiner öffentlichen Veranstaltung fehlen darf, von der Marschmusik zu einem sanften Liebeslied umschreiben ließ, folgte dieser Anweisung. Die Fälschung erboste viele, und viele bemitleiden das Mädchen, das nur seine Stimme ausleihen durfte. Wenn Schönheit der Maßstab sei, dann hätte man doch auch den wenig ansehnlichen Sänger des Olympia-Schlagers, Liu Huan, auswechseln sollen, hieße es.

Teile des Feuerwerks gab es nur im Computer

Teile des Feuerwerks gab es nur im Computer

Nachdem sich der große Schleier der Geheimhaltung gelüftet hatte, wurden nun auch noch andere Pannen bei der Eröffnungsfeier bekannt. Eine Tänzerin stürzte bei den Proben von einer Bühne, die nicht richtig befestigt war und verletzte sich am Rückgrat, sie wird wahrscheinlich ihr Leben lang gelähmt bleiben. Regisseur Zhang Yimou berichtete der Zeitung „ Nanfang Zhoumo“, dass es in der letzten Szene der Feier beinahe zu einem Unfall gekommen wäre. Kurz bevor Chinas früherer Star-Turner Li Ning als letzter die Olympische Fackel übernehmen und mit ihr in die Höhe steigen sollte, stellte er fest, dass er irgendwo festhing. Es gelang ihm, Arbeiter auf sich aufmerksam zu machen, doch die Sicherheitskräfte wollten diese zuerst nicht zu ihm durchlassen. Erst in letzter Minute konnte ein Arbeiter Li Ning losmachen, und er wurde nach oben gezogen.

Die Tatsache, dass die Kinder aus den nationalen Minderheiten in Wirklichkeit Han-Chinesen waren, regt hingegen in China niemanden auf. Denn diese Maskerade ist in überall China üblich. So sind etwa in manchen Regionen der Minderheiten sogar die Reiseführer Chinesen, tragen aber bei Führungen die Trachten der Minderheiten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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