Fernsehsport

Der Handball rockt

Von Michael Hanfeld

Dramatische Bilder: Handball-WM in Kroatien

Dramatische Bilder: Handball-WM in Kroatien

27. Januar 2009 „Handball rockt!“ Mit diesem Spruch wirbt RTL für seine Übertragung der Weltmeisterschaft, und in diesem Fall darf man sagen, die Werbebotschaft übertreibt ausnahmsweise nicht. Wer das sportliche Drama sucht, der hat dieser Tage eine Verabredung mit dem Kölner Privatsender und muss zusehen, dass er seine Dinge bis zum späten Nachmittag erledigt hat. Fernsehkritiker haben es etwas leichter - wenn sie im Büro den Kasten einschalten, ist das schließlich harte Arbeit und kein Vergnügen.

Doch es wäre gelogen, wollte man sagen, es gäbe keine Gründe, freiwillig hinzusehen, mitzubangen, zu hoffen und - in der letzten Minute des Spiels der deutschen Mannschaft gegen Norwegen - mitzuverzweifeln. Es hatte seinen Grund, dass der Bundestrainer Heiner Brand, den die Anhänger des Handballs als tadellosen und auch in der Hitze des Gefechts noch besonnenen Sportsmann kennengelernt haben, die Faust nicht nur in der Tasche ballte, sondern dem Schiedsrichter zeigte. Wir ganz persönlich würden auch im Nachhinein der Einschätzung zuneigen, dass die deutsche Mannschaft von den Referees verpfiffen worden ist. Nun hängt alles vom heutigen Spiel gegen die übermächtig scheinenden Dänen ab (siehe: Handball-WM: Showdown am Schlangenfluss).

„Ganz eigene Qualität“

Mit besonderer Aufmerksamkeit - um es vorsichtig zu sagen - wird den heutigen Spieltag auch der Sportchef von RTL, Manfred Loppe, verfolgen. Ihm und seinem Team ist das Kunststück gelungen, die in diesem Land nach dem Fußball vielleicht populärste Mannschaftssportart aus dem Griff der öffentlich-rechtlichen Sender zu befreien. Für gewöhnlich laufen Verhandlungen um Sportrechte in unseren Breiten so, dass am Ende die ARD und/oder das ZDF den Zuschlag erhält, weil die Öffentlich-Rechtlichen stets noch ein wenig mehr bieten und ganz am Ende, in der Regel von Landespolitikern unterstützt, den Rechteerwerb zum nationalen Erbe erklären.

Bei der seit dem 6. Januar laufenden Handball-WM in Kroatien war das anders. „Auf der Suche nach einer neuen sportlichen Herausforderung“, sagt Manfred Loppe, „sind wir relativ zügig auf die Handball-WM gekommen. Sie hat eine ganz eigene Qualität - mit einer wie stets begeisterungsfähigen deutschen Mannschaft, die sich im Turnier wieder einmal steigert. Und dann vollzieht sich das Ganze in einem eng bemessenen Zeitraum, was die Dramatik von Tag zu Tag steigert. Die WM zu zeigen, darin lag eine Chance wie ein Risiko.“

Fast 10 Millionen Zuschauer

Das Risiko, „mit einem Kaltstart“, wie er sagt, eingegangen zu sein, muss Loppe nicht bereuen. Denn er hat die Zuschauer, die es bislang nicht gewohnt waren, bei RTL Handball oder umgekehrt den Handball bei RTL zu sehen, gewonnen, vor allem die Jüngeren. Bis zu 9,85 Millionen in der Spitze und im Schnitt 7,25 Millionen Zuschauer haben die Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Norwegen (24:25) mitverfolgt, das waren Marktanteile zwischen 28,8 und 33,2 Prozent.

„Wir haben die Weltmeisterschaft nicht im eigenen Land, wir haben keine Fußball-WM als Vorlauf, und trotzdem liegen wir mit im Schnitt 5,05 Millionen Zuschauern über dem Schnitt der vorherigen WM, der bei 4,95 Millionen Zuschauern lag.“ Wobei für ihn der „Erfolg schlechthin“, sagt der Sportchef von RTL, darin liege, die Zuschauerschaft verjüngt zu haben. „Bei den Zuschauern im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren kommen wir auf einen Markanteil von 25,1 Prozent, bei der letzten Handball-WM waren es noch 19,5 Prozent. Wir haben den Handball in die Köpfe der jungen Zuschauer bekommen, der Deutsche Handballbund und insbesondere die Nationalmannschaft haben diese Chance erkannt und sind mitgezogen. Wir sagen: Handball rockt - und er rockt wirklich, er bringt die Leute in Schwingung, er hat sogar eine echte Welle der Begeisterung ausgelöst.“

Die großen Momente

Dass die nicht versiegt, darauf muss man bei RTL heute nun hoffen. Schon das Spiel gegen Norwegen war für den Sportchef von RTL nervenaufreibend, wie für viele andere auch. „Ich habe in Köln in der Regie gesessen und versucht, die Ruhe zu bewahren, was mir aber nicht ganz gelungen ist“, sagt Manfred Loppe. „Das sind eben die großen Momente, die man im Sportfernsehen erlebt, im Positiven wie im Negativen.“

Über die Moderation von Marco Schreyl kann man in diesem Zusammenhang sicherlich streiten. Den „Kaltstart“, von dem der Sportchef Loppe spricht, hat man auch einem seiner Hauptprotagonisten angemerkt, der im Programm von RTL als Allrounder inzwischen eine ähnliche - allerdings nicht ganz so bildschirmfüllende - Rolle spielt wie Kollege Kerner beim ZDF. An der profunden Begeisterung der Spielreporter wiederum ist nicht zu rütteln. Ob und wie es mit dem Handball bei RTL weitergeht, das kann Loppe derweil noch nicht sagen.

Bei den Verhandlungen über die Rechte an der WM - an denen dem Vernehmen nach alle großen Sender Interesse hatten - zählte Loppe darauf, dass nicht nur das Geld, sondern auch der von seinem Sender bekundete Wille zur Mobilisierung den Ausschlag gäbe. Sechs Millionen Euro soll RTL für die WM in Kroatien bezahlt haben. Je nachdem, wie die interne Bilanz von RTL ausfällt, könnte sich das vor der nächsten WM wiederholen. Wobei die Konkurrenz - ganz gleich wie die deutsche Mannschaft heute gegen Dänemark abschneidet - sicherlich eher noch härter wird.

Die Handball-WM zeigt RTL heute von 17 Uhr an, das Spiel Deutschland - Dänemark beginnt um 17.30 Uhr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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