29. Januar 2009 Nur nicht hängenlassen, die letzten Kräfte mobilisieren, noch einmal Verantwortung übernehmen: Die deutschen Handball-Nationalspieler waren am Mittwoch in Aufbruchstimmung, die Reise ging an diesem Tag von Zadar nach Zagreb, zur Schlussvorstellung bei der Weltmeisterschaft.
An diesem Donnerstag nimmt der Weltmeister von 2007 Abschied von dem Championat in Kroatien, er steht vor seinem letzten sportlichen Akt, dem Duell mit Ungarn (15.00 Uhr / Live bei RTL und bei Handball-WM-Live). Die Deutschen können dabei bestenfalls Fünfte werden, das ist allemal ein erstrebenswertes Ziel. Keiner wird sich aufgeben, sagte der Hamburger Torhüter Johannes Bitter, und er kündigte eine Einsatzbereitschaft an, als ginge es um eine Medaille.
Eine konsequente, eine richtige Maßnahme
Fast wäre doch noch alles ganz anders gekommen für Deutschland, fast hätte die Mannschaft von Bundestrainer Heiner Brand den Sprung in das Halbfinale geschafft, es war eine Sache von wenigen Sekunden. Die Polen hatten am Dienstag auf den letzten Drücker die Norweger 31:30 besiegt, mit einem Wurf in das leere Tor. Wäre das nicht geschehen, hätte es in diesem Spiel ein Unentschieden gegeben, hätte Deutschland zum Kreis der vier besten Teams bei dieser WM gehört – ohne ein einziges Mal in der Hauptrunde gewonnen zu haben. Es war ein außergewöhnliches Szenario, und am Mittwoch sagte Bundestrainer Brand süffisant: Es hätte nicht zu diesem Turnier gepasst, wenn wir auf einmal Glück gehabt hätten.
Zu wenig Fortune in Kroatien? Die Deutschen haderten tatsächlich einige Male mit dem Schicksal, aber letztlich konnten sie sich doch zugutehalten, sich mit einem sich wandelnden Team bemerkenswert geschlagen zu haben. Bei den Olympischen Spielen in Peking waren sie in der Vorrunde gescheitert, das war eine herbe Enttäuschung gewesen. Danach verjüngte Brand seine Handball-Gemeinschaft, es war eine konsequente, eine richtige Maßnahme. Der Gummersbacher verfügt nun über ein Ensemble, das offensichtlich Perspektive besitzt, Brand sieht darin auch schon das Team für Olympia 2012.
Mit Verve einigen Fährnissen getrotzt
Waren er und die Spieler direkt nach der 25:27-Niederlage gegen Dänemark noch bitter enttäuscht, wurde das deutsche Gesamtwerk tags darauf doch sehr wohlwollend beurteilt. Er sei nahezu uneingeschränkt zufrieden, sagte Brand. Mehr noch: Das Auftreten seines Teams empfand er als teilweise sensationell. Tatsächlich hatten die Deutschen mit Verve einigen Fährnissen getrotzt, dem Ausfall von Spielmacher Michael Kraus beispielsweise, der Verletzung des Rückraumspielers Pascal Hens, der gegen Ungarn nicht zur Verfügung stehen wird. Für Hens wurde Sven-Sören Christophersen nachnominiert.
Brand hatte nach dem Rückschlag von Peking vor allem die Rückkehr der Begeisterung gefordert; die Spieler scheinen dieses Verlangen beherzigt zu haben. Leidenschaft, Willenskraft: Darüber definieren sie sich in erster Linie. Damit kann man auch mal 20 Fehlwürfe wettmachen, sagte Torhüter Bitter. Der Hamburger betonte auch, dass besondere Nehmerqualitäten in ihm und seinen Kollegen steckten: Wir sind so gestrickt, dass wir über die Grenzen gehen können. Die Teilnahme am Spiel um Platz fünf entspricht dem momentanen Leistungsstand dieses Teams. Damit möglichst bald weitere Fortschritte erzielt werden können, richtete Brand am Mittwoch einen Appell an all jene, die im deutschen Handball an den Schaltstellen sitzen. Alle sind in der Pflicht, sagte er, alle müssen sich engagieren, damit wir wieder eine Macht werden.
Da kann ich nicht so viel falsch machen
Dieser Aufruf zielte in erster Linie auf die Vereine der Bundesliga, auf deren Manager. Von ihnen wünscht sich Brand seit langem mehr Unterstützung, die Klubs sollen das deutsche Element stärken, größeren Wert auf die Ausbildung des nationalen Nachwuchses legen, zum Wohl auch des Nationalteams. Es ist viel mehr drin, sagte Brand in Zadar, wenn alle etwas bewegen wollen. Und er ist ja auch überzeugt davon, dass sich mit dem Handball generell noch einiges bewerkstelligen lässt: Die WM hat gezeigt, dass im Handball enormes Potential liegt. Brand war immer schon Antreiber und Mahner, er scheint fast schon von missionarischem Eifer beseelt zu sein. Mein Steckenpferd, sagte er dieser Tage, ist der deutsche Handball. Dafür kämpfe ich, weniger für mich.
Es ist ein Kampf, bei dem der Bundestrainer bisweilen sogar eine gewisse Ironie offenbart. Er sei in der glücklichen Situation, sagte er über die Zusammenstellung seines neuen Kaders, keine großen Auswahlmöglichkeiten zu haben – da kann ich nicht so viel falsch machen. Brand kann immerhin auf einige aufstrebende Kräfte zählen, auf den Lemgoer Martin Strobel etwa, auf den Großwallstädter Michael Müller, den extrovertierten Torwart Silvio Heinevetter. Überdies ist nicht ausgeschlossen, dass der erfahrene Rechtsaußen Florian Kehrmann und Torhüter Henning Fritz ein Comeback im Nationalteam geben. Der Weg zurück, sagte Brand in Kroatien, kann durchaus offen sein. Das kann ja durchaus auch ein probates Mittel sein, um die Zukunft zu gestalten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS