01. Februar 2009 Neun Schritte sind zurückgelegt, es ist eine erfolgreiche Episode für Kroatien gewesen, aber noch ist nichts gewonnen. Die Mission wird erst erfüllt sein, wenn auch das letzte, das zehnte Stück des Weges absolviert sein wird, wenn Olympiasieger Frankreich geschlagen ist in einem Duell, das als das Traumfinale der Handball-Weltmeisterschaft in Kroatien gilt (17.30 Uhr / live bei RTL und im FAZ.NET-Handball-WM-Liveticker).
Noch einmal ein Kraftakt also an diesem Sonntag in Zagreb, ganz Kroatien hofft auf eine triumphale Schlussvorstellung, auf den großen Wurf seiner Mannschaft, die auf heimischem Boden das Erbe Deutschlands antreten soll. Nichts anderes wird von Kroatien erwartet, von Anfang an war das so bei diesem Championat, das Land fieberte mit seinen Helden, die traditionellen rot-weißkarierten Trikots bestimmten das alltägliche Bild – Zeichen der Verehrung für Ivano Balic und dessen Kollegen, Symbol aber auch für die Sehnsüchte der Nation. Der Druck ist immens für die Asse von Trainer Lino Cervar. Es wird nicht leicht für uns. Wir müssen uns anstrengen, wenn wir Geschichte schreiben wollen, sagt Cervar.

Kroatien ist handballverrückt
Bereits nach der Ouvertüre der WM hatte der übertragende Sender RTL Hrvatska gemeldet, dass 70 Prozent aller Kroaten zugesehen hätten, also mehr als drei Millionen. Das kleine Land ist grundsätzlich sportbegeistert, und es ist im Speziellen handballverrückt. Vlado Sola, der frühere Nationaltorwart, hat die Hinwendung der Kroaten an diesen Sport so beschrieben: Handball ist für uns mehr als nur eine Sportart. Handball ist für uns eine Möglichkeit, Emotionen auszuleben und der ganzen Welt zu zeigen, wer wir sind. Handball ist also eine nationale Angelegenheit.
Sola hatte dem Team angehört, das 2003 Weltmeister wurde, im Finale gegen Deutschland. 2004 ist Sola mit Kroatien Olympiasieger geworden, wieder war Deutschland der Endspielgegner. Vor mehreren Monaten hatte er seine Karriere beendet, Sola arbeitet inzwischen als Experte für RTL Hrvatska. Und nun erzählt er, dass das Land wie ein Treibstoff wirke auf das kroatische Team – es spornt an, es gibt Kraft und Ausdauer.
Kann das Land Balic über die letzte Hürde tragen?
Aber kann das Land Balic, der ein exzellenter Spielmacher sein kann, tatsächlich auch über die letzte Hürde tragen? Balic, der Spanien verlassen hatte und nun bei RK Croatia Zagreb spielt, leidet an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls. Während der WM kam eine Fußverletzung hinzu. Im Halbfinale, beim 29:23 gegen Polen, hatte der kroatische Star nur wenige Akzente setzen können.
Doch Balic, den mancher an seinen guten Tagen als ein Handball-Genie betrachtet, hat derzeit so oder so seinen Platz auf den Titelseiten der kroatischen Zeitungen. Es geht dabei um sportliche Befindlichkeiten, aber auch um das Privatleben des Mannes, dessen Konterfei auf Plakaten und Postern prangt. Balic soll eine neue Freundin haben, eine verheiratete Frau. Das stachelt die Phantasien seiner Landsleute an. Seit Tagen setzen die Kroaten sich intensiv mit diesem delikaten Sujet auseinander, Balic geht diese Art der Anteilnahme natürlich zu weit. Er fühlt sich in seiner Konzentration auf die WM gestört, und er wird mit den Worten zitiert: Lasst mich in Ruhe.
Domagoj, der neue Spielgestalter
Zumindest Balic, der so etwas wie ein dauerhafter Patient geworden ist, dürfte deshalb mit dem Anpfiff an diesem Sonntag von einer gewissen Last befreit werden. Sollte das kroatische Idol den sportlichen Erwartungen nicht gerecht werden, steht ein Talent bereit, das schon einige Einsatzzeiten bei der WM erhalten hatte: Domagoj Duvnjak.
Er verfügt bereits über ausgeprägte Fähigkeiten als Spielgestalter, und doch sagt Duvnjak: Ich bin weit davon entfernt, wie Balic zu sein. Allerdings hinterließ die WM auch bei ihm schon Spuren: Duvnjak hat ein blaues Auge. Kein Grund natürlich nachzulassen: Das Werk muss erst noch vollendet werden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS