Handballstar Nikola Karabatic

Heldenbild mit Kratzern

Von Rainer Seele, Zadar

“Ich bin ein Mann des Wortes“: Nach der WM dürfte sich zeigen, was Nikola Karabatic treibt

"Ich bin ein Mann des Wortes": Nach der WM dürfte sich zeigen, was Nikola Karabatic treibt

27. Januar 2009 Außergewöhnlicher Handballspieler, untadeliger Sportsmann: So glaubte man Nikola Karabatic bisher zu kennen. Der Franzose verzückt in der Bundesliga die Fans des THW Kiel, er gilt generell als herausragende Erscheinung in der Liga. Dazu wird ihm ein beträchtlicher Anteil an den Qualitäten der französischen Nationalmannschaft zugeschrieben, die sich wie Kroatien souverän für das Halbfinale der Weltmeisterschaft in Kroatien qualifiziert hat (siehe: Handball-WM: Frankreich und Kroatien im Halbfinale). Mancher mag ihn sogar als das „Gesicht“ des internationalen Handballs sehen.

In diesen Tagen allerdings ist Karabatic ins Gerede gekommen, und es könnte sein, dass sein Image einige Kratzer bekommt. „Er ist ein Legionär“, sagt Wolfgang Gütschow, ein Mann, der sich seit Jahren intensiv mit dem Handball beschäftigt. Er ist Berater und Manager, zu seinen Kunden zählen mehrere deutsche Nationalspieler, darunter der Hamburger Pascal Hens oder Michael Müller vom TV Großwallstadt.

Der „Legionär“ nennt sich „Mann des Wortes“

Angriff bei der WM: Karabatic (r., im Spiel gegen Südkorea) äußert sich über seine Homepage

Angriff bei der WM: Karabatic (r., im Spiel gegen Südkorea) äußert sich über seine Homepage

Legionär – das klingt natürlich wenig schmeichelhaft. Als ob es Karabatic immer nur um seinen eigenen finanziellen Vorteil ginge, als würde er kurzerhand alles nehmen, was er ergattern kann. Dabei hat der Franzose doch gerade erst betont, dass dies keineswegs der Fall sei: „Ich bin ein Mann des Wortes, nicht des Geldes.“ Das war in einem Beitrag auf seiner Homepage zu lesen, den Karabatic kaum selbst verfasst haben dürfte.

Er ließ ihn während der Weltmeisterschaft veröffentlichen, er hatte dafür offensichtlich einen triftigen Grund. Schließlich gibt es gerade ein Gerangel um Karabatic, die ambitionierten und finanzstarken Rhein-Neckar-Löwen aus Mannheim würden ihn gerne verpflichten – obwohl Karabatic noch bis 2012 an die Kieler gebunden ist, mit denen er drei Mal deutscher Meister wurde und 2007 die Champions League gewann.

Meinungsaustausch zwischen Kiel und den „Löwen“

Das hindert den Franzosen aber nicht daran, mit einem vorzeitigen Wechsel zu liebäugeln. Weil er sich angeblich getäuscht fühlt von den Kielern, weil er über sie verärgert ist. Als Karabatic nämlich seinen Kontrakt bis 2012 verlängert hatte, ging er davon aus, dass Trainer Zvonimir Serdarusic, zu dem er eine enge Beziehung pflegt, auf alle Fälle in Norddeutschland bleiben würde – der THW trennte sich jedoch von Serdarusic, der nun von der kommenden Saison an die Rhein-Neckar-Löwen betreuen wird. Die Kieler Entscheidung, die langjährige Zusammenarbeit mit Serdarusic zu beenden, wertet Karabatic offensichtlich als Vertrauensbruch. „Die Chefs haben ihr Wort nicht gehalten.“

Und er verhehlt nicht, wieder an der Seite von Serdarusic stehen zu wollen. Auch weil er angeblich spürt, „dass etwas unvollendet ist“. Diese Personalie sorgt auch bei der Weltmeisterschaft für einigen Gesprächsstoff. Doch auf Karabatic wollen die Kieler, die sich in den vergangenen Tagen zu einem „Meinungsaustausch“ mit den Rhein-Neckar-Löwen getroffen haben, erst nach dem Championat in Kroatien zugehen. „Ich will Nikola nicht in seiner Konzentration auf die WM stören“, sagte Uwe Schwenker, der THW-Geschäftsführer.

Bei den Topleuten ist die Nachfrage größer als das Angebot

Die Mannheimer, die auch gleich noch Vid Kavticnik vom Serienmeister THW holen wollen, haben gleichwohl schon aus Kiel den Vorwurf zu hören bekommen, mit „Fußball-Verträgen zu wedeln“. Tatsächlich scheinen sich die Nordbadener, die nicht zuletzt von der Familie Hopp unterstützt werden, ohne weiteres höhere Investitionen leisten zu können. Sie sicherten sich vor kurzem bereits die Dienste des Isländers Olafur Stefansson, der aus Spanien kommt – und ebenfalls von Gütschow vertreten wird. Dass wegen der Offensive der Rhein-Neckar-Löwen „alles ein bisschen in Wallung“ sei, mag Gütschow nicht leugnen. Allerdings findet er das badische Vorgehen korrekt, der Fall Stefansson beispielsweise sei „absolut seriös“ abgewickelt worden. Der Isländer ist in die Jahre gekommen, vielleicht verlässt er Spanien auch deshalb.

An seiner Seite würde Karabatic gerne wieder stehen - und ab der kommenden Saison trainiert Zvonimir Serdarusic die Rhein-Neckar Löwen

An seiner Seite würde Karabatic gerne wieder stehen - und ab der kommenden Saison trainiert Zvonimir Serdarusic die Rhein-Neckar Löwen

Allerdings ist in dem Land, das lange Zeit als ein Dorado für Handballprofis betrachtet wurde, auch eine Trendwende zu beobachten: „Die Wirtschaftskrise schlägt dort voll durch“, sagt Gütschow. Dafür glaubt er im deutschen Handball eine gewisse Stabilität zu erkennen, obwohl zuletzt mancher Bundesligaklub in arge finanzielle Nöte geraten war. „Diese Sportart braucht sich über Jahre keine Sorgen zu machen“, behauptet Gütschow. Dass die Preise für Ausnahmekönner weiter steigen werden, erachtet er als normal: Bei Topleuten sei die Nachfrage schließlich größer als das Angebot. Die Rhein-Neckar-Löwen haben jedenfalls mit ihrem Wunsch, groß einzukaufen, für ein erhitztes Klima gesorgt – mit Auswirkungen bis nach Kroatien. Dort strebt Karabatic mit Olympiasieger Frankreich erst mal den nächsten großen Wurf an. Vermutlich wird sich bald nach diesem Intermezzo zeigen, was ihn wirklich treibt.

Karabatic liebäugelt mit einem Wechsel - und äußert sich über die Kieler Vereinsführung enttäuscht
Karabatic liebäugelt mit einem Wechsel - und äußert sich über die Kieler Vereinsführung enttäuscht

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben