07. Juli 2009 Golfkarrieren nehmen manchmal seltsame Wendungen. Ryan Dreyer galt einst als hoffnungsvolles Talent. Er begann mit 14, mit 16 Jahren hatte er Handicap 0. Der Südafrikaner erhielt nach dem Ableisten der Wehrpflicht ein Golfstipendium an der Texas A&M University in College Station und spielte bei College-Turnieren von 1991 bis 1996 gegen Stars wie Tiger Woods, David Duval und Justin Leonard. Dreyer schloss sein Journalismus-Studium mit einem Bachelor-Grad ab. Mit dem sofortigen Wechsel ins Profilager erfüllte er sich einen Lebenstraum.
Er versuchte sein Glück auf der Sunshine Tour in seiner südafrikanischen Heimat, der Canadian Tour und den Mini-Tours in den Vereinigten Staaten. Er schaffte zwar bei mehr als hundert Profiturnieren den Cut, belegte einmal auf der Sunshine Tour den zweiten Platz und stellte mit 62 Schlägen den Platzrekord im Royal Johannesburg Golf Club auf. Ich war ein solider Tourspieler, aber ich konnte nie einen ordentlichen Lebensunterhalt damit verdienen. Ich war ständig unter finanziellem Druck, sagt Dreyer. Denn der Durchbruch, der Sprung auf eine der großen Profiturnierserien in Europa oder den Vereinigten Staaten, gelang ihm nie. Elf Jahre lang quälte er sich, ehe er sich Ende 2006 eingestand, den falschen Beruf gewählt zu haben: Ich war an dem Punkt angelangt, an dem ich einfach keine Lust mehr hatte, Golf zu spielen oder zu trainieren. Ich bin zu Turnieren angereist und habe nicht einmal eine Proberunde gespielt. Ich habe jahrelang lang hart an meinem Spiel gearbeitet und bin doch nicht weitergekommen. Ich habe elf Jahr lang versucht, es zu schaffen, aber wahrscheinlich waren das viel zu viel. Es war hart, das einzusehen, aber es war nun mal die Wahrheit. Ich musste etwas anderes finden, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

650.000 Dollar und ein Star in Südafrika - dank Poker
Dreyer wurde schnell fündig, dank der Erinnerung an alte Tage in seinem südafrikanischen Golf Club: Wir haben jeden Donnerstag mit ein paar Freunden Seven Card Stud Hi-Low Poker gespielt - und die Mitspieler waren richtig gut. Um sich ein Zubrot zu verdienen, nahm Dreyer Ende 2006 erstmals an Online-Pokerspielen teil, entdeckte schnell sein Händchen für Texas Hold'em und Five Cards Stud: Ich merkte schnell das ich gut war und damit Geld verdienen kann. Seine Erfolge bescherten dem studierten Journalisten schnell neue Jobs, erst als Drehbuchschreiber, später als Live-Kommentator für einen südafrikanischen Poker-Kanal, der rund um die Uhr sendet und als Chefredakteur des Poker-Magazins Bluff.
Nach stundenlangem Kommentieren von großen Poker-Veranstaltungen in aller Welt, fühlte er sich vor zwei Jahren fit genug, selbst einzugreifen. Erfolgen bei lokalen Turnieren bestätigten ihn, und er wagte er den Sprung in die große weite Welt des Pokerns: In Las Vegas belegte er im Vorjahr bei der World Series den 55. Platz und gewann 33.000 Dollar. Mehr als in meiner ganzen Golfkarriere, sagt Dreyer. Aber damit nicht genug: Im September vorigen Jahren wurde er in seiner Heimat und in der Pokerszene auf einen Schlag zu einem Star: Er investierte die 3000 Dollar Startgeld und gewann in der südafrikanischen Spielermetropole die One Million Dollar Sun City Shuffle Up Poker und 650.000 Dollar.
Nach fast zwei Jahren kam der Golfbazillus zurück
Mittlerweile ist er in der All Time Money List des südafrikanischen Pokerns schon die Nummer zwei. Oder anders ausgedrückt: Nur ein südafrikanischer Pokerprofi hat Zeit seines Lebens mehr Geld eingespielt. Zwei Monate nach dem Coup von Sun City spielte Dreyer erstmals nach fast zwei Jahren, in der keinen Golfschläger angefasst hatte, wieder Golf mit Freunden - und das nicht sonderlich gut: Ich dachte ganz ehrlich, dass ich in meinem Leben nie mehr unter 70 Schlägen spielen würde. Ich hatte mich damit abgefunden, für den Rest meines Lebens ein guter Clubgolfer mit Handicap 2 oder 3 zu sein.
Doch das seltsame Spiel hielt für ihn noch eine kuriose Wende bereit: Bei einer dieser Runde mit Freunden im Parkview Golf Club in seiner Heimatstadt Johannesburg kam er mit 61 Schlägen aus - und auf einmal hatte ihn der Golfbazillus wieder gepackt. Er stellt beim südafrikanischen Golfverband den Antrag auf Reamateurisierung, was nach zwei Jahren Abstinenz bei Profiturnieren und seinen überaus bescheidenen Einnahmen als Tourspieler kein Problem war. Und auf einmal spielte Dreyer im Alter von 37 Jahren so gut wie nie zuvor in seiner Laufbahn.
Der Abstecher nach Formby lag auf dem Weg
Er gewann im Januar 2009 die südafrikanische Amateur-Meisterschaft, ein Erfolg, der ihm in den seinen frühen Amateurtagen verwehrt geblieben war. Mit diesem Sieg bei einem der ältesten Amateurturniere der Welt hatte er sich für die British Amateur, neben den US Amateur, das wichtigste Amateurturnier der Welt, in Formby bei Liverpool qualifiziert. Aber wenn das Turnier nicht sozusagen auf dem Weg zu Poker World Series in Las Vegas gelegen hätte, hätte er den Abstecher an die englische Westküste nie gemacht. Wenn die British Amateur zu einem anderen Zeitpunkt gewesen wäre, hätte ich nie gemeldet.
Er überstand die Zählspiel-Qualifikation und verlor erst denkbar knapp in der vierten Runde unglücklich am Schlussloch mit eins down. (Das Turnier gewann der 17-jährige Italiener Matteo Manassero aus Verona, der damit bei den British und im nächsten Jahr den US Open sowie beim Masters antreten darf). Aber trotz der neu entfachten Liebe zum Golf, trotz der plötzlich zurück gewonnenen Schlagfertigkeit will Dreyer weiter sein Geld am Spieltisch verdienen. Denn: Der Druck im Golf ist viel größer als beim Poker. Wenn man am Tisch ruhig sitzt, kann man nicht so viel falsch machen wie auf dem Golfplatz.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: golfblogger.co.uk, pokerlistings.com