30. Dezember 2008 Wer im neuen Jahr mit Golf anfangen oder seinen Lebenspartner überzeugen will, dass das Spiel mit Metallhölzern, Hybriden und Eisen keine Zeitverschwendung ist, dem liefert die Wissenschaft schlagende Argumente. Zusammengefasst: Golf ist trotz der gegenläufigen Meinung von vielen Spöttern eindeutig ein Sport - und wer regelmäßig die Schläger schwingt, lebt länger, im Schnitt fünf Jahre.
Um die Frage zu klären, ob Golf, wie Mark Twain meinte, nur ein verdorbener Spaziergang oder echte Leibesertüchtigung sei, hat der amerikanischen Physiologe Neil Wolkodoff, der Direktor des Rose Center for Health and Sports Science in Denver, acht Freiwillige im Alter von 26 bis 61 Jahren mit Handicaps zwischen 2 und 17 über die hügeligen ersten neun Löcher des Inverness Golf Clubs in einem Vorort von Denver geschickt - und dabei mit hochmodernen Geräten alle vitalen Funktionen überwacht. Die eindeutige Erkenntnis fasst der Wissenschaftler so zusammen: Wenn man nur den Kalorienverbrauch betrachtet, ist Golf eindeutig ein Sport. Schon beim Schwingen des Schlägers wird erstaunlich viel Energie verbraucht - und das obwohl der gesamte Schwung maximal drei Sekunden dauert.
Junge Golfer leiden viel mehr unter Rückenbeschwerden
Wolkodoff schickte seine Probanden mal mit Caddie, mal mit der Tasche auf dem Rücken, mal mit einem Schiebekarren (push-cart) und mal mit einem Golfwagen auf die neun Löcher. Die Erkenntnis, dass Fußgänger für die neun Löcher mehr Kalorien verbrauchen (721 Kalorien für Taschenträger, 718 mit Schiebekarren, mit Caddie 613 gegenüber 421 für Passagiere im Golfwagen) und größere Wegstrecken zurücklegen (vier Kilometer gegenüber 805 Meter) überrascht kaum.
Dass jedoch der Unterschied zwischen Tragen und Schieben der Golftasche auf einem Handkarren (Ziehen halten alle Sportmediziner für ungeeignet) so gering ausfällt, hat die American Junior Golf Association veranlasst, bei ihren Turnieren Karren zuzulassen - vor allem auch, weil Sportmediziner dringend vom Tragen der Tasche abraten. Denn gerade junge Golfer, die die Tasche gerne schultern, leiden überdurchschnittlich unter Rückenbeschwerden.
Anaerobe Schwelle erreicht, schlechtere Schwünge produziert
Aber noch etwas spricht gegen das scheinbar so sportlich wirkende Taschenschleppen: Die tragenden Probanden spielten am schlechtesten: Sie benötigten 45 Schläge im Schnitt für neun Löcher und waren damit gegenüber ihren nicht belasteten Kollegen im Nachteil, die mit Schiebekarren mit 40, mit Caddie mit 42 und mit Golfwagen mit 43 Schlägen auskamen. Das unterstreicht den Rat vieler Mediziner: Wem ein Handkarren besonders auf hügeligen Plätzen zu anstrengend ist, der sollte sich eine Elektrokarren zulegen, denn Caddies sind nur noch in wenigen Ländern verfügbar.
Und noch etwas spricht für die Befreiung von der Last der Ausrüstung. Denn vor allem auf bergauf führenden Spielbahnen steigt bei Taschenträgern oder Spielern mit Golfkarren die Herzfrequenz so stark an, dass sie ihre anaerobe Schwelle erreichten und deutlich schlechtere Schwünge produzierten. Wolkodoff führt das auf das Ansteigen der Laktatwerte zurück, die die feinmotorische Koordination beeinträchtigen. Deshalb rät Wolkodoff allen Golfern zusätzlich zu Fitness-Intervalltraining auf einem Laufband oder Spinning, aber auch zu moderatem Training mit Gewichten.
2884 verbrannten Kalorien überschreiten die Schwelle deutlich
Denn je fitter und stärker ein Golfer ist, desto später erreicht er beim Spiel die anaerobe Schwelle und ein Nachlassen der feinmotorischen Koordination. Oder anders ausgerückt: Als Ausdauertraining taugt Golf nicht. Insgesamt kommt Wolkodoff in seiner Studie zu dem Ergebnis: Wer pro Woche 36 Löcher Golf zu Fuß spielt, übertrifft mit 2884 verbrannten Kalorien die Schwelle von 2500 Kalorien, die in vielen Studie als Grenzwert für die Minderung des Risikos auf Herz- und Krebserkrankungen sowie auf Diabetes angesehen wird.
Wolkodoffs Ergebnisse werden durch eine schwedische Studie unterstrichen, die im Mai 2008 veröffentlicht wurde. Professor Anders Ahlbom vom renommierten Stockholmer Karolinska-Institut analysierte mit seinen Mitarbeitern die Lebensdauer von mehr als 300.318 Golfer, die nach 1920 geboren worden und vor 2001 Mitglied des schwedischen Golfverbands wurden (so gut wie alle der mehr als 600.000 schwedischen Golfer sind Mitglied des Dachverbands) und verglich sie mit Hilfe des nationalen Sterberegisters mit einer gleich großen Kontrollgruppe.
Vier oder fünf Stunden an der frischen Luft - das ist gesund
Das Ergebnis ist eindeutig: Golfer leben im Schnitt fünf Jahre länger - und am deutlichsten ist der Effekt bei männlichen Golfer mit einstelligem Handicap. Ahlborn kommt zu dem Schluss: Während einer Runde Golf ist man vier oder fünf Stunden an der frischen Luft und läuft mit einer Geschwindigkeit von bis zu sechs Stundenkilometer zwischen sechs und sieben Kilometern - das ist erwiesenermaßen gesund. Und Golfer mit niedrigem Handicap müssen, um ihren Standard zu halten, häufig spielen.
Keine rechte Erklärung fand der Professor allerdings für ein anderes Phänomen: Golf spielende Frauen leben am längsten, wenn ihr Handicap zwischen 11 und 18 liegt, wird es einstellig sinkt ihre Lebenserwartung, wenn auch nur geringfügig. Aber für alle deren Handicap höher liegt, hat Professor Ahlbom einen Trost parat: Auch sie leben länger als Menschen, die nicht golfen - und das gilt für alle sozialen Schichten. Zwar könne nicht ausgeschlossen werden, dass Golfer generell einen gesunderen Lebensstil pflegen, aber wichtig sei eben auch, dass man Golf bis ins hohe Alter ausüben könne und außerdem günstige soziale und psychologische Effekte habe. Deshalb trägt die Studie einen passenden Titel: Golf - ein Spiel von Leben und Tod.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa