21. November 2009 Sabrina wurde auf die Suche geschickt, da war sie noch gar nicht geboren.
Sigrid ist neunzehn Jahre alt und im dritten Monat schwanger, als sie Helmut Sturm heiratet. Das Kind aber ist nicht von ihrem Ehemann, sondern von Kurt Peters*. Helmut Sturm weiß von der Schwangerschaft, Kurt Peters, ihr Exfreund, nicht. Helmut Sturm sagt Sigrid, er werde ihr Kind wie sein eigenes aufziehen, aber nur unter einer Bedingung: Das Kind dürfe nicht erfahren, dass er nicht sein leiblicher Vater sei. Das Baby kommt im Dezember 1976 zur Welt. Sie nennen es Sabrina.
Sigrid Sturm hat den Eindruck, es sei nicht so sehr ihr Mann, der sich des unehelichen Kindes schäme, sondern seine Familie: Die Eltern sind angesehene Leute in Kempen bei Krefeld, die Mutter hat einen Lebensmittelladen, sie besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Nun könnte es Klatsch und Tratsch geben, vielleicht bleibt die Kundschaft weg und die Nachbarn zeigen mit dem Finger auf die Familie. Aber Helmut hat auch Angst davor, dass der leibliche Vater Ansprüche auf das Kind anmelden könnte. So lässt sich Sigrid, die Kurt Peters eigentlich alles erzählen wollte, auf den Wunsch der Familie Sturm ein. Peters erfährt nichts und das Kind soll es auch nicht erfahren. An das Kind, sagt die Mutter heute, habe sie dabei nicht gedacht.
Den Vater geben sie als unbekannt an
Den Vater geben sie als unbekannt“ an. Zwei Jahre später wird Sabrinas Halbbruder geboren. Es ist eine glückliche Kindheit und eine heile Welt, erinnert sich Sabrina, obwohl nie viel Geld da ist. Die Mutter ist Altenpflegerin, der Vater arbeitet als Automatenbefüller bei einem Großhändler für Tabakwaren. Sie haben eine Poolgemeinschaft mit den Nachbarn, im Sommer geht es mit der Großfamilie in den Urlaub, unzählige Ritterburgen an Rhein und Mosel werden besucht, weil Sabrinas Bruder so verrückt danach ist.
Doch als Sabrina zwölf Jahre alt ist, lernt sie beim Spielen, dass es echte und unechte Kindheiten gibt, richtige und falsche Kinder. Sie erzählt ihrer Mutter, bei der Familie einen Stock tiefer sei der Vater nicht der echte“ Papa des Sohnes. Die Mutter reagiert zurückhaltend, doch für Sabrina ist die Welt nicht mehr, wie sie war. Am Abend fragt sie dann: Aber ich, ich bin doch Papas richtiges Kind, oder?“ Eine Sekunde lang schweigt die Mutter. Dann sagt sie: Nein. Ich muss dir was sagen. Papa ist nicht dein richtiger Vater.“
Man wartet ja immer auf den passenden Augenblick
Das war der Moment, den die Eltern Sabrinas all die Jahre sorgfältig verdrängt hatten. Mit der Frage habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet“, sagt Sigrid Sturm. Man wartet ja immer auf den passenden Augenblick, um es zu sagen. Ich fühlte mich, als käme jetzt die Wahrheit ans Licht. Wir lebten ja mit einer Lüge.“ Jetzt habe sie plötzlich ein schlechtes Gewissen gehabt, in den Jahren zuvor nicht. Sabrina sei es ja die ganze Zeit über gut gegangen.
Für Sabrina teilte sich ihr Leben in die Zeit davor und die Zeit danach. Die Zeit davor bezeichnet Sabrina heute als behütete Bilderbuchkindheit“, die Zeit danach als ziemliches Chaos“. Nach der Enthüllung der Mutter war sie verwirrt, ein bisschen wütend, und ich fühlte mich veräppelt“. Es gab eine Menge Fragen.
Ist er nun trotzdem ihr Vater?
Warum hatte der Mann, den sie zwölf Jahre lang für ihren echten“ Vater hielt, nicht mit ihr darüber gesprochen? Ist er nun trotzdem ihr Vater? Bleibt sie seine Tochter? Will, darf, kann sie ihm so nahe kommen wie früher? Was macht einen Vater zum Vater? Den Bruder zum Bruder? Was ein Kind zum Kind? Wer bin ich?
Doch außer dem kurzen Gespräch mit der Mutter wird das Thema in der Familie totgeschwiegen. Weder Vater“ noch Mutter kommen in den folgenden Jahren darauf zurück. Weil es peinlich war“, sagt Sigrid Sturm. Vor allem Helmut habe sich mehr und mehr verschlossen.
Papa kann sie ihn nicht mehr nennen
Das konnte ich damals nicht begreifen. Daraus entstand mein eigentliches Problem mit meinem Vater“, sagt Sabrina. Papa“ kann sie Helmut seit dem Geständnis der Mutter nicht mehr nennen. Ihr Verhältnis zu ihm kühlt sich mehr und mehr ab. Und in ihr wächst das Gefühl, das alles sei eine Bestätigung für irgendetwas, das zuvor nie beim Namen genannt worden ist“. Von diesem Moment an, erinnert sich die Mutter, wurde Sabrina trotzig. Sie tat nur noch, was sie wollte. Kam nicht pünktlich nach Hause, ging in die betreute Wohngruppe im Nachbarhaus, obwohl wir ihr das verboten hatten.“ In der Schule tat die ehemals gute Schülerin nur noch das Nötigste. Wenn Helmut sie zur Rede stellte, sagte sie: Was willst du eigentlich? Du bist doch gar nicht mein Vater.“ Sie habe die Familie wirklich auf Trab gehalten, erinnert sich Sigrid Sturm. Leider hätten sie und ihr Mann damals nicht erkannt, wie sehr es der Tochter gefehlt habe, mit den Eltern einfach über alles zu reden. Ihrem Mann sei das Reden schon immer schwergefallen.
Als Sabrina achtzehn ist, verlässt die Mutter Helmut wegen eines anderen Mannes. Sabrina zieht zu ihr, der Bruder zum Vater. Sie will nun wissen, wer ihr leiblicher Vater ist, und fragt die Mutter eines Tages ganz direkt danach – aus Langeweile“, wie es der Mutter heute noch scheint. Sie nennt der Tochter nur seinen Namen, Kurt Peters, mehr nicht. Sie hält das Ganze für eine Laune. Und zunächst unternimmt Sabrina auch nichts weiter. Sie hat andere Sorgen. Die Mutter will mit ihrem neuen Freund zusammenziehen. Noch ein Vater? Da wollte und sollte ich nicht mit.“
Es gab kein Zuhause mehr
Das Leben der Vaterlosen wird zum Leben einer Wurzellosen. Es gab kein Zuhause mehr.“ Eigentlich wollte Sabrina nach dem Abitur studieren, nun aber meldet sie sich an einer kaufmännischen Schule an. Die Ausbildung bricht sie bald darauf ab. Statt zu lernen, fährt sie Essen aus, schließlich beginnt sie eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin. Auch diese Ausbildung bricht sie ab. Sie hat einen Freund, sie wird schwanger.
Als ihre Tochter drei ist, zerbricht die Beziehung zu deren Vater. Drei Jahre später stirbt Helmut an einem Herzinfarkt. Wir hatten uns gerade wieder angenähert“, sagt Sabrina. Nicht mehr lange, und wir hätten über die Dinge geredet, die zwischen uns nie zur Sprache gekommen sind.“ Weil Helmut sie nie adoptiert hat – auf dem Weg durch die Antragsformulare und Institutionen versandet das Projekt –, erbt sie nichts. Er ist schließlich nicht ihr Vater. Auch als die Großmutter stirbt, erbt sie nichts. Sie ist schließlich nicht ihre Großmutter. Was bleibt vom Vater, wenn der Vater stirbt, der nicht der Vater ist? Beruflich ist Sabrina mittlerweile weitergekommen – sie hat die Schule im zweiten Anlauf erfolgreich abgeschlossen und sich als Grafikdesignerin selbständig gemacht. Es beginnt eine diffuse Suche nach dem Vater. Sabrina verlässt sich auf den Zufall. Trägt irgendjemand, den sie kennt, den Nachnamen ihres leiblichen Vaters? Sie geht durch die Stadt und wartet darauf, Gesichtern zu begegnen, die ihrem ähnlich sind. Dabei weiß sie noch nicht einmal, ob ihr leiblicher Vater in der gleichen Stadt lebt.
Kinder spüren viel mehr, als die Erwachsenen ahnen
Kinder spüren viel mehr, und sei es nur unterbewusst, als die Erwachsenen ahnen“, sagt Sabrina und spricht damit dem Gesetzgeber aus dem Herzen. Schon 1977 wurde deshalb das Adoptionsrecht reformiert. Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es seitdem, dass jeder Mensch – auch der minderjährige – ein Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung hat“. Die neuere Bindungsforschung bestätigt, dass es sehr wichtig ist, (Adoptiv-) Kindern von frühester Kindheit an die Wahrheit über ihre Herkunft zu sagen, so dass sie mit dem Gefühl aufwachsen, alles sei normal und in Ordnung. Sabrina sieht das ebenso: Für mich hätte es keinen Unterschied gemacht, dass mein Vater nicht mein Erzeuger ist – wenn man mich nur mit der Wahrheit hätte aufwachsen lassen.“ Doch selbst jetzt unterstützt die Mutter sie nicht bei der Suche nach ihrem leiblichen Vater – Sabrina kann das nicht verstehen.
Als Sabrina 32 Jahre alt ist, stößt sie in dem Internet-Portal Krefeld liebt“ auf das Bild einer Frau, die ihr sehr ähnlich sieht. Die Frau ist drei Jahre jünger als Sabrina, lebt zehn Kilometer entfernt und nennt sich Stephie. Kurz darauf entdeckt Sabrina Stephie auch im Studi VZ“. Hier erfährt sie, wie Stephie mit Nachnamen heißt: Peters.
Was meinst du, wer das ist?
Sie schreibt Stephie eine Mail, in der sie fragt, ob Stephies Vater Kurt heißt, ob Kurt 1975/76 mit einer Sigrid zusammen war. Wenn ja, dann sei dein Vater“ auch mein Erzeuger, ja, wir haben denselben Vater. Deine Gene sind zum Teil auch in mir.“ Zwei Tage später, im September dieses Jahres, klingelt abends um 22 Uhr Sabrinas Telefon. Stephie ruft an, die beiden reden zwei Stunden miteinander und Sabrina erfährt, dass sie außer Stephie noch zwei Halbschwestern hat. Sabrina zeigt Stephies Foto daraufhin ihrer inzwischen neunjährigen Tochter und fragt: Was meinst du, wer das ist?“ Die Tochter antwortet: Das bist du, Mama.“
Da war für mich alles klar“, sagt Sabrina. Einige Tage später fragt Stephie ihren Vater, der inzwischen von Stephies Mutter geschieden ist und mit einer jüngeren Frau zusammenlebt, ob er sich noch an Sigrid erinnern kann. Kurt kann. Er hat mit Helmut jahrelang in der gleichen Fußballmannschaft gespielt und weiß noch, wie er Sigrid und Helmut kurz nach Sabrinas Geburt bei einem Spaziergang begegnet ist und sich gewundert hat. Er habe damals aber nur gesagt: Das ging aber jetzt schnell mit Heiraten und Kind kriegen und so.“ Dann sei man wieder auseinandergegangen.
Soll er da jetzt den Papa spielen, oder was?
Als Stephie ihrem Vater eröffnet, dass Sabrina seine Tochter sei, rechnet er erst nach, glaubt es dann und wird ganz still. Schließlich fragt er: Warum will sie Kontakt?“ Seine derzeitige Lebensgefährtin will wissen: Soll er da jetzt den Papa spielen, oder was?“
Sabrina ist das egal, sie kann es verstehen. Es muss ja ein Schock für ihn gewesen sein. Und seine Lebensgefährtin hat vielleicht selbst noch einen Kinderwunsch.“ Sie hat nun, etwa vier Wochen später, noch nichts von ihrem leiblichen Vater gehört. Aber das erwartet sie auch nicht. Er hat mir seine Mailadresse zukommen lassen und hat wohl eine gewisse Erwartungshaltung, dass von mir was kommt. Ich weiß ja schon länger als er, dass er mein Vater ist.“
Sabrina hat einen Brief vorbereitet, den sie ihrem echten Vater bald schicken will. Darin schreibt sie, dass sie kein Geld von ihm will, dass sie nichts“ von ihm will. Nur ihre lange Suche soll endlich einmal ein gutes Ende haben. Nur die Wahrheit möchte ich ergründen, meine Wurzeln finden, das liegt mir am Herzen.“
* Name von der Redaktion geändert
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Edgar Schoepal
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