Von René Meyer
28. September 2008 Durch Videospiele vereinsamt man, ist ein gängiges Vorurteil. Stimmt nicht. Schon die erste Konsole von 1972 war für zwei Spieler ausgelegt. Heute sind Party-Spiele wie das SingStar- Karaoke der letzte Schrei. Doch erst die Online-Verbindung öffnet die Tür zu Mitspielern. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Online-Spiele rasant angestiegen, weil sich gleichzeitig viele Leute einen Internetanschluss besorgt haben.
Alle aktuellen Spielkonsolen arbeiten mit Internetverbindungen. Dank Diensten wie Xbox Live notiert man Spielpartner in Freundeslisten und sieht künftig, ob sie online sind - und welches Spiel sie gerade spielen. Neue Spiele lassen sich anhand von Testversionen ausprobieren. Vorschauen auf Kinofilme können heruntergeladen werden. Vollpreisspiele werden mittlerweile per Download verkauft.
Besonders beliebt: Rollenspiele
Das Internet stellt die Entwickler vor neue Herausforderungen. Früher konzentrierten sie sich auf das Einzelspiel. Heute werden viele Titel von vornherein im Hinblick auf den Mehrspieler-Modus programmiert. Die Königin des Online-Spiels ist das sogenannte MMOG - das Massively Multiplayer Online Game.
Hinter der sperrigen Bezeichnung stecken Spiele, an denen Tausende von Teilnehmern gleichzeitig teilnehmen. Besonders beliebt sind Rollenspiele, in denen man nicht eine vorgefertigte Figur steuert, sondern einen einzigartigen Charakter erstellt. Etwa einen Menschenkrieger oder einen Elfenjäger, bei dem sogar Frisur und Haarfarbe auswählbar sind. Im Laufe des Spiels nimmt es der anfangs schwache Held mit immer stärkeren Gegnern auf und dringt in neue Gebiete vor.
Hunderte von Stunden bis zum Finalsieg
Online-Abenteuer bergen ein hohes Suchtpotential. Bei normalen Spielen ist meist nach weniger als zwanzig Stunden der Abspann zu sehen. Bei World of WarCraft jedoch dauert es mehrere hundert Stunden, bis die Figur die höchste Stufe erreicht. Und dabei hat sie nur einen Teil der Spielwelt kennengelernt. Wer ein besonders schickes Schwert oder eine starke Rüstung erobern will, muss sich in finstere Katakomben wagen. Sie werden von so starken Gegnern bewacht, dass eine Gruppe von fünf, teilweise sogar 25 Spielern nötig ist, um sich durchzuschlagen.
Doch der riesige Drache am Ende hinterlässt das begehrte Schmuckstück nicht jedes Mal, sondern vielleicht nur bei jedem vierten Besuch. Und da alle fünf Spieler um die Beute würfeln, verbringt mancher Dutzende von Stunden auf der Jagd nach einem einzigen Gegenstand.
Die Rettung ist konsequente Selbstdisziplin
Weil eine Gruppe nicht einfach losstürmen kann, ist behutsames Vorgehen nötig. Das muss geübt werden. Viele Spieler sind nicht nur in der Fantasy-Welt gefangen, sondern in ein Geflecht aus menschlichen Mitstreitern eingebunden. Mit ihnen vereinen sie sich in Gilden und treffen sie sich täglich. Dadurch werden teilweise Familie, Schule oder Beruf vernachlässigt. Die Rettung ist konsequente Selbstdisziplin: die Beschränkung auf festgelegte Zeiten. Das lässt sich bei manchen Spielen sogar einstellen.
Da Online-Welten ständig erweitert und verbessert werden, sind Abo-Modelle üblich. Wer spielen will, muss neben dem Kaufpreis eine einmalige Gebühr zahlen. Vor allem in Asien ist jedoch eine andere Form der Bezahlung verbreitet: Das Spiel wird kostenlos abgegeben. Nur bestimmte virtuelle Gegenstände, die nicht unbedingt nötig sind, aber das Heldenleben erleichtern, müssen für echtes Geld gekauft werden. Damit hat sich das koreanische Rollenspiel Silkroad Online hierzulande verbreitet - obwohl es nur eine englische Version gibt. Es thematisiert die uralte Handelsstraße zwischen Europa und Asien, die Seidenstraße. Sie führt vorbei an Wüsten, Wäldern, Tälern und Bergen, in denen man sich als Händler, Schurke, Jäger oder Beschützer misst.
Von der Spieltiefe erschlagen
Von der Spieltiefe geradezu erschlagen wird man in Eve Online. In der Handelssimulation im Weltall baut man Erz ab, produziert Artikel und handelt sie. Mit anderen Spielern lassen sich Unternehmen gründen, um gemeinsam Güter herzustellen. Eve ist besonders zeitraubend. Die Weiterentwicklung der Spielfigur ist an Aktionen gebunden, die manchmal mehrere Tage kosten. An denen muss man zwar nicht online sein. Aber das Spiel-Universum verändert sich stetig und stellt fortwährend neue Herausforderungen.
Die Simulation vom isländischen Entwickler CCP kostet eine monatliche Gebühr. Allerdings kann das verdiente virtuelle Geld in Spielzeit eingetauscht werden. Deutschland ist führend im Entwickeln von Spielen, die nicht erst installiert, sondern direkt im Webbrowser gespielt werden. Auf diese Weise kann man von jedem beliebigen PC sein Spielerkonto erreichen. Die Möglichkeiten graphischer Darstellung sind bei diesen Browser-Spielen zwar beschränkt. Sie genügen aber für Wirtschaftssimulationen, die überwiegend aus Tabellen und Standbildern bestehen. Ein typischer Vertreter ist Wurzelimperium. Hier ist ein Garten zu pflegen, mit Gemüsebeeten und Obstplantagen. Die Erzeugnisse lassen sich mit anderen Spielern tauschen.
Solche Spiele bieten einen relativ leichten Einstieg, fesseln aber für längere Zeit. Wer nur den kurzen Spaß sucht, wird bei Websites wie Zylom und Gameduell fündig. Auf denen warten Geschicklichkeitsspiele für Einzelkämpfer oder menschliche Gegner für Brett- und Kartenspiele wie Skat.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
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