Superstar im Selbstversuch

Das Kamel in der Casting-Karawane

Von Alex Westhoff

Bewerberinnen auf dem Weg zum Casting

Bewerberinnen auf dem Weg zum Casting

05. September 2008 „Wo willst du deine Nummer hinhaben?“, fragt die junge Frau am „Check-in-desk“. Hier, so auf den Bauch. „So?“ Nee, ein bisschen tiefer. Sonst kann man doch den Aufdruck des hippen T-Shirts nicht mehr sehen, das ich extra angezogen habe. In der Einladung stand ja geschrieben: „Alex, wir wollen Dich“ – „zieh Dein coolstes Outfit an“ – „bereite mindestens drei Songs vor“. Und genau das habe ich gemacht.

Meine Kennung ist die 24794, neben der schwarzen Nummer auf weißem Grund das blaue „Deutschland sucht den Superstar“-Emblem. Die Nummer wird mich begleiten - von der ersten Vorauswahl hier in Mannheim über das Casting vor Dieter Bohlen bis hin zu den feierlichen Mottoshows auf der großen Bühne. Träumen wird wohl erlaubt sein! Das machen die anderen ja auch - einige hundert Jungs und Mädels, die in aller Herrgottsfrühe am Samstagmorgen auf dem Bürgersteig vor dem Dorint-Hotel Schlange stehen. Ich versuche es mit der Kandidatin Johanna aus der letzten DSDS-Staffel zu halten: „Dabei ist alles!“

Herausgeputzt für einen Tag

Mannheim ist die erste Haltestelle der Casting-Karawane, die sich an den kommenden Wochenenden auf der Suche nach neuen Talenten für die Staffel 2009 durch viele deutsche Großstädte wälzt. Mehr als 25.000 Leute haben sich in diesem Jahr angemeldet. Alle sind zwischen 16 und 30 Jahren alt und haben mit einer Unterschrift jegliche Rechte an ihrer Kunst abgetreten. Sie haben ihre Lieder geübt, haben sich herausgeputzt, haben sich teure Klamotten gekauft. Alles für diesen Tag, für den Start ins Showbusiness.

Mit einer Handvoll Kandidaten schlendere ich über den grellen Teppichfußboden, im Schlepptau einer „Teamleiterin“ mit Headset auf dem blonden Haar. Bitte kein Handy benutzen, bitte nicht rauchen, bitte vor den Studios keinen Lärm! Die mit Nummern versehenen Kandidaten sitzen auf Stühlen und auf dem Boden rum: Rocker, Hip-Hopper, Schnösel, Jammerlappen; aufgetakelte Mädels, aufgetürmte Frisuren, gequetschte Dekolletés, Schminke ohne Grenzen. Und ich mitten unter ihnen. Komisches Gefühl.

Wertcoupon für ein kleines Getränk

Viele sehen jünger als 16 aus. Mit knapp 30 könnte ich schon als Onkel von Aischa durchgehen. Sie ist 18, hat einen ghanaischen Vater und eine deutsche Mutter, ist Casting-Expertin: „Immer wenn du rauskommst, fragen die Kameraleute: ,Wie fühlst du dich?‘ Das ist immer das Gleiche, ey wirklich!“ Die konkurrierende Casting-Show auf Pro Sieben, „Popstars“, mag sie nicht: „Die lassen einen da verhungern und verdursten.“ Hier gibt’s den DSDS-Wertcoupon, den man während der stundenlangen Warterei gegen ein kleines Getränk und einen noch kleineren Snack eintauschen kann. Nur selten kommen die Männer in den grauen T-shirts mit der Aufschrift „Deutschland will dich“ vorbei, um ein paar Kandidaten abzuführen.

In der roten Ecke ist mehr los als in der gelben. Eine mollige Souldiva presst drüben ein hinreißendes „Killing Me Softly“ hervor – im Saal brandet Jubel auf. Wer nicht mitsingt, schnippt mit den Fingern. „Killing Me Softly“ ist ein Casting-Klassiker, heißt es bei RTL. Etwa 80 Prozent der Mädchen singen das Lied für die Jury. Hier bei der Vorauswahl derjenigen, die man zwei Wochen später vor Dieter Bohlen lässt, besteht die Prüfungskommission aus Musikredakteuren von RTL und der Produktionsfirma. Ein paar gute Sänger, ein paar schlechte, ein paar völlig unfähig und ernsthaft debil wirkende Kandidaten werden die nächste Runde erreichen. So ist das System.

Kaum Feindseligkeiten

Die Kandidaten hassen sich gar nicht. Kein Konkurrenzdenken, keine Feindseligkeiten. Man glaubt an sich, sein Aussehen, sein Talent, seine Kameratauglichkeit, seine Performance. Oder zumindest andere glauben daran, das ist ja auch schon mal was. „Wir gehen oft zum Karaokeabend bei uns im Irish Pub. Der Shawn kann gut singen“, sagt Shawns Patentante, die den 17 Jahre alten Mannheimer begleitet. „Angels“ von Robbie Williams wolle er singen, sagt Shawn zögerlich. Er kommt sich in seinem Sonntagsanzug fehlbesetzt vor.

Neben mir in der gelben Ecke, zusammengekauert auf dem Boden, mindestens eine Tube Gel im Haar, vertieft sich Marco in seinen Text. Eine so mädchenhafte Schreibschrift traut man dem Miniatur-Ghetto-Gangster gar nicht zu. „Hard to explain, but girl, I try . . .“, lautet eine Zeile seines Manuskripts. Ein Streetfighter! Drüben in der blauen Ecke sitzt auch die Kleine, deren Vater vorhin Abschiedsfotos vor der Tür gemacht hatte. Wie ein Superstar sieht sie nicht aus, wie sie da bei ihrer Mutter auf dem Schoß sitzt und die Arme um ihren Hals schlingt.

„Du! Du! Und Du! Mitkommen, bitte!“

Ein Mann mit Headset nähert sich der gelben Ecke. „Du! Du! Und du! Mitkommen, bitte!“ Ich? Mitkommen, jetzt? Das kommt aber ein bisschen plötzlich. Was ist, wenn ich jetzt einfach verweigere? Der Mann mit Headset führt uns acht Auserwählte – fünf Mädchen und drei Jungen – über breite Gänge mit grellbuntem Teppich. „Ab hier ist Ruhe“, raunt er uns zu und übergibt uns einem anderen Mann mit Headset. Der führt uns in einen schmalen Gang mit Stühlen an der Wand – wie auf einem Amt. Sieben Stühle, acht Kandidaten, ich muss stehen. Das Völkchen würde wohl auch nicht in der Straßenbahn für einen Älteren aufstehen.

Neben dem ersten Stuhl befindet sich die Tür. Hinter dieser Tür sitzt die Jury, stehen die Kameras, leuchten die Scheinwerfer. Ein Raum weiter hinten heißt „Joseph Haydn“, unser Raum heißt „Carl Orff“. Es ist wohl einfach besser, still zu sein. Ich gucke von oben in vor Anspannung verzerrte Gesichter. Ausgefranste Zettel mit Liedtexten werden gezückt. Die Oberschenkel der Wartenden wippen in einem imaginären Takt, sie können sich auf keinen einigen.

Aufstellen im „lustigen Viereck“

Unsere vom Zufall zusammengeführte Gemeinschaft wirkt nicht gerade wie ein Showbiz-Start-up-Unternehmen. „Also“, sagt der Mann mit dem Headset, „wenn ihr gleich da reingeht, seht ihr auf dem Boden ein lustiges Viereck aufgezeichnet. Ich möchte, dass ihr euch da reinstellt.“ Mein Magen rumort. Der Mann mit dem Headset sagt: „Ich würde euch bitten, in dem lustigen Viereck stehen zu bleiben, wenn ihr keine Mega-Dance-Performance vorhabt.“ Ich habe keine vor.

„Wenn ihr drin seid“, fährt er fort, „stellt ihr euch bitte vor und nennt den Namen des Songs und den Interpreten.“ Und schon geht die Tür auf und der erste, ein Junge, geht hinein. „Viel Glück“, wispern einige ihm nach. Alle rutschen einen Platz nach links, ich habe einen Sitzplatz. Annas Sitz ist warm. Ein paar Gesangsfetzen dringen durch die Tür. Er singt wirklich „New York, New York“ von Frank Sinatra. Tür auf, der nächste Kandidat, Tür zu. Ich rutsche einen Platz nach links. Erst sind noch fünf vor mir, dann vier, drei . . . Meine Wangen glühen. Ich spreche den Typ zwei Plätze neben mir an: Und du? Was machst du so? Er heißt Michael, ist 27 Jahre alt, Müllwerker aus Offenbach, drei Kinder, ein Sohn ist gerade sechs Wochen alt. Er ist Freizeit-Diskjockey. „Ich mache mehr so Techno und Groove.“

„Blau und Weiß, wie lieb ich dich“

Dann bin ich allein. Anna ist gerade reingegangen. Ich sitze auf dem Stuhl direkt an der Tür. Anna singt „Killing Me Softly“ – als zweites Lied. Da kommen auch schon acht neue Kandidaten umd die Ecke. Die Tür geht auf, Anna kommt raus, sie würdigt mich keines Blickes, und ich gehe rein. Ich stelle mich genau in das „lustige Viereck“ auf den Boden. Ist ja auch nicht zu übersehen. „Hi“, sagt die vierköpfige Jury hinter ihrem langen Tisch im Chor. Hi, sage ich. Und: „Ich heiße Alex Westhoff und bin 28 Jahre alt, ich bin Student aus Frankfurt, und ich singe das Lied ,Blau und Weiß, wie lieb ich dich‘ von Hans König.“ Ich habe den Text nicht geschrieben. Es ist das Vereinslied von Schalke 04, und ich kann es auswendig. Obwohl ich kein Schalke-Fan bin. Vielleicht werde ich’s ja noch!

„Blau und Weiß ist ja der Himmel nur“, höre ich mich singen. Wohin mit den Armen? Wohin schauen? Die zweite Strophe lasse ich aus, ich habe sie vergessen. Strophe drei: „Mohammed war ein Prophet“, presse ich raus, „der vom Fußballspielen nichts versteht.“ Mit den Augen suche ich in den versteinerten Gesichtern der Juroren nach einem Schmunzeln. Doch ihre Mundwinkel regen sich nicht. Die Scham senkt meinen Blick zu Boden. Stehe ich überhaupt in dem „lustigen Viereck“? Die Scham dämpft meine Stimme, drückt aufs Gemüt und auf den Magen. Die Liedzeilen fallen mir nur Bruchteile vor ihrem Einsatz ein. Die vierte Strophe singe ich mit vor der Brust verschränkten Armen.

„Okay, das war's“

Jetzt nur noch das Finale, noch eine Liedzeile: „. . . dann wird der FC Schalke niemals untergehn“. Schalke vielleicht nicht – aber ich? „Okay, das war’s“, sagt der Oberjurymensch. Ich drehe mich um und gehe. Die Nachricht lässt nicht lange auf sich warten: Ich habe es leider nicht in die nächste Runde geschafft. Dieter Bohlen wird mich nie sehen. Vielleicht hätte ich doch eine Mega-Dance-Performance hinlegen sollen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

Ist Barack Obama die richtige Wahl?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche