09. November 2009 Die Hiphop-Gruppe Black Eyed Peas hat mehr als 30 Millionen Tonträger verkauft. Ihre Sänger Will.I.Am und apl.de.ap sprechen in diesem Interview darüber, was der Musikindustrie fehlt und wie politisch ein Party-Album sein kann.
Will.I.Am, Sie haben Barack Obama unterstützt, ins Weiße Haus zu kommen, und den Song Yes We Can für ihn produziert. Sind Sie von dem enttäuscht, was er bisher als Präsident erreicht hat?
Will.I.Am: Er hat international viel erreicht. Wir hatten in acht Jahren den Rückhalt in der Welt verloren. Wir hatten die Unterstützung nach dem 11. September - aber wie die Bush-Regierung gehandelt hat, hat die Vereinigten Staaten in einem sehr schlechten Licht gezeigt. Obama hat das in einem Jahr geändert. Darüber freue ich mich sehr. Nun bringen wir die Gesundheitsreform nach vorn. Die brauchen wir auf jeden Fall. Barack Obama sollte die Energie der Menschen sammeln, die ihn ins Weiße Haus gebracht hat. Hoffentlich erkennt seine Mannschaft, dass er früher oder später die Menschen wieder einbinden muss.
apl.de.ap: Das Lied war wichtig, um Kinder und Jugendliche zu animieren, damit sie sich mit dem beschäftigen, was in den Vereinigten Staaten passiert. Es hat wirklich eine Menge geholfen.
Sollte die Jugend sich mit der Politik auseinandersetzen oder für Obama stimmen?
Will.I.Am: Zum wirklich ersten Mal war die Jugend so stark eingebunden und engagiert. Jeder Schüler, der nicht wählen durfte, wollte wählen - sogar in der Grundschule. Dass sich so viele einsetzen, hatten wir noch nie in den Vereinigten Staaten. Das war gut und hat ihn auch ins Weiße Haus gebracht. Nur muss das öfter passieren. Man kann sie nicht nur American Idol wählen lassen. Denn das Leben ist immer noch, wie es war: Die Menschen haben keine Arbeit, sie können ihre Gesundheitskosten nicht zahlen, und Bildung ist weiter fragwürdig. Einige werden jetzt sagen: Wovon redet der? Die Typen machen ein Party-Album und gehen in die Clubs. Wie helfen die denn dabei mit? Die sind nur Prominente, die reden, reden, reden, aber nichts machen. Dann sage ich: Mit unserer Stiftung wollen wir Kindern Musik und Kunst beibringen. Denn das hat unser Leben gerettet. Doch das Erste, woran in den Vereinigten Staaten in der Bildung gekürzt wird, sind Kunst und Musik. Wir arbeiten dagegen und bieten Kindern in ärmeren Vierteln ein Programm an - mit Schreiben, Musik, Tanz, Fotografieren und Film. Zudem habe ich ein Stipendienprogramm, mit dem ich gerade vier Kindern alle Kosten für ihren College-Besuch zahle.
Während Sie politisch als Musiker für Obama gearbeitet haben, ist das neue Album der Black Eyed Peas weit davon entfernt. Es ist schlicht Musik zum Tanzen. Hat die Band als Gruppe eine andere Meinung und möchte nicht politisch musizieren?
Will.I.Am: Nein. Wir wollten eine Platte machen, die Menschen erhebt, die für sie wie eine Flucht ist. Ich will mich nicht mehr beschweren und singen: Rettet das Volk, rettet das Volk! Wir wollen die Menschen begeistern. Habt Spaß! Lass uns Freude machen und die Ansicht der Menschen ändern. Wenn du die Sicht der Menschen auf die Welt ändern kannst, kannst du die Welt verändern. Du musst sagen: Heute wird eine gute Nacht, kommt alle mit, lasst uns aufbrechen! Yeah, das war großartig. Und morgen fangen wir ein wenig mehr an. Wir sind keine Politiker, wir machen Musik. Und du kannst davon reden, die Welt zu vereinen: Lasst uns zusammenkommen! Oder du kannst sagen: Los, ab auf die Tanzfläche! Und alle kommen zusammen auf der Tanzfläche. Wenn du etwas machen willst, wirst du nicht nur reden wollen. Du willst Freude bringen. Ein wunderbares Lied, das sich nach einem besseren Leben anfühlt. Damit fühlst du dich gut und vergisst all die schlechten Dinge für vier Minuten.
apl.de.ap, Sie wurden auf den Philippinen geboren und kamen im Alter von 14 Jahren nach Amerika, weil sie ein Amerikaner adoptierte. Sehen Sie die Welt immer noch anders als andere Amerikaner?
apl.de.ap: Ich schätze auf jeden Fall die Möglichkeiten, die mir gegeben worden sind. Ich weiß, wo ich herkomme, und versuche, das auf gleiche Art zurückzugeben. Das ist das Beste, was ich machen kann. Ich unterstütze die Organisation, die mir geholfen hat, und helfe damit 20 Kindern. Darin unterscheide ich mich von anderen. Ich fahre jedes Jahr zurück in die Heimat. Die Kinder zeigen mir ihre Noten oder schreiben mir Briefe.
Ihr Album heißt The E.N.D.2. Das bedeutet nicht das Ende, sondern steht für The energy never ends. Derweil steckt die Musikindustrie in der Krise - aufgrund von MP3s und dem Tausch von Musik im Internet. Und Sie, Will.I.Am, danken für diese neuen digitalen Möglichkeiten. Wie kann denn so die Musikindustrie überleben?
Will.I.Am: Digital und analog sind nur Wege, Musik zu hören. Aber das Problem geht viel weiter. Der Apparat der Plattenindustrie war das Grammophon. Das ist ja der Grund für die Grammys: Die Auszeichnung, die wir auch bekommen haben, ist ein alter Plattenspieler. Und der alte Plattenspieler kann analoge Musik abspielen. Wenn ein neues Album erschien, entstand eine analoge Platte. Sie hatten das Grammophon und kontrollierten den Vertrieb und die Technik. Aber nun hören wir anders - mit einem Handy, das digitale Musik abspielt. Die Plattenfirmen leiden darunter, weil sie keine Hardware mehr herstellen. Aber sie haben nie begriffen, dass die Hardware ihr Geschäft war. Nun sind sie ohne die Hardware verloren. Musik ist jetzt eben leichter zu bekommen.
Muss Musik weiter einen Preis haben?
Will.I.Am: Nicht unbedingt. Manche Musik wird es kostenlos geben. Es wird bestimmt Partnerschaften geben - wie bei Lewis Hamilton. Der fährt einen Formel-1-Wagen und bekommt dafür viel Geld. Denn auf seinem Auto sind viele Werbeaufkleber. Wir machen Musik, unsere Straße ist das Internet, und unsere Lieder gehen um die ganze Welt. Sie gehen in den Computer, in den MP3-Player, in das Handy. Überall. Bald wirst du einen Werbeaufkleber oder anderes von einem Unternehmen auf der Datei haben, während es durch die ganze Welt reist. Das wird kommen, wenn sie merken, dass damit ein Geschäft zu machen ist. Wenn es klappt, wird alles cool. Gerade jetzt stecken wir im Übergang. Aber du musst Sachen zerstören, damit Neues entsteht.
Michael Jackson hat Sie nicht nur mit seiner Musik inspiriert, sondern auch persönlich bewegt. Will.I.Am, Sie haben 2008 Songs für ihn produziert. Wie haben Sie mit ihm zusammengearbeitet?
Will.I.Am: Er war witzig, klug, süß, freundlich, sanft und sehr höflich. Er hat mir oft sein Essen angeboten. Es war wirklich nett. Wir haben viel über die Musik gesprochen. Er war sehr cool.
Was haben Sie von ihm gelernt?
Will.I.Am: Michael Jackson war der König der Musikindustrie. Er verkaufte die meisten Platten, die meisten Kassetten, die meisten CDs. Keiner wird ihn mehr einholen, weil Platten nicht mehr hergestellt werden, es keine CD-Spieler mehr geben wird und keiner mehr Musikkassetten hört. Er ist der König dieser Industrie, und er ist gestorben. Schaut auf das Symbol dahinter. Das ist rätselhaft, schön . . .
Und traurig . . .
Will.I.Am: . . . aber gleichzeitig auch traurig. Wir haben zwei Giganten verloren.
Die Fragen stellte Jan Hauser.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Daniel Pilar, ddp, Michael A. Mariant, REUTERS
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