Neues Wörterbuch

Jugendsprache für Anfänger

Von Susanne Prebitzer

Chatabkürzungen wie lol (laughing out loud) sind inzwischen sogar tauglich für Bademoden

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02. November 2008 Nur Noobs würden eine Plantschkuh heute noch als „Wuchtbrumme“ bezeichnen. Das funzt einfach nicht. Versteht nämlich kaum mehr jemand. Und wenn doch, kann es passieren, dass der eine ein dickes Mädchen vor Augen hat und ein anderer eine Superfrau. Wuchtbrummen-Kenner sind mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens um die dreißig oder älter.

Für all jene, die hier heimlich die Jung-Seite lesen: Noob kommt vom englischen Wort newbie und bedeutet ursprünglich Anfänger. So steht es im Wörterbuch der Jugendsprache von Pons. Lisa ist 14 und blättert durch das Büchlein. Im Grunde, erklärt sie, hänge man den Titel vielen an, die nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind. „Wir sagen dazu auch MOF“, meint sie und blättert etwas gelangweilt weiter. „MOF m (Mensch ohne Freunde)“ steht da. Lisa hätte auch ohne das „m“ für maskulin, also männlich, gewusst, dass es der MOF heißt und nicht das MOF. Doch für sie ist das Büchlein auch nicht unbedingt gemacht.

Wörterbücher bilden nicht die Realität ab

Wenn Jugendliche über Halfpipes fachsimpeln, kommen Erwachsene oft nicht mehr mit

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Seit ein paar Jahren erklären extra Wörterbücher Ahnungslosen den Jugendsprech. Sie listen von A wie abschimmeln bis Z wie Zweitwohnung Begriffe auf und übersetzen, dass, wer abschimmelt, sich zu Tode langweilt, und eine Zweitwohnung herumgetragen werden kann, als Handtasche nämlich. Auch Lukas und Furkan, mit 14 Jahren Experten für Jugendsprache, haben eines dieser Werke dem Praxistest unterzogen. Sie finden: „Das meiste ist Schwachsinn.“

Viele Sprachfachleute sind der gleichen Meinung. Die Bücher seien „ganz nett“, meint etwa Peter Schlobinski an der Uni Hannover. Aber sie zeichneten ein falsches Bild. Jugendsprache als solche gebe es nämlich gar nicht: Es sei ein ziemlicher Unterschied, ob Zwölfjährige auf dem Schulhof über Lehrer lästern oder Fünfzehnjährige beim Skaten in der Halfpipe fachsimpeln. In den Büchern aber schnurrt alles auf ein paar Vokabeln zusammen und passt dann in jede Tasche.

Mehr als nur Tussi oder geil

Die Frage ist nur: In wessen Tasche? Häufig auch in die Erwachsener, heißt es einstimmig bei den Wörterbuch-Machern Pons und Langenscheidt. Oft würden Titel im Vorbeigehen mitgenommen, sagt eine Pons-Sprecherin. Das Geschäft läuft. In diesem Jahr lässt Langenscheidt zum ersten Mal auch ein „Jugendwort des Jahres“ wählen. Der Werbegag kommt an. 25 000 Leute haben in den ersten zwei Monaten online abgestimmt.

So etwas ärgert Eva Neuland. „Jugendsprache wird zum Konsumgut“, sagt die Sprachforscherin von der Uni Wuppertal. Dabei sei Jugendsprache viel mehr als eine Ansammlung von Äußerungen wie ey, Tussi oder geil. „Sie bedeutet auch frotzeln, lästern, herumalbern, ironisieren und karikieren, sich über jemanden lustig machen“, sagt sie.

Verfall der deutschen Sprache?

Die Wörterbücher aber trügen dazu bei, dass ein falsches Bild davon entstehe, wie Jugendliche sprechen. Da lesen Erwachsene dann burnen, Chillus und flamen und finden: Die englischen Begriffe versauen die deutsche Sprache.

Beim Weiterblättern fallen ihnen Muschitoaster, Nuttenstempel und Schwanzmütze ins Auge, und sie sehen sich bestätigt: Die Jugend wirft nur noch mit unanständigen Ausdrücken um sich. Wer lollen statt lachen sagt, dem, so wird vermutet, ist offenbar das SMS-Tippen ins Hirn gestiegen. Und so weiter und so fort. Diese Jugend heutzutage kann nicht mal mehr richtig Deutsch - wie oft hat man das schon gehört?

Der besondere Effekt im Sprachgebrauch

Stimmt alles nicht, betont Forscherin Eva Neuland. Sie hat in einer Studie 1200 Jugendliche beim Sprechen aufgenommen und befragt und sagt: Wenn von shoppen gesprochen werde, dann nicht, weil junge Leute das Wort einkaufen nicht mehr kennen.

„Vielmehr wollen sie zum Teil besondere Ausdruckseffekte erzielen, zum Beispiel ist ,der burnt bis zum Siedepunkt' ausdrucksstärker und witziger als ,der ärgert sich'.“ Was kann man eigentlich dagegen haben, dass Lukas und Julian im Gespräch mit Levent und Furkan çü (türkisch für „boah, harte Sache“) sagen? Oder wenn ein Satz bei ihnen dann mit lan (türkisch für „Alter, Junge!“) endet?

Dass junge Leute die deutsche Sprache verunstalteten, mussten sich auch Studenten vor 300 Jahren schon anhören. Daran hat sich wenig geändert. Dabei gebrauchen Erwachsene Worte aus der Jugendsprache häufig selbst. Jugendlich wollen heute viele sein, meint Forscherin Neuland.

Erwachsene klauen Ausdrücke der Jugendsprache

„Cool“ steht seit 1980 im normalen Duden. Seit 2000 wird es auch dort nicht mehr mit kühl, unaufgeregt übersetzt, sondern mit gut, sagt Werner Scholze-Stubenrecht aus der Duden-Redaktion. Mit der Abkürzung „Jugendspr.“ seien zurzeit nur etwa ein Dutzend Wörter im Rechtschreib-Duden geführt. „Auch chillen ist mittlerweile nicht mehr Jugendsprache“, sagt er. Ähnlich sei es mit Proll.

An dem erläutert Eva Neuland, was passiert, wenn Erwachsene die Wörter ihrer Kinder übernehmen: Begriffe bekommen dann oft eine andere Bedeutung. Der Proll ist für Erwachsene meist ein ungehobelter, dummer Typ. Aber nicht der Angeber im Playboyhäschen-T-Shirt, der er für 15-Jährige wie Denise ist. Sie blättert im Wörterbuch und stockt: „Nippelwetter“, liest sie vor. „Das sagt doch meine Mutter immer.“

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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